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Fußball

Polnisches Fußballfest nach deutschem Vorbild

Am 2. Dezember beginnt mit der Gruppenauslosung in Kiew die heiße Phase der Vorbereitung auf die EM 2012. Co-Gastgeber Polen schaut bei der Planung der EURO auch nach Deutschland.

Blumenbeet mit dem Logo des EM-Turniers

Zum ersten Mal findet die Fußball-EM in Polen und der Ukraine statt

Wer derzeit das Quartier des polnischen EURO-Organisationskomitees in der Warschauer Innenstadt besucht, wird von einer großformatigen Digitaluhr begrüßt. Sie zählt die Tage, die Stunden und sogar die Sekunden bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels am 8. Juni 2012. Keine 200 Tage mehr sind es bis dahin.

Polen richtet die Fußball-Europameisterschaft gemeinsam mit der Ukraine aus. Keines der beiden Länder hat bislang ein vergleichbares Großereignis ausgetragen. Genau deshalb schaut man an der Weichsel auch gern in Richtung Westen. Juliusz Głuski ist Sprecher des polnischen EM-Organisationskomitees und hat hier, im Büro mit der großen Uhr, seinen Arbeitsplatz. "Polen und die Ukraine haben in vielen Bereichen nicht soviel vorzuweisen wie andere Länder. Deshalb haben wir uns natürlich an früheren Turnieren wie der WM 2006 in Deutschland orientiert", sagt Głuski: "In Deutschland war alles perfekt organisiert – die Stadien zum Beispiel werden bis heute rentabel betrieben. Das wollen wir auch schaffen."

Deutsches Know-how im Fanbereich

Deutsche und polnische Fans

Fußballfans können bei der EM wieder auf Fanmeilen feiern

Dass 2006 in Deutschland aus einer Weltmeisterschaft ein bis heute im Gedächtnis gebliebenes "Sommermärchen" werden konnte, gelang den Organisatoren aber vor allem auch durch ihre Zusammenarbeit mit den Fans. An allen Spielorten gab es sogenannte Fanmeilen. Die größte davon lag im Herzen Berlins, wo bis zu eine Million Fans aus aller Welt gemeinsam die Spiele schauten und eine große Fußballparty feierten.

Genau so ein friedliches Fest wollen die Polen im kommenden Juni auch feiern. Die staatliche Gesellschaft pl.2012, die sich um das "Drumherum" wie den Ausbau der Infrastruktur und die Betreuung der Fans kümmert, hat sich deutschen Sachverstand ins Boot geholt. Der EM-Fanbeauftragte Dariusz Łapinski hat 15 Jahre in Deutschland gelebt und erinnert sich noch gut an das "Sommermärchen": "Die Fußball-WM war ein großer Erfolg, ganz besonders, was die allgemeine Atmosphäre und die Fanbetreuung betrifft. Hier hat sich bezahlt gemacht, dass in Deutschland bereits ein Netzwerk von Fanprojekten existierte. In diesem Bereich greifen wir jetzt auf deutsche Erfahrungen zurück."

Sogenannte Fanprojekte gibt es inzwischen in Deutschland bei praktisch allen großen Clubs der ersten vier Ligen – das erste entstand 1981 in Bremen. Von Fans für Fans gegründet, wollen sie Ansprechpartner für die Anhänger sein. Sie vertreten die Fans gegenüber dem Verein, organisieren aber auch Kulturveranstaltungen jenseits des grünen Rasens und wollen auf diese Weise auch gewaltbereiten Hooligans den Wind aus den Segeln nehmen.

Generalprobe Freundschaftsspiel

Nationalstadion Warschau

Im neuen Nationalstadion in Warschau spielt Polen am 8. Juni das Eröffnungsspiel

Dariusz Łapinski arbeitete viele Jahre lang für das Fanprojekt des SV Babelsberg 03 im brandenburgischen Potsdam. "Nachdem Polen und die Ukraine den Zuschlag für die EM bekommen hatten, dachte ich mir, dass das jetzt die Chance ist, eine ähnliche Struktur wie in Deutschland aufzubauen - also eine pädagogische Sozialarbeit mit Fußballfans zu starten", sagt Łapinski und fügt hinzu: "Letztendlich bin ich dabei, das, was in Deutschland erfunden wurde, jetzt auch in Polen einzuführen – natürlich mit kleinen Änderungen."

