1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Polnischer Perspektivwechsel

Großeltern und ihre Enkel verbindet oft etwas ganz besonderes. Diese Erfahrung machte auch die deutsch-polnische Autorin Sabrina Janesch. Von dem, was ihr Opa ihr erzählte, wussten seine eigenen Kinder lange nichts.

Portraitfoto von Sabrina Janesch (Foto: Aufbau Verlag)

Sabrina Janesch

Von einer Anhöhe schweift der Blick über den Berliner Wannsee, Laubbäume umschließen die Aussicht wie ein Bilderrahmen. Sabrina Janesch sitzt in dem Wintergarten einer Gründerzeitvilla, dem Sitz des Literarischen Colloquiums Berlin. Für drei Monate ist die junge Schriftstellerin hier Stipendiatin, nach Stuttgart und Danzig ihr drittes Arbeitsstipendium.

Die 25-Jährige hat in Hildesheim "Kreatives Schreiben" studiert. Sie ist eine disziplinierte und ehrgeizige Schriftstellerin - und vor allem talentiert. Vor kurzem erschien ihr Debüt "Katzenberge". Der Roman handelt von der jungen Journalistin Nele, Tochter einer Polin und eines Deutschen, die nach dem Tod ihres polnischen Großvaters ihre Familiengeschichte durchwühlt. "Das Thema wurde mir tatsächlich in die Wiege gelegt, die Familiengeschichte der Nele Leibert deckt sich schon mit der Geschichte meiner Familie. Ich hatte tatsächlich diesen Großvater, der unheimlich gern erzählt hat und der eine üppige Phantasie hatte", sagt Sabrina Janesch.

Polnische Deutsche - deutsche Polin


Foto vom Cover des Debütroman Katzenberge. Es zeigt ein schwarz-weißes Foto von einer alten Teetasse aus Porzellan (Foto: Aufbau Verlag).

"Djadjo" heißt der Großvater im Roman, ein polnischer Kosename, etwa wie das Deutsche "Opa". Wie ihre Romanfigur ist auch Sabrina Janesch eine polnische Deutsche, oder eine deutsche Polin - je nach Blickwinkel oder in welchem Land sie gerade unterwegs ist. Als Kind war sie oft auf dem Hof ihrer Großeltern in Schlesien. Dort hörte sie den Geschichten ihres Großvaters zu: traurige Geschichten von Flucht und Vertreibung, märchenhafte Geschichten von undurchdringlichen Wäldern, schwierige Geschichten von ungewollten Neuanfängen. Ihr Großvater habe ihr viel mehr erzählt als ihrer Mutter oder ihrem Onkel, sagt die Enkelin. "Vielleicht gab es da eine Erleichterung über die Jahre hinweg, die dann diese Großeltern-Generation dazu befähigt hat, wenigstens mit den Enkeln darüber zu reden, was geschehen ist."

Sabrina Janeschs Großvater gehörte zu denjenigen Polen, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges aus Ostpolen vertrieben und daraufhin in den Häusern vertriebener Deutschen angesiedelt wurden. Aus einem Teil Polens wurde die Ukraine, aus einem Teil Deutschlands Polen.

"Großvater sagte, als man ihn zum ersten Mal nach Schlesien gebracht habe, sei er beinahe erstickt. Die Viehwaggons, in denen man ihn und die anderen Bauern vom östlichen Ende Polens gen Westen verfrachtet hatte, seien über und über mit Brettern zugenagelt gewesen. (…) Wir wussten nicht, wohin wir fahren, sagte Großvater, wohin sie uns bringen würden. Einer der jüngeren Männer im Waggon habe gemurmelt, dass es nun vorbei sei, jetzt bringe man sie dorthin, wohin sie auch die Juden gebracht hatten. Es gäbe gar kein Schlesien. Erfunden hätte sie es: ein Lager namens Schlesien."

Polnische und ukrainische Grenzpfähle auf einem verschneiten Feld an der polnisch-ukrainischen Grenze (Foto: AP /Alik Keplicz).

Unfreiwillige Genzverschiebung: Nach dem Zweiten Weltkrieg Krieg wurde Polen um rund 250 Kilometer nach Westen geschoben

Familiäre Märchenstunde

"Großvater sagte" - so beginnen jene Kapitel in dem Roman, die der Lebens- und Fluchtgeschichte von Neles Djadjo gewidmet sind. Dazwischen erzählt Nele von ihrer eigenen Reise: Als der Großvater stirbt, beschließt sie nämlich in die Ukraine zu fahren, um das Dorf ihrer Großeltern zu besuchen und Menschen zu treffen, die ihnen während der Flucht geholfen hatten.

Sabrina Janesch hat übrigens tatsächlich diese Reise unternommen, ist selbst von Schlesien nach Galizien gereist, dorthin, wo ihre Familie herstammt. Nur verlief ihre Reise nicht so problemlos wie die ihrer Romanfigur, die innerhalb weniger Tage den Geburtsort ihres "Djadjos" findet. Rund einen Monat war die junge Schriftstellerin in Südostpolen und der Ukraine, aber auch sie fand schließlich das Haus ihres Großvaters, das heißt viel mehr die Stelle, wo es einst gestanden hatte. Trotz einiger Parallelen ist ihr Roman aber nicht autobiografisch zu verstehen, sagt Sabrina Janesch. "Die Spannungsbögen, die in dem Buch angelegt sind, sind natürlich fiktiv." Verraten werden sollen sie an dieser Stelle nicht. Nur so viel: Die Hauptfigur Nele erkundet nicht nur Familienvergangenheit, sondern deckt auch Familiengeheimnisse auf.

Deutsch-polnische Familienschicksale?

Schwarz-weiß Foto, zeigt deutsche Flüchtlinge im Jahre 1945.

Vertriebene Deutsche 1945

"Diesem Buch sind viele Leser zu wünschen", so wird der Schriftsteller Günther Grass auf dem Buchcover zitiert. Der Literaturnobelpreisträger hat in einigen seiner Romane die Vertreibung der Deutschen thematisiert. Nun hat eine 25 Jahre junge Schriftstellerin eine fehlende Roman-Lücke in dieser schwierigen deutsch-polnischen Dauerdebatte geschlossen: die Vertreibung der Polen. Für viele deutsche Leser dürfte dieses Thema trotz zahlreicher Publikationen neu sein. "Mein Buch ist ein Versuch, die polnische Seite der Erinnerungen zu zeigen. Ich möchte nichts gegeneinanderhalten, aber es würde mich freuen, wenn die Leser Parallelen in den Familienschicksalen finden. Und dass der Krieg schreckliche Dinge auf beiden Seiten angerichtet hat."

Geschrieben und erzählt aus der Sicht einer Enkelin ist dieses Debüt kein sentimentaler Heimatroman, sondern ein Versuch, sich der eigenen Identität samt Familiengeschichte zu stellen.

"In meinem Kopf hörte ich den Tonfall, mit dem Djadjo sagen würde: Mädchen, kämpf mit deinen eigenen Dämonen. Mir fiel erst jetzt, nach seinem Tod, die Antwort ein: Was wenn Dämonen, wie Sprache oder Land, vererbbar sind?"

Autorin: Nadine Wojcik
Redaktion: Petra Lambeck


Sabrina Janesch: "Katzenberge". Aufbau-Verlag. 304 Seiten. 19,95 Euro.

WWW-Links