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Kultur

Polygamie in der Türkei: Nur langsamer Wandel

Obwohl "Vielweiberei" verboten ist, leben in der Türkei noch heute etwa eine Million Menschen in polygamen Beziehungen. Im südöstlichen Anatolien hält sich diese Tradition und widersteht hartnäckig ihrer Abschaffung.

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Frauenhäuser bieten Zuflucht

Familie Demir, die im Dorf Bismali im Südosten der Türkei wohnt, ist nur eine von vielen Familien dieser Region, die in Polygamie leben. Dass sich die männliche und die weibliche Sicht zu diesem Thema grundlegend unterscheiden, ist nicht überraschend.

"Ich habe mit 27 Jahren geheiratet. Es war eine arrangierte Ehe, ich habe meinen Ehemann vor der Hochzeit nur einmal gesehen", erzählt Frau Demir. "Trotzdem waren wir glücklich mit unseren acht Kindern. Doch eines Tages ist mein Mann für einige Tage verschwunden und mit einer anderen Frau zurückgekehrt. Sie war viel jünger als ich. Ich war so unglücklich, dass ich für lange Zeit ins Krankenhaus musste. Es ist immer noch sehr schwer für mich, es zu akzeptieren."

"Ich habe mich mit meinem Vater sehr schlecht verstanden, wir haben uns sehr gestritten. Deshalb bin ich von zu Hause weggegangen und habe mir eine andere Frau genommen", beginnt Herr Demir, seine Sicht der Dinge zu erklären. "Einige Verwandte von mir, die im benachbarten Syrien leben, haben alles arrangiert. Ich muss zugeben, dass meine Frau damit nicht glücklich war. Sie hat für eine ganze Weile nicht mehr mit mir geredet, aber jetzt hat sie es akzeptiert und wir sind wieder alle glücklich.

"Die Frauen arbeiten zusammen und kümmern sich beide um mich. So ist es hier nun mal. Schließlich bin ich hier nicht der einzige Mann, der zwei Frauen hat; einige haben sogar drei oder vier Frauen. Es gibt hier nicht viel zu tun, man muss sich schon bemühen, sich die Zeit zu vertreiben, da ist eine Frau einfach nicht genug."

Scheidung ist oft keine Alternative

Die Frauen aus dem Zentrum für Frauenrechte kennen solche Geschichten nur allzu gut. Sie arbeiten im Auftrag der Regierung daran, Frauen zu helfen, die in solchen Beziehungen gefangen sind.

Nucan Akpinar berichtet, dass für die meisten Frauen in polygamen Beziehungen oder anderen, in denen ihre Partner Gewalt gegen sie ausüben, Scheidung kein gangbarer Weg ist.

"Selbst wenn sie ihren Ehemann hassen, sind viele der Frauen einfach nicht in der Position, sich von ihm scheiden zu lassen, weil sie wirtschaftlich wie sozial von ihm abhängig sind. Sie haben kein Zuhause mehr und wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Es gibt noch nicht einmal Frauenhäuser oder auch nur Beratungsstellen, an die sie sich wenden könnten. Wenn die Regierung ihnen also wirklich helfen will, müssen als erstes Frauenhäuser eingerichtet werden."

Frauen kämpfen für Zufluchtsorte

Früher fanden die Demonstrationen für Zufluchtsorte wenig Beachtung von Seiten der Regierung, doch da hat sich einiges geändert. Seitdem die EU von der Türkei verlangt, die Rechte der Frauen ernst zu nehmen, hat sich die Regierung dazu verpflichtet, in großen wie in kleinen Städten Frauenhäuser einzurichten.

Die europäische Perspektive der Türkei verleiht dem Reformprozess also wichtige Impulse, meint auch Nimet Cubukcu. Sie ist eine der wenigen weiblichen Abgeordneten der regierenden AKP im türkischen Parlament.

Gleichzeitig räumt sie jedoch ein, dass die Einrichtung von Frauenhäusern allein an den Problemen, denen sich Frauen in polygamen Beziehungen gegenübersehen, wenig ändern wird.

Evolutionärer Wandel

"Mehr als eine Million Menschen leben in der Türkei in polygamen Beziehungen. Dies ist ein schwerwiegendes Problem, dem mit ein paar Frauenhäusern allein nicht zu begegnen ist. Man kann eine Tradition und eine Vergangenheit, die seit Hunderten von Jahren existiert, nicht an einem Tag auslöschen."

"Die größte Herausforderung besteht darin, die Menschen dazu zu bekommen, aktiv für die Durchsetzung der Gesetze einzutreten. Wenn aber die Gesellschaft es als normal ansieht, wie soll sie dazu gebracht werden, sich für Gesetze zu engagieren, die dem widersprechen?"

"Man kann schließlich nicht jeden einsperren. Es kann nur in einem evolutionären Wandel vollzogen werden - durch eine Veränderung der Mentalitäten und durch Bildung, ein Prozess, der durch die Europäische Union vorangetrieben wird. Die Leute realisieren, dass es Veränderungen geben muss, wenn sie wollen, dass die Türkei Mitglied der EU werden will."

Lesen Sie im Teil 2 mehr über die Rolle der Bildung und der Frauen im Reformprozess.

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