Bei der EM soll es deshalb in Polen sogenannte "Fanbotschaften" geben – die wie die deutschen Fanprojekte Anlaufstellen für die Anhänger sein sollen. Die Generalprobe hat das Konzept "Fanbotschaft" im September 2011 am Rande des Freundschaftsspiels Polen gegen Deutschland in Danzig bestanden. Zusätzlich wird es an allen vier Spielorten wie auch schon bei der WM in Deutschland Fanzonen geben, in denen sich die Fans treffen können, um gemeinsam zu essen, zu trinken, Konzerte zu hören, Fußball zu spielen und natürlich Fußball zu schauen.

Fanbetreuung per Internet

Dass man sich am deutschen Erfolgsmodell orientieren will, sagt auch Mikołaj Piotrowski, Sprecher von pl.2012. "Toll war damals zum Beispiel das nach Farben geordnete Verkehrsleitsystem. Wer einen blauen Punkt auf dem Ticket hatte, musste diesem Symbol einfach nur von der Autobahn aus bis zu seinem Stadionsitz folgen. Die Leute fühlten sich von den Organisatoren an die Hand genommen." Klar ist für Piotrowski aber auch: "Wir wollen nichts kopieren. Für unser Turnier haben wir viele eigene Ideen."

Eigene Akzente bei der Fanbetreuung will Polen vor allem im Internet setzen. "Facebook spielte bei der WM 2006 noch keine große Rolle, wir dagegen werden eine eigene Seite einrichten", kündigt Piotrowski an. "Dort soll Europa mit uns Polen in den Dialog treten, soll uns direkt fragen, was es in den Gastgeberstädten zu entdecken gibt. Und meine Landsleute sollen die Antworten darauf geben."

Herzstück des Betreuungskonzepts wird die Seite www.polishguide2012.pl sein, die Anfang Dezember online geht. Hier soll jeder Fan drei Standardfragen beantworten: Wen feuerst Du an? Wo fährst Du hin? Wofür interessierst Du Dich? So soll jeder zielgerichtet an die Infos gelangen, die er braucht. Auch als Smartphone-App wird der "Polish Guide" zur Verfügung stehen.

Ungleiche Voraussetzungen

Mannschaftsbild Polen vor Freundschaftsspiel gegen Italien am 11.11.2011

Die polnische Mannschaft ist bei der Auslosung in Gruppe A gesetzt

Auch die Stadien in Polen sind rechtzeitig fertig: In Danzig, Breslau und Posen konnte bereits Eröffnung gefeiert werden und auch im Warschauer Nationalstadion werden derzeit die letzten Schrauben festgezurrt. In einem Punkt werden es die Polen allerdings wohl nicht mehr schaffen, den Deutschen nachzueifern: bei der Verkehrsinfrastruktur. Juliusz Głuski verteidigt seine Landsleute und sagt: "Auf Vieles mussten sich die Deutschen gar nicht mehr vorbereiten. Die ganze Infrastruktur, die Autobahnen, das Eisenbahnnetz, das alles war ja schon da."

Nach der Auslosung der Gruppen am 2. Dezember im ukrainischen Kiew ist endlich klar, welches Team wann und in welcher Stadt gegen wen spielen wird. Polen ist in Gruppe A gesetzt und bestreitet das Eröffungsspiel in Warschau. Wen sich die Organisatoren als Gegner wünschen? "Generell wären mir alle Mannschaften lieb, die viele Anhänger mitbringen", sagt Dariusz Łapinski, "also Deutschland, England, aber auch Holland, Irland oder Schweden".

Die deutsche Mannschaft wäre auch vielen polnischen Fans besonders lieb – schließlich ist da sportlich noch die ein oder andere Rechung offen: Bislang konnte Polen nämlich noch nie gegen die Deutschen gewinnen.

Autor: Friedel Taube
Redaktion: Monika Dittrich

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