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Fokus Osteuropa

Politkowskaja-Buch erscheint im russischen Internet

Die Nowaja gaseta veröffentlicht im Internet das Buch der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja, "In Putins Russland". Chefredakteur Dmitrij Muratow bezweifelt, dass ein russischer Verlag es drucken wird.

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Deutsche Ausgabe: In Putins Russland

Anna Politkowskajas Buch "In Putins Russland" ist erstmals im Jahr 2004 in Großbritannien erschienen. Danach wurde es in verschiedene Sprachen übersetzt und unter anderem in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, in den USA und Japan herausgegeben. Auf Russisch war es bis jetzt nicht zu lesen. Dies wollten schließlich die Kinder der ermordeten Journalistin und Politkowskajas Kollegen von der Nowaja gaseta ändern.

Obwohl es jetzt auf der Internetseite der russischen Zeitung Nowaja Gaseta erscheint, wird das Buch in russischer Sprache wohl kaum gedruckt werden. Zumindest bezweifelt der Chefredakteur der Zeitung, Dmitrij Muratow, dass sich in Russland ein Verlag finden wird, der das Buch veröffentlicht. "Politkowskaja hatte in Russland überhaupt nur ein Buch herausgegeben, vor vielen Jahren. Man hatte Angst, sie zu veröffentlichen, weil dies als politische Demarche wahrgenommen wurde", erläuterte Muratow.

"Kapitalismus mit neosowjetischem Antlitz"

Zu denjenigen, die heute gegen eine dritte Amtszeit von Wladimir Putin eintreten, hätte sicherlich auch Anna Politkowskaja gehört. Gerade den jetzigen russischen Präsidenten machte sie für die Ereignisse in Tschetschenien verantwortlich, aber auch für die Allmacht der Nomenklatur und die beispiellosen Ausmaße der Korruption. Die heutige Ordnung in Russland bezeichnete Politkowskaja als "russischen Kapitalismus mit scharf ausgeprägtem neosowjetischem Antlitz". Gerade einen solchen Eindruck von Putins Russland erhalten die Leser des im Westen herausgegebenen Buches von Anna Politkowskaja.

Es sei, wie die Autorin selbst sagte, "keine Analyse von Putins Amtszeit, sondern es handele sich lediglich um emotionale Randnotizen zum heutigen Leben in Russland". Ein bedeutender Teil des Buches ist den Ereignissen in Tschetschenien gewidmet. Wie der Chefredakteur der Nowaja gaseta, Muratow, im Gespräch mit der Deutschen Welle sagte, basiere das Buch vor allem auf den Reportagen, den Reisen und den Nachforschungen, mit denen sich Anna Politkowskaja beschäftigt hatte.

Kritik an "Putins Staatsideologie"

"Putin bemüht sich, unter seine Banner ein Publikum ‚aus Ehemaligen‘ zu versammeln, wie man bei uns sagt, also mit Erfahrungen aus der sowjetischen Führungsarbeit". Als Anna Politkowskaja diese Zeilen schrieb, hatte in Russland noch niemand vermuten können, wen Putin im September 2007 in den Premier-Sessel setzen wird.

Wiktor Subkow, Putins wahrscheinlichster Nachfolger auf dem Posten des Staatsoberhaupts, leitete früher nicht nur eine Sowchose, sondern, wie es in seiner offiziellen Biografie heißt, "war er auch in verantwortlichen Ämtern in den Sowjet- und Parteiorganen des Gebiets Leningrad tätig". "Die Ideologie, die Putins Kapitalismus bedient, wird immer mehr zu einer solchen, die für die UdSSR in der Zeit der stärksten Stagnation unter dem späten Breschnjew typisch war", ist in Politkowskajas Buch zu lesen.

"Veröffentlichung vor Wahlen reiner Zufall"

Übrigens ist Muratow zufolge die Veröffentlichung des Buches im Internet gerade jetzt, kurz vor den Wahlen, reiner Zufall. Erstens sei das Buch lange genug vorbereitet worden. "Es ist doch anfangs bei einem englischen Verlag erschienen", sagte Muratow und fügte hinzu: "Die russische Fassung musste man prüfen. Große Arbeit haben Annas Kinder geleistet, und vergangene Woche haben sie uns endlich die CD mit dem Buch übergeben."

Und zweitens sei es auch darum kein Zufall, weil, wie Muratow sarkastisch sagte, er selbst nichts über die Wahlen wisse. Es wäre seiner Meinung nach unkorrekt, die bevorstehende Wiederwahl der Duma oder die Suche nach einem Präsidenten-Nachfolger als Wahlen zu bezeichnen.

Viacheslav Yurin
DW-RADIO/Russisch, 24.10.2007, Fokus Ost-Südost