1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Ostmitteleuropa

Polnische Nachbarn für Mord an Juden in Jedwabne verantwortlich

– Institut für Nationales Gedenken legt Ermittlungsergebnisse vor

Warschau, 10.7.2002, GAZETA WYBORCZA, poln., Urszula Artel

"Die polnischen Einwohner des Dorfes Jedwabne sind die Täter, die für den Mord an ihren jüdischen Nachbarn verantwortlich sind. Man kann annehmen, dass dieser Mord infolge deutscher Inspiration verübt wurde". Diese Ermittlungsergebnisse wurden am Dienstag (9.7.) vom Institut für Nationales Gedenken (IPN) am Vortag des 61. Jahrestages des Mordes an den jüdischen Bewohnern des Dorfes Jedwabne vorgestellt. Diese Ergebnisse wurden in einer speziellen Erklärung vom zuständigen Staatsanwalt, Radoslaw Ignatiew, veröffentlicht.

"Im strafrechtlichen Sinne ist es begründet, die Schuld für die Tat im allgemeinen Sinne den Deutschen zuzuweisen", las Staatsanwalt Ignatiew vor und fügte hinzu: "Als Ausführende im konkreten Sinne sind jedoch die ehemaligen polnischen Bewohner von Jedwabne und Umgebung anzusehen, d.h. Männer, deren Zahl sich zumindest auf vierzig belief".

Es wurde festgestellt, dass "eine kleine Gruppe von Deutschen beim Zusammentreiben der Juden auf den Markt geholfen hat. Ihre Beteiligung an diesem Mord war jedoch nur darauf beschränkt. Die Präsenz der Deutschen bedeutete ihr Einverständnis mit diesem Mord. Von entscheidender Bedeutung für die Durchführung des mörderischen Planes ist jedoch die "direkte Beteiligung der Polen" einzustufen, erklärte Radoslaw Ignatiew.

"Es ist schwer zu sagen, ob die gleichgültige Haltung der Mehrheit der ehemaligen Bewohner von Jedwabne durch ihre Akzeptanz dieses Mordes bedingt war oder aus Angst vor der Brutalität der Täter resultierte", sagte Staatsanwalt Ignatiew.

Er erklärte außerdem, dass er beabsichtige, die Ermittlungen einzustellen, da es nicht mehr möglich sei, weitere Täter zu ermitteln, außer denen, die bereits vor Gericht gestellt wurden. Auf die Entscheidung über die Einstellung der Ermittlungen müsse jedoch noch gewartet werden.

"Wir haben uns an Israel mit der Bitte um Hilfe gewandt und wir warten auf Dokumente von den Familienangehörigen der Opfer. Dies wird uns weitere Details liefern und uns erlauben, die genaue Zahl der Ermordeten zu ermitteln. Ich meine aber nicht, dass dies die Sachverhalte entscheidend verändern kann", sagte Radoslaw Ignatiew.

Die Ermittler des IPN haben festgestellt, dass sich in zwei Massengräbern in der Scheune die sterblichen Überreste von etwa 300 Personen befinden. Sie haben jedoch nicht ausgeschlossen, dass es auch andere Opfer gibt, die auf dem jüdischen Friedhof begraben wurden. In seinem Buch "Nachbarn" hat der Verfasser, Tomasz Gross, die Zahl von 1 600 Opfern angegeben. Diese Zahl wurde auch auf der Tafel des Denkmals angegeben, das noch im kommunistischen Polen entstanden ist. Das Institut für Nationales Gedenken hat diese Angaben aber als "höchst unwahrscheinlich" bewertet.

Professor Witold Kulesza, Leiter der Ermittlungsabteilung des IPN und Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew haben drei Stunden den Verlauf der Ermittlungen, der Exhumierungen und die Arbeitsergebnisse der Sachverständigen erläutert. Sie haben Bilder der gefundenen Gegenstände und der menschlichen Überreste sowie die Pläne der Gräber gezeigt und die Aussagen der Zeugen zitiert.

In der Scheune in Jedwabne sind etwa 300 Juden ermordet worden: Männer, Frauen, Teenager und sogar Säuglinge. Während der Exhumierung wurden etwa 500 kg Asche von den Archäologen untersucht. Die gefundenen Gegenstände wurden zu weiteren Untersuchungen freigegeben und die menschlichen Überreste wurden vom Rabbiner wieder beerdigt.

Während der Untersuchungen wurden 89 Patronenhülsen gefunden, die jedoch aus der Zeit zwischen 1907 und 1912 stammen oder nach Herbst 1941 abgeschossen wurden. Es wurden 98 Zeugen verhört, darunter aus Israel, Kanada und den USA.

Kommentar der Zeitung GAZETA WYBORCZA: Polnische Stimme

Die Angelegenheit Jedwabne bedeutet für die Polen dasselbe, was für die Franzosen die Dreyfus-Affäre war. Die polnischen katholischen Bischöfe sprachen heute die entscheidenden Worte. Das ist die Stimme Polens, die Stimme der aufrichtigen Bürger, die über allen politischen und religiösen Unterschieden stehen. Mit den Worten der Bischöfe sprach auch das freie, demokratische und unabhängige Polen.

Die Bischöfe sagten: "Wir bedauern tief die Vorgehensweise derer, die im Laufe der Geschichte und besonders in Jedwabne aber auch an anderen Plätzen den Juden Leid zufügten oder sie sogar ermordeten".

Wir schließen uns dem tiefen Bedauern der polnischen Bischöfe an. (Sta)

  • Datum 12.07.2002
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/2TkP
  • Datum 12.07.2002
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/2TkP