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Kultur

Polizeialltag im Kino: "Wir waren Könige"

Das deutsche Kino tut sich schwer mit Genre-Filmen. Philipp Leinemanns Thriller "Wir waren Könige" setzt auf Authentizität: Die Arbeit bei der Polizei sei mehr "als nur mit Blaulicht durch die Nacht fahren".

Es ist die Geschichte einer SEK-Truppe, die sich aufreibt - während der Arbeit, aber auch intern. Zwei kriminelle Jugendgangs beschäftigen die Polizisten des Sondereinsatzkommandos rund um die Uhr. Innerhalb der Polizeitruppe tun sich darüber hinaus Risse auf. Korruption und Kompetenzstreitereien zwischen den einzelnen Beamten beherrschen den Alltag. All das hat der junge Regisseur Philipp Leinemann zu einem mitreißenden, auch filmisch aufregenden Genrefilm verarbeitet. Wir trafen den Filmemacher vor der Kinopremiere zu einem Gespräch.

Deutsche Welle: Wie würden Sie selbst ihren Film einordnen, ist es ein Polizeifilm, ein Thriller, eine Studie in Sachen Alltagsgewalt?

Philipp Leinemann: Die Frage musste ich schon oft beantworten. Ich wusste eigentlich zunächst selber nicht, ob das jetzt ein Polizeithriller ist. Inzwischen würde ich sagen, es ist definitiv einer. Das hat sich aber erst im Schnitt herausgestellt. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein Drama, weil es im Film auch diese Clique mit den Jugendlichen gibt. Das ist ja auch fast schon ein eigenes Genre. Aber in erster Linie ist

"Wir waren Könige"

sicherlich ein Polizeithriller mit Drama-Elementen.

Philipp Leinemann Filmregisseur (Foto: Jochen Kürten)

Philipp Leinemann im DW-Gespräch

Thema Freundschaft im Vordergrund

Auffallend ist der Blick auf die Männerbünde, die der SEK-Einheit, die der Jugendlichen. Ist Ihr Film auch der Versuch, diese Beziehungen innerhalb der Gruppen zu beleuchten?

Sicherlich war von Anfang an das Thema Freundschaft innerhalb dieser zwei Cliquen, was mich interessiert hat. Das Drehbuch hatte ich schon 2004 an der Filmhochschule im Kopf. Auch davor hat mich das Thema Freundschaft interessiert, in den Filmen, die ich immer schon für mich gemacht habe als Amateurfilmer. Ich glaube, ich wollte dieses Thema dann auch noch einmal richtig machen: Freundschaft und auch den Zerfall davon. Im Film sieht man ja die Cliquen, bei denen diese Freundschaft schon gar nicht mehr vorhanden ist. Die leben ja eigentlich nur noch so eine Vorstellung davon.

Welche Rolle hat der realistische Blick auf das Leben der Polizisten gespielt?

Auf jeden Fall wollten wir es authentisch machen, gerade auch, was den Polizeiaspekt betrifft. Es gibt ja sehr viele Polizeifilme im deutschen Fernsehen. In meinem Freundeskreis sind einige Polizisten, auch SEK-Beamte. Schwierig war es zunächst mal, die richtigen Schauspieler zu finden, denen man ihre Rolle glaubt, denen man diesen Job glaubt, denen man glaubt, dass sie das aushalten können.

Filmstill Wir waren Könige (Foto: Verleih/dpa)

Das ist nicht der Alltag - SEK im Einsatz in "Wir waren Könige"

Es ist ja viel mehr als nur mit Blaulicht durch die Nacht fahren. Manchmal muss man stundenlang in irgendeinem Treppenhaus stehen. Man schwitzt mit der schweren Ausrüstung. Man hat nichts außer sich selbst. Es gibt nur den Augenkontakt, daran müssen sich die SEK-Beamten festhalten. Dasselbe trifft auch auf die Jugendlichen zu, denen man die Sprache glauben muss, wir wollten ja keine Klischeegangster…

Schillernde Filmcharaktere

Ihre Figuren zeichnen sich durch eine differenzierte Charakterisierung aus. Die Polizeibeamten haben auch Schattenseiten. Auf der anderen Seite sind die Gangster zum Teil sympathisch dargestellt. Wie haben Sie Klischees vermieden?

Es ist doch das langweiligste, was es gibt: Eindimensionale Figuren, die keine Dualität haben. Meine Hoffnung war, dass man versteht, woher diese Wut und der Frust der Beamten kommen.

