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Filme

Pop-Ikone als Prostituierte

Heiligt der Zweck wirklich alle Mittel? Im neuen Kinofilm 'Irina Palm' spielt Marianne Faithfull eine Großmutter, die sich zur Rettung ihres todkranken Enkels ins Rotlicht-Milieu begibt.

Marianne Faithfull

Marianne Faithfull spielt in "Irina Palm" eine Großmutter, die sich ins Rotlicht-Milieu begibt

Es gibt Problem-Filme, bei deren Story sofort eine Art Abwehrreflex einsetzt. Der neue Kinofilm "Irina Palm" von Regisseur Sam Garbarski ist so ein Fall. Prostitution aus der Motivation, jemandem das Leben zu retten - oh Gott, wie kitschig ist das denn? Das klingt nach dem typischen Plot eines billigen Drei-Groschen-Heftchens. So der erste Reflex. Ist der Film aber wirklich so öde?

Marianne Faithfull, Pop-Ikone der 1960er Jahre, spielt in "Irina Palm" die Mittfünfzigerin Maggie, deren Enkel todkrank ist. Für eine rettende Operation müsste er nach Australien reisen. Doch dafür fehlt das Geld. Die anständige Maggie will ihm helfen. Alles ist besser, als tatenlos darauf zu warten, dass der Kranke kläglich stirbt, während er in Australien geheilt werden könnte. Also zieht die Großmutter los, um sich einen Job zu suchen.

Miki in seinem Laden Sexy World

"Sexy World"-Geschäfts-führer Miki stellt Maggie gerne ein

Chance für rettende Operation

Maggie hat keine Ahnung, worauf sie sich einlässt, als sie in einem schummrigen Sexschuppen namens "Sexy World" ihre Dienste als Hostess anbietet. Die ältliche und behäbige Witwe mit ihrem stumpfen mausbraunen Haar, dem müden Blick ihrer kleinen Augen und den unförmigen Gewändern ist nicht unbedingt das, was man sich unter einer sexuell attraktiven Frau vorstellt.

Doch Miki, der Geschäftsführer von "Sexy World", denkt pragmatisch: Als er ihre samtweichen Hände befühlt, erkennt er ihr Potenzial und bietet ihr einen Job in der Kabine an, wo sie den Männern im Fünf-Minuten-Takt zur Hand gehen soll, anonym, durch ein kleines Loch in der Wand. Nur mit dem Dauereinsatz ihrer Hände hat Maggie die Chance, die hohe Summe für die rettende Operation zu verdienen.

Bedingungslose Liebe zum Enkel

Erst angeekelt, dann mehr und mehr routiniert, befriedigt sie als "Irina Palm" die Lust der Kunden. Durch ihre besonderen Hände ist sie gefragt und die Kunden stehen Schlange. Vor den scheinheiligen Nachbarn, aber auch vor der eigenen Familie verheimlicht sie ihre Arbeit zunächst - das führt zu einer Reihe von Konflikten. "Was mich interessiert hat", erläuterte Marianne Faithfull, "ist Maggies Weg von einer eingeschlossenen, weltabgewandten kleinen Hausfrauenexistenz ohne wirkliches Leben zu einer Person mit Mut und Stärke."

Maggie mit ihren Freundinnen

Maggie (links) verheimlicht ihren Freundinnen zunächst ihren delikaten Job

Und das ausgerechnet durch das Rotlichtmilieu. "Die Sexindustrie ist nicht unbedingt etwas Spaßiges, sondern verdammt harte Arbeit", sagte Faithfull nach der Uraufführung bei den Berliner Filmfestspielen im Februar. Sie habe Freunde, die in der Sexindustrie gearbeitet hätten. Die hätten nicht ein einziges Mal erzählt, es habe ihnen Spaß gemacht.

Zu ihrer Rolle als Maggie erklärte die Schauspielerin: "Diese Liebe von Maggie zu ihrem Enkelsohn ist ganz rein, bedingungslos. Da tut man alles. Das tun wir Frauen." Leise fügte sie hinzu: "Das ist nicht immer leicht, glauben Sie es mir."

Bruch mit eigenen moralischen Grenzen

Maggie bei der Arbeit

Großmutter Maggie arbeitet trotz Ekel im Rotlicht-Milieu

Als Sängerin genießt Marianne Faithfull seit rund vier Jahrzehnten weltweit den Status einer Pop-Ikone. Sie startete ihre Gesangskarriere 1964 mit dem Hit "As Tears Go By" und veröffentlichte bis heute zahlreiche Alben. Als Schauspielerin wirkte sie in vielen Film- und Theaterproduktionen.

Mit ihrer Titelrolle in "Irina Palm" steht Faithfull nun einmal mehr im Fokus des Interesses. Sie zeichnet das Porträt einer Frau, die aus Verzweiflung die Grenzen des eigenen Moralbegriffs durchbricht und dadurch die Hartherzigkeit der bürgerlichen Scheinmoral zu spüren bekommt. Das macht nachdenklich.

Wie gesagt: Es gibt Filme, bei deren Story sich sofort eine Art Abwehrreflex aufbaut. "Irina Palm" gehört dazu. Von dem ersten Reflex sollte man sich allerdings in diesem Fall nicht leiten lassen. Denn dieser Film hat viel mehr zu bieten als ein billiges Drei-Groschen-Stück.

Symbolbild Film Festival roter Teppich

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