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Europa

Polnische Häftlinge im Rampenlicht

Proben, Texte lernen, auf der Bühne stehen und Applaus empfangen: All das ist Bestandteil einer Therapie, die Häftlinge resozialisieren soll. In der Justizvollzugsanstalt von Bialystok wird auf Schauspielerei gesetzt.

Schauspieler in Kostümen stehen in einem Raum zusammen (Foto: Justyna Bronska)

Proben für ein modernes Weihnachtsmärchen

Die Theaterbühne im Knast Bialystok: Seit einem halben Jahr treffen sich sieben Häftlinge, eine Schauspielerin des städtischen Theaters und ein Regisseur in dem Gemeinschaftsraum des Gefängnisses, um ein modernes Weihnachtsmärchen zu proben. Jeder durfte mitmachen, doch nur wenige wollten.

Ein Stück Freiheit

Die Silhouette eines Mannes vor Gefägnisgittern am Fenster (Foto: DW)

Das Schauspielern ist auch eine Ablenkung vom Leben im Gefängnis

Janusz wollte unbedingt dabei sein, "weil die Leute von draußen kamen, der Regisseur und auch die Schauspielerin. Man merkt, dass es freie Menschen und keine Gefangenen sind, auch an ihrer Kleidung. Und sie duften nach Freiheit, man riecht das Parfüm", sagt er. Für Janusz ist das Theaterstück die Möglichkeit, sich zumindest für kurze Zeit von dem Alltag im Gefängnis zu befreien. Janusz ist zum dritten Mal im Gefängnis. In zwei Jahren wird er freigelassen.

Die Häftlinge sind bereits zwei Mal im städtischen Theater von Bialystok aufgetreten. Bald werden sie zum dritten Mal dort auf der Bühne stehen. Das Rampenlicht, die Kameras, der Applaus - davon habe er nie zu träumen gewagt, lächelt Janusz schüchtern. Die Schauspielerei habe ihn sehr verändert, sagt er. Sie habe ihn dazu bewegt, in sich selbst hineinzuschauen. "Heute betrachte ich mich anders als früher: Ich sehe, dass auch ich ein Mensch bin, der etwas wert ist. Ich bin zwar verurteilt worden, aber ich bin ein ganz normaler Kerl."

Resozialisierung durch Schauspielerei

Tadeusz Kaczynski (Foto: Justyna Bronska)

Tadeusz Kaczynski ist von dem Konzept überzeugt

In der Haftanstalt von Bialystok sind vor allem Rückfällige wie Janusz inhaftiert. Viele sähen den Aufenthalt im Gefängnis nur als eine Ruhepause vor dem nächsten Verbrechen, sagt der Gefängnisdirektor Tadeusz Kaczynski. Die Schauspielerei sei die beste Therapie, die Kriminellen auf den richtigen Weg zu bringen, ist er überzeugt. Sie glaubten nicht, dass sie etwas anderes machen können, als Verbrechen zu begehen. Sie glaubten nicht mehr, dass sie ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein können. "Deshalb muss man ihnen zeigen, dass sie normale und wertvolle Menschen sind, dass sie von anderen bewundert und beklatscht werden, weil sie etwas Gutes tun", erklärt der Gefängnisdirektor, der ausgebildeter Sozialpädagoge ist. Nur wer Vertrauen in sich selbst habe, könne sich produktiv in das gesellschaftliche Leben einbringen.

Die Therapie durch Schauspielerei habe sich bewährt, stellt auch der Regisseur Dariusz Szada-Borzyszkowski fest. Seit einem halben Jahr beobachtet er bei den Proben, wie sich das Verhalten seiner Laien-Schauspieler gewandelt hat. "Nach und nach haben sie bei sich selbst gute Seiten entdeckt", stellt er fest. Sie seien immer offener und höflicher gegenüber den anderen geworden.

Auf dem Weg in die Freiheit

Regisseur Dariusz Szada-Borzyszkowski gibt den Laien-Schauspielern Anweisungen (Foto: Justyna Bronska)

Regisseur Dariusz Szada-Borzyszkowski (rechts) gibt den Laien-Schauspielern Anweisungen



Das Stück, das die Häftlinge aufführen, handelt von der Geburt von Jesus Christus. Der Häftling Marcin spielt die Rolle des bösen Herolds. Er sehe in sich dem Herold, "weil dieser Mensch nicht nur gute Sachen im Leben gemacht hat. Im Gegenteil", sagt der 32-Jährige. Herolds Verhalten habe ihn angeregt, über sich selbst nachzudenken. "Dadurch konnte ich mich sozusagen neben mich stellen und mir so über meine Taten und mein Verhalten Gedanken machen." Elf Jahre hat Marcin bereits im Gefängnis verbracht. In einem Jahr darf er seine Zelle verlassen - für immer, wie er hofft.

Gefängnisdirektor Kaczynski und Regisseur Szada-Borzyszkowski haben bereits ein neues Theaterstück geplant. Diesmal möchten sie noch mehr Häftlinge zum Schauspielern und damit zum Nachdenken über sich selbst motivieren.


Autorin: Justyna Bronska
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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