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Amerika

Polizeigewalt weiterhin in den Schlagzeilen

Freddie Gray starb in Polizeigewahrsam. Monate nach dem Vorfall beginnt nun der Prozess im US-amerikanischen Baltimore. Doch nicht nur an der Ostküste bleibt Polizeigewalt ein Thema. Aus Chicago berichtet Miodrag Soric.

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Protest gegen Polizeigewalt in Chicago

Rassismus sei in den USA kein Thema mehr. Das glaubten viele nach der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten. Doch Fortschritte lassen auf sich warten, sogar in Chicago, der politischen Heimat Obamas.

"Ich bin Amerikanerin, ich habe das Recht einzukaufen!" Eine ältere Dame steht vor einigen hundert wütenden Demonstranten in Chicagos feinster Einkaufsmeile, der North Michigan Avenue. Sie ist ungehalten. Die Protestler, zum größten Teil Afroamerikaner, versperren ihr und vielen anderen den Zugang zu mehreren Geschäften. Sie skandieren: "16 Schüsse, 14 Monate!" In Chicago kennt fast jeder diese Zahlen: Die 16 Schüsse feuerte der Polizeibeamte Jason Van Dyke mit seiner Dienstwaffe auf den mit einem Messer bewaffneten 17-jährigen Afroamerikaner Laquan McDonald. Gleich der erste Schuss, das zeigt ein vor wenigen Tagen veröffentlichtes Video, streckte den Teenager nieder. Dennoch entleerte der Beamte sein Magazin. Die Bilder - ohne Ton - wirken wie eine Hinrichtung.

14 Monate steht für die Zeit, die das Justizsystem brauchte, um den Polizisten wegen Mord anzuklagen. Viel zu lange. Das glauben die meisten Einwohner in Chicago, auch der Sozialarbeiter David Bates. Der Afroamerikaner verbrachte 10 Jahre im Gefängnis für eine Tat, die er nie begangen hatte. Die Polizei hatte ihn aufgrund einer Falschaussage festgenommen und so lange geschlagen, bis er bereit war alles zuzugeben. Inzwischen ist er rehabilitiert, unterstützt junge Menschen in den mehrheitlich von Afroamerikanern und Latinos bewohnten Stadtteilen.

"Die weißen Einwohner vom Einkaufen abzuhalten - und das am Black Friday Wochenende - ist falsch", so Bates. Damit würden die Demonstranten die Menschen aufbringen, statt sie auf das eigentliche Problem hinzuweisen: Rassismus unter Polizisten, ein wenig effektives und unterfinanziertes Justizsystem, Korruption bei lokalen Politikern und Gewerkschaftlern.

Chicago und Baltimore sind nicht allein

Alles das ist nicht typisch für Chicago, sondern gilt auch für andere amerikanische Städte. So behauptet der "Guardian", in den USA seien 2015 über 960 Menschen von Polizisten getötet worden. Das "Wall Street Journal" ergänzt, nur 12 Beamte seien wegen ziviler Todesopfer angeklagt worden, also nur ein kleiner Teil im Vergleich zur Zahl der Tötungsdelikte. Immerhin beginnt an diesem Montag in Baltimore der Prozess gegen einen der Polizisten, denen der Tod des Afroamerikaners Freddie Gray im April dieses Jahres zur Last gelegt wird.

Proteste gegen Polizeigewalt in Baltimore (Foto: Reuters)

Der Tod von Freddie Gray am 23. April 2015 hat Baltimore verändert

"Wir dürfen nicht den Fehler machen und alle amerikanischen Polizisten über einen Kamm scheren", so Bates. Viele würden sich aufrichtig bemühen, den Menschen zu helfen. Bates' Ratschlag, die Geschäfte in der Chicagoer Innenstadt in Ruhe zu lassen, verhallten ungehört. Immer wieder stellen sich Protestler vor Läden, sperren sogar ganze Straßenzüge. Sie werden unterstützt von prominenten Rednern. Einer von ihnen ist der Menschenrechtsaktivist Jesse Jackson. Den Hut tief ins Gesicht gezogen, eingehüllt in einen dicken Mantel, mit Schal um den Hals, fordert er den Rücktritt der zuständigen Staatsanwältin Anita Alvarez sowie den des Polizeichefs Garry McCarthy.

Jackson legt den Finger in die Wunde, indem er nach einem weiteren Video fragt, das die Zeit vor den Schüssen des Polizeibeamten auf den Teenager zeigen soll. Die Kamera gehörte zu einem Schnellrestaurant und der Besitzer unterstellt der Polizei, das Video gelöscht zu haben. Diese weist die Schuld von sich.

Die Konfusion wächst - nicht nur in Chicago, wie Michele Jawando, vom linksliberalen Center for American Progress meint. "Es gibt Vorfälle, da denken die Menschen, sie könnten noch nicht mal einen Polizisten ansehen, ohne gleich verhaftet oder zumindest verdächtigt zu werden. Das führt zu Misstrauen in der Community." Laut einer Gallup-Umfrage vertraut nur jeder zweite Amerikaner der Polizei - der niedrigste Wert seit 1993.

Polizeikontrollen als Schikane

Angst vor der Polizei, das ist ein Gefühl, das auch viele Latinos kennen. Die Einwanderergeneration redet kaum darüber. Doch die Jüngeren lassen sich den Mund nicht verbieten, so etwa die 19-jährige Studentin Jasmin Nava und ihre 32-jährige Freundin Cindy Martinez. Beide sind in den Latino-Vierteln im Süd-Westen Chicagos aufgewachsen. Ihre Väter kamen vor Jahrzehnten aus Mexiko in die USA, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen.

Martinez, die sich in der Latino-Community engagiert, erzählt, dass die Beamten in Chicago jene Stadtteile, in den mehrheitlich Latinos oder Afroamerikaner leben, viel öfter und strenger kontrollieren. "Dementsprechend finden sie da auch mehr." Viele der Bewohner kommen zu spät zur Arbeit, weil sie völlig grundlos von Polizisten angehalten würden. Die Kontrollen könnten 20 Minuten und länger dauern und einige würden so ihren Job verlieren. "Reine Schikane, die die meisten Latino-Familien kennen", sagt Cindy Martinez.

Anwalt von Polizist Jason Van Dyke Prozess um Laquan McDonald (Foto: Getty Images)

Alle Augen auf Dan Herbert: Der Anwalt von Polizist Jason Van Dyke im Prozess um Laquan McDonald spricht mit der Presse

Chicagos Bürgermeister Rahm Emanuel wollte eigentlich den Polizeiapparat reformieren. Unter anderem wegen dieses Versprechens ist er 2011 gewählt und im Frühjahr dieses Jahres knapp wieder gewählt worden. Wirklich erfolgreich war er damit nicht. Sozialarbeiter Bates erklärt: "Afroamerikaner sind gemäß ihres Bevölkerungsanteiles bei den Polizeikräften unterrepräsentiert."

Hinzu kommt, dass Fehlverhalten bei der Polizei selten Folgen hat. Über den Chicagoer Beamten Jason Van Dyke lagen zahlreiche Beschwerden vor. Doch die Polizeichefs und die Gewerkschaft stellten sich hinter ihn. Konsequenzen sind nie gezogen worden. Hätte es die gegeben, so glauben viele in Chicago, wäre Laquan McDonald vielleicht noch am Leben.

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