Würden Sie sich wehren, wenn man "Wir waren Könige" als Männerfilm bezeichnet?

Wie könnte ich mich da wehren? Bei so viel Männern und so viel Testosteron und so viel Kraft ist es definitiv ein

Männerfilm

. Was aber nicht heißt, dass auch Frauen diesen Film nicht gerne sehen - nicht nur wegen der Männer, die mitspielen, sondern auch wegen der Geschichte. Interessanterweise war das Feedback nach der

Premiere

(in München) sehr gut von Seiten der Frauen. Es gibt ja auch den einen oder anderen Aspekt, der Frauen interessieren könnte. Wir haben am Ende ja auch noch eine kleine Liebesgeschichte drin.

Filmstill Wir waren Könige (Foto: Verleih/dpa)

Männerbünde - nach Feierabend trifft man sich zum Bier

Sie haben es ja schon gesagt, Sie kennen einige SEK-Beamte persönlich - inwiefern kam das Ihrem Film zu Gute?

Die Recherchen waren sehr gründlich. Und natürlich hatte ich auch Glück, da ich so viele Beamte in meinem Freundeskreis habe, die in diesem Bereich arbeiten, der ja sehr verborgen ist. Die sind ja auch innerhalb der (normalen) Polizei sehr abgekapselt. Ich durfte SEK-Räume sehen, die Beamten sprechen. Viele kenne ich seit Jahren. Vieles ist da eingeflossen aus Gesprächen, auch mal beim Bier, in Frust und Wut erzählt. Da geht es dann nicht nur um die Gewalt von außen, von der Straße, sondern auch um interne Dinge: die mangelnde Rückendeckung, die schlechte Ausstattung und Ausrüstung, Korruption etc. Das gibt es alles, das wird in den Medien aber nicht breitgetreten. Das ist schon sehr realistisch. Ich hoffe, dass der Film nicht die Moralkeule schwingt, sondern, dass man versteht, woher dieser Frust und diese Wut eigentlich kommen.

TV-Tatort kein Vorbild

Der Polizeifilm ist, gerade in Deutschland, siehe der Tatort am Sonntag im Fernsehen, ein ungeheuer populäres Genre. Was macht einen guten Polizei-Film aus?

Aus meiner Sicht müsste er mehr den Polizeialltag, die Realität abbilden. Ich glaube, dass ein "Tatort" das nicht mehr widerspiegelt. Das erfährt man, wenn man viele Polizisten kennt. Die wollen schon gar nicht mehr darüber reden. Wenn man den Anspruch hat, und den hatte ich bei dem Film, man macht einen Film über Polizisten und deren Alltag mit all den Schattenseiten, dann solle man das auch möglichst authentisch erzählen.

Filmstill Wir waren Könige (Foto: Verleih/dpa)

Der 13-jährige Junge Nasim gerät zwischen die Fronten

Wie sah Ihr visuelles Konzept aus? Sie haben nicht in München oder Hamburg, nicht in Frankfurt oder Köln gedreht, wo die allermeisten Filme dieses Genres entstehen.

Ich glaube einfach, wenn man einen Film für das Kino macht, dass man den Film auch gerne sehen möchte. Dass es auch etwas für die Augen geben muss. Ich verstehe manchmal nicht, warum es immer so nüchtern und klinisch tot ist beim deutschen Film. Der Vorwurf, "das ist doch viel zu amerikanisch", also der Look, verstehe ich nicht.

Herbstliche Optik

Wir hatten ein klares Konzept. Es ging darum, die Melancholie zu erzählen, die auch in der Geschichte steckt. Zu zeigen, wie die Romantik langsam stirbt, auch in den Bildern, die herbstlich sind. Der

filmische Look

verstrahlt Nostalgie, auch durch die entsättigten Sepia-Farben. Auf der anderen Seite hat "Wir waren Könige" diese kalten Farben dieser Polizeiwelt, gerade bei den Nachtszenen. Es war eigentlich sehr schnell klar, dass dieser Film so einen Look braucht.

Und dann zerfällt auch noch die Stadt! Es ist ja nicht so, dass nur diese Freundescliquen auseinanderbrechen. Wir haben das ja auch in einer Stadt gedreht, aus der die Leute wegziehen, in Halle (an der Saale). Ich glaube, mittlerweile sind 70.000 Leute weggezogen aus Halle. Es ist eine Welt, die langsam stirbt.

Das Interview führte Jochen Kürten.

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