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Politik & Gesellschaft

Politischer Kirchentag feiert Abschluss

Mit einem Gottesdienst bei herrlichem Sommerwetter ist der Evangelische Kirchentag am Sonntag in Dresden zu Ende gegangen. Das fünftägige Fest der evangelischen Christen war der politischste Kirchentag seit langem.

Abschlussgottesdienst in Dresden (Foto: dapd)

Der diesjährige Kirchentag in Dresden ging mit einem Gottesdienst an beiden Ufern der Elbe zu Ende. Bei strahlendem Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen hatten sich rund 120.000 Menschen versammelt. Ebenso viele Menschen hatten in den vergangenen fünf Tagen die Veranstaltungen des Kirchentages besucht, der somit der größte seit 16 Jahren war - vor zwei Jahren in Bremen waren rund 100.000 Besucher gekommen. In den vergangenen Jahrzehnten war das Interesse noch deutlich geringer gewesen: Beim Kirchentag 1973 in Düsseldorf, dem am schlechtesten besuchten bislang, waren nur 7420 Besucher gezählt worden.

Den Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) gibt es seit 1949. Der in Hannover gegründete Kirchentag ist eine von der Amtskirche unabhängige Laienbewegung, die alle zwei Jahre einen "Kirchentag" organisiert. Dazu treffen sich an fünf Tagen im Frühsommer evangelische Christen aus ganz Deutschland. Der Kirchentag von Dresden, der am Sonntag (05.06.2011) endete, war die 33. Veranstaltung des DEKT.

Vom Wutbürger zum Mutbürger

Der Dresdener Kirchentag war der politischste der letzten Jahrzehnte. Unter den zahlreichen Veranstaltungen - an den fünf Tagen hatte es mehr als 2000 gegeben – beschäftigten sich viele mit politischen Themen, vor allem mit der Energiepolitik und der Friedensarbeit. Anlass dafür waren die Energiewende mit dem geplanten Atomausstieg und die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Bundesverteidigungsminister de Maizière erklärte bei einer Diskussionsveranstaltung, warum deutsche Soldaten in Afghanistan seien, sich aber am Militäreinsatz in Libyen nicht beteiligten sollen.

Ein Posaunist beim Oekumenischen Gottesdienst (Foto: dpad)

Ein Posaunist beim Ökumenischen Gottesdienst

Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt sprach ebenfalls von einem "politischen" Kirchentag. Die Grünen-Politikerin, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages ist und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland angehört, erklärte die hohe Besucherzahl damit, dass in Krisenzeiten die Menschen vermehrt nach Antworten suchten, die ihnen von der Politik nicht gegeben würden. Die Bürger wollten "keine Demokratie von oben, sondern eine Demokratie, in der sie beteiligt würden." Mit Blick auf die zahlreichen Bürgerproteste des vergangenen Monate sagte sie: "Aus dem Wutbürger ist ein Mutbürger geworden".

Präsident, Kanzlerin und eine ehemalige Bischöfin

Zum Rahmenprogramm des DEKT gehörten auch in diesem Jahr wieder zahlreiche kulturelle Veranstaltungen. Die Auftritte der Vokalgruppe "Wise Guys" zogen dabei die meisten Zuhörer an, zu zwei Konzerten kamen mehr als 30.000 Gäste. Fast ebenso viele Menschen versammelten sich zu den verschiedenen Bibelkreisen, an manchen Tagen waren es mehr als 25.000. Fast 5000 Zuhörer kamen zu einem Vortrag von Bundeskanzlerin Angela Merkel, genauso gut besucht war eine Diskussion mit Bundespräsident Christian Wulff.

Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt vor einem Moped mit Elektroantrieb (Foto: dpad)

Energiepolitik war ein großes Thema in Dresden. Besucher vor einem Elektro-Moped

Der Bundespräsident sprach dabei auch über die Integration Andersgläubiger in Deutschland. Er habe festgestellt, sagte er, "dass die Angst vor Muslimen dort am größten ist, wo es keine gibt." Kanzlerin Merkel ging bei ihrem gut besuchten Vortrag auch auf aktuelle Themen ein und verteidigte dabei die Abschiebungspolitik ihrer Regierung den Flüchtlingen aus Tunesien gegenüber. Deutschland, sagte sie, nehme natürlich weiterhin Menschen auf, die politisch verfolgt würden. Das sei aber bei den Menschen aus Tunesien nicht mehr der Fall, die hätten gerade die Diktatur in ihrer Heimat beseitigt und kämen lediglich aus wirtschaftlichen Gründen. Das, so die Kanzlerin, "kann nicht der Weg sein."

Ex-Bischöfin Margot Käßmann (Foto: dpa)

Der heimliche DEKT-Star: Ex-Bischöfin Margot Käßmann.

Der heimliche Star des Kirchentages war die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann. Käßmann war im letzten Jahr von ihrem Amt zurückgetreten, weil sie betrunken Auto gefahren war. Diese konsequente Haltung rechnen ihr viele Menschen hoch an, sie gilt vielen Christen als eine moralische Instanz. Zu einem von ihr gehaltenen Nachtgebet versammelten sich 17.000 Menschen auf dem Dresdener Altmarkt, ihre Bibelarbeit wurde ebenfalls von Tausenden begleitet.

Auf Wiedersehen in Hamburg

Es gab kritische Stimmen, die beklagten, der Kirchentag habe eine zu politische Ausrichtung gehabt, und spezifisch kirchliche Fragen, wie zum Beispiel das Verhältnis der verschiedenen christlichen Kirchen in Deutschland zueinander, seien zu kurz gekommen. Anderen dagegen war der Kirchentag noch nicht politisch genug. Die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, etwa beklagte, dass der Kirchentag sich um die Aufarbeitung der SED-Diktatur gedrückt habe. "Ich habe das Gefühl, das ist ein Schwamm-drüber-Kirchentag", sagte Birthler dazu.

Besucher warten auf Einlass in die Frauenkirche (Foto: dpa)

Der Kirchentag bot über 2000 Veranstaltungen

Die hohen Besucherzahlen der fünftätigen Veranstaltung sind vor allem deshalb bemerkenswert, weil der Kirchentag in Ostdeutschland stattgefunden hat. Während im Westen der Republik rund 70 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, sind es im Osten nur 25 Prozent. Dass trotzdem so viele Menschen gekommen waren, führt Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckhardt auf die Neugier vieler Nicht-Christen in Dresden und Sachsen zurück. So seien halt sehr viele "religiöse Zaungäste" gekommen, sagte sie. Der nächste DEKT findet in zwei Jahren statt. Beim Abschlussgottesdient auf den Elbwiesen lud Bischof Gerhard Ulrich die Gläubigen für 2013 nach Hamburg ein.

Autor: Dirk Kaufmann (mit epd, dapd, kna)
Redaktion: Arne Lichtenberg

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