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Politik & Gesellschaft

Politisch gesehen ist das Internet grün

Trotz aller Verluste gelten CDU/CSU und SPD als die einzigen großen Volksparteien in Deutschland. Im Internet sieht das Bild allerdings anders aus, wie eine repräsentative Studie des Allenbach-Instituts zeigt.

Symbolbild: At-Zeichen über Computertastatur, alles grün

In Deutschland ist das Internet ziemlich grün

Rund zehn Prozent der Bevölkerung gehören zu den sogenannten "Political Net Activists", also Menschen die sich aktiv im Internet an politischen Meinungsprozessen beteiligen. Auf diese Personengruppe bezieht sich die repräsentative Studie des Instituts für Demoskopie Allenbach, die im Auftrag des IT-Dienstleisters Infosys durchgeführt wurde und die die Zeitung "Die Welt" am Samstag (25.06.2011) in Auszügen veröffentlicht hat.

37 Prozent der "Political Net Activists" fühlen sich laut der Studie am ehesten den Grünen zugehörig. Mit deutlichem Abstand kommen CDU/CSU mit 25 Prozent und die SPD mit 24 Prozent. Mit weitem Abstand folgt die Linke mit sieben Prozent. Das Schlusslicht bildet die FDP mit nur vier Prozent.

"Altersbauch" ist nicht im Netz


Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Plenarsaal des Landtags Baden-Württemberg. (Foto: dpa)

Nur der Hintergrund ist gelb: der erste grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann

Die Grünen haben bei den Wahlen in diesem Jahr deutlich zulegen können und konnten nun erstmals einen Ministerpräsidenten stellen – und das gar in dem Industrie-Bundesland Baden-Württemberg. Im Internet sind die Grünen laut der Allensbach-Studie sogar noch mal deutlich populärer. Wie kann das sein?

"So überraschend ist das nicht," sagt Everhard Holtmann, Professor für Politikwissenschaft an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, im Gespräch mit DW-WORLD.DE. "Denn die Grünen sind ja vergleichsweise eine immer noch junge Partei, während die beiden großen traditionellen Volksparteien nicht nur an Mitgliedern verloren haben im vergangenen Jahrzehnt, sondern inzwischen auch einen sehr beachtlichen Altersbauch herausgebildet haben." Nach Angaben der Allensbach-Studie gehört denn auch jeder fünfte unter 30-Jährige zu den politisch Aktiven im Internet – aber nur jeder fünfzigste der über 60-Jährigen.

Internetpräsenz nicht gleich Wählerstimmen

Die Jüngeren tummeln sich also zahlreicher und häufiger im Internet als die Älteren und sind zudem aktiver, so dass das Bild im Internet nicht dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung entspricht. Also kein Grund zum Jubeln für die Grünen. Bei der nächsten Wahl müssen sie deshalb nicht stärkste Partei werden. Professor Everhard Holtmann weist zudem darauf hin, dass es nicht nur auf die Anzahl der derzeitigen Sympathisanten ankommt, sondern auch auf Unterstützungsqualität. "Denn eine bloße Sympathiebekundung sagt ja noch nichts aus über das tatsächliche Aktivitätspotential: ob die Sympatisanten sich also auch beispielsweise außerhalb des Internet als Lautverstärker, als Multiplikator für die Partei ihrer Wahl einsetzen oder gar Zeit dafür hergeben würden, Parteiversammlungen entsprechend zu besuchen." Es gibt demnach einen großen Unterschied, ob sich jemand im Internet ohne großen Aufwand und ohne hohe Hürden zu einer Partei bekennt, oder ob er tatsächlich offen auf der Straße seine Partei unterstützt.

Die Bedeutung des Internet für die Parteien steigt

Die Autoren der Allensbach-Studie stellen fest, dass die Politik ihre Möglichkeiten im Internet nicht ausschöpft. In anderen Ländern sind die Politiker da schon einen Schritt weiter, sagt auch Everhard Holtmann: "Barack Obama hat ja durch eine fulminante Mobilisierung nicht zuletzt im Internet viele bis dahin abseits stehende Wählerschichten, also unpolitische Wähler, gewinnen können. Das zeigt das Mobilisierungspotential, das in diesem Medium steckt." Allerdings sei das politische System der USA auch empfänglicher für eine Mobilisierung durch das Internet, denn in den USA steht der Präsidentschaftskandidat im Vordergrund, während es in Deutschland die Partei ist.

Kein Konzept für das schnelle Medium

Die Vorsitzende des Institutes für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, steht am Rednerpult und spricht auf einer Veranstaltung zur Vorstellung des 12. Allensbacher Jahrbuchs in Berlin. (Foto: dpa)

Die Vorsitzende des Institutes für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher

Es ist allerdings nicht so, dass sich die Parteien hierzulande nicht im Internet engagieren würden. "Die Parteien tun es ja auch. Sie versuchen jedenfalls auch das Internet als einen Baustein im Gebäude ihrer politischen Ansprache zu pflegen", sagt Politikwissenschaftler Holtmann. Außer bei den Grünen sind die Erfolge nach den Ergebnissen der Allensbach-Studie zu urteilen, allerdings bescheiden. Es könnte mit der Art der Kommunikation zusammenhängen, glaubt Renate Köcher, Leiterin des Allensbach-Instituts. So ist die Kommunikation im Internet oft sehr kurz, dafür aber wahnsinnig schnell. Diese besondere Kommunikationsform beschleunige die politischen Meinungsprozesse enorm, erklärt Renate Köcher in der Zeitung "Die Welt". Die Politiker müssten sich darauf einstellen, deutlich schneller zu reagieren. Dafür aber fehlten die Konzepte.

Aber selbst wenn die Politiker die Sprache der Netznutzer sprechen, dann ist trotzdem nicht sicher, ob sie damit den Mitglieder- und Wählerschwund aufhalten können, gibt Politikwissenschaftler Holtmann zu bedenken: "Die andere Frage ist freilich, ob diese Form der nur kurzzeitigen, situativen und oft nicht in längere Parteibindung mündenden Ansprache, die Schwierigkeiten der Parteien beheben kann, stärkere Bindungen zu Wählerinnen und Wählern, zu Bürgerinnen und Bürgern wiederherzustellen."

Autor: Marco Müller

Redaktion: Sabine Faber