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Alltagsdeutsch – Podcast

Politikersprache

Von Floskeln, Worthülsen, einstudierten Standardsätzen ist sie geprägt, die Sprache vieler deutscher Politiker. Wolkig werden Tatsachen umschrieben. Um die Wahrheit wird herumgeredet – ganz besonders vor und nach Wahlen.

Sprecher:

Böse Zungen behaupten, in der Politik gäbe es immer viel zu versprechen und das Versprochene so zu formulieren, dass man immer noch das Gegenteil davon tun kann, ohne als Lügner entlarvt zu werden. Hieß es im Alten Testament noch "Deine Worte seien Ja-Ja oder Nein-Nein" – ein eindeutiges Plädoyer für klare Stellungnahme –, so gilt in der Mediendemokratie das "Sowohl-als-Auch". Denn man will seine Fernsehzuschauer und künftigen Wähler nicht vergraulen. Die Politsprache der Volksvertreter, die wollen wir uns heute einmal näher ansehen. Tauchen wir also ein in die Welt der Floskeln.

Sprecherin:

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Erhard Eppler bemerkte einmal, die Freiheit zu schweigen, ist Teil der Redefreiheit. Ein umso wichtigerer: Je geschwätziger unsere Gesellschaft wird. In Wahljahren wird sich kein Politiker in Deutschland an diese Empfehlung halten. Die Kandidaten der Parteien begeben sich in die Wortschlacht und versuchen, auf dem Feld der allgemeinen Geschwätzigkeit Punkte zu sammeln.

O-Ton:

"Wer sich aus allen Festlegungen herauswindet, wie er jeden Versuch, ihn beim Wort zu nehmen entschlüpfen will, das würde ja einem Entfesselungskünstler alle Ehre machen."

Sprecher:

Der Bundestagsredner trifft hier nicht nur seinen politischen Gegner, sondern die sprachlichen und geistigen Absichten seiner Zunft. Sprache dient in der öffentlichen Politik weniger als Kommunikations- denn als Anti-Kommunikationsmittel. Je mehr sich die Demokratie in Deutschland zu einer Mediendemokratie entwickelt, in der alles öffentlich im Fernsehen verhandelt wird, umso mehr weichen die Politiker dieser Öffentlichkeit aus. Sie stellen sich zwar den Kameras und Interviewern, doch wehren sie sich gegen diese mit höchst nichtssagenden Sätzen, Floskeln genannt. Beispiele des Politkauderwelschs hat der Deutsche Bundestag viele zu bieten.

O-Töne:

"Eine Stärkung privater Freiräume, mehr Privatisierung und eine Zurückdrängung des zu hypertroph gewordenen Anteils kollektiver Systeme. / Ich denke, wir müssen die Diskussion versachlichen. / Da müssen wir mal überlegen, da müssen wir mal gemeinsam nachdenken, da muss mal überlegt werden, in welche Richtung könnte es gehen.

Sprecher:

Wie bitte? Wie bitte? Wie bitte?

Sprecherin:

"Es gibt unter Politikern eine Neigung zum Zunftgerede, hat Karl Hugo Pruys in seinem Buch "Im Vorfeld wird zurückgeschossen – Wie Politiker und Medien die deutsche Sprache verhunzen" festgestellt. In dieser Kauderwelsch-Parade – zusammengetragen aus Bundestagsreden und der Berichterstattung darüber – wird klar, was er damit meint:

O-Ton:

"Und eine Zurückdrängung des zu hypertroph gewordenen Anteils kollektiver Systeme …"

Sprecher:

Um diesen rhetorischen Eiertanz zu übersetzen, bedürfte es eigentlich eines schon erfahrenen Simultandolmetschers. Der Redner wollte sagen, das deutsche Sozialsystem ist zu teuer. Es müsse seiner Meinung nach abgebaut werden und die Deutschen sollten wieder mehr selbst zurechtkommen. Der Redner hat aber nicht den Mut, seinem Wahlvolk so etwas auch wirklich mitzuteilen. Also versteckt er sich durchaus in böser Absicht hinter seinem aufgeblähten Stil, den nur Eingeweihte verstehen. Hypertrophie kommt beispielsweise aus dem Griechischen und bezeichnet übermäßige Vergrößerung oder Wucherung. Im speziellen Fall eben die übermäßige Ausweitung des sozialen Sicherungssystems, wie Rente, Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe und Krankenkasse. Kollektive Systeme sind eben diese genannten Bereiche und Privatisierung ist ein beliebtes Mittel, solche Systeme abzubauen. Privatisierung heißt, staatliche Aufgaben an private, also nicht staatliche Unternehmen oder den Bürger zurückzugeben. Alles klar?

Sprecherin:

Zur Hochform laufen unsere Volksvertreter vor allem an Parteitagen auf. Da gilt es, den Delegierten Kampfbereitschaft zu zeigen. Parteitage sind immer auch Tage der großen Floskelparaden. Politische Programme treten oft – auch in der Berichterstattung – völlig in den Hintergrund.

O-Ton:

"Also ich als Parteivorsitzender, im Vorfeld von wichtigen Wahlen, ein enormes Interesse dran hab', dass wir hier nicht, sozusagen, ein Schauspiel von total auseinanderklaffenden Meinungen bieten. Das müssen Sie mir doch wohl zubilligen."

Sprecher:

Dass man als Politiker wieder vor wichtigen Wahlen steht, ist eine völlig inhaltsarme Feststellung. Tatsächlich hat noch niemand dieser Zunft jemals etwas anderes behauptet. Und nun steht er als Vorsitzender sogar im Vorfeld von wichtigen Wahlen. Die Wolkigkeit der Aussage lässt jede Interpretation offen. Das Vorfeld erspart dem denkfaulen Zeitgenossen zu sagen, wann und wo etwas passiert. Die normale Parteitagsansprache gipfelt dann oft auch darin, dem Delegierten ihre Aufgabe vor Augen zu führen. Dabei sollte der mündige Wähler allerdings nicht glauben, es ginge dabei um einen konkreten Inhalt, wie die beiden Redner, die nun folgen, beweisen:

O-Töne:

"Die Entwicklung ist weit vorangeschritten. Aber, liebe Freunde, die Gesamtaufgabe ist noch lange nicht beendet. Wir müssen noch hart, konzentriert an diesen Aufgaben weiter arbeiten. / Die einmalige Aufgabe der Deutschen Einheit bedarf unserer vollen Aufmerksamkeit für weitere Jahre und zwar im Zusammenspiel der gleichen politischen Kräfte, die sich schon bisher dieser Aufgabe ohne Vorbehalt verschrieben haben."

Sprecher:

Wie bitte? Wie bitte? Wie bitte?

O-Ton:

"Die Entwicklung ist weit vorangeschritten …"

Sprecher:

Der Begriff Entwicklung – so kritisiert es Erhard Eppler in seinem Buch "Kavalleriepferde beim Hornsignal" – wuchert in der Sprache der Politik, weil es entlastet ist, schiebt weg, es lässt uns als Objekte eines Geschehens erscheinen, wo wir zumindest auch dessen Handelnde sind. Folglich tragen wir keine Verantwortung für das Geschehen. Die Entwicklung ist weit vorangeschritten: Das klingt wie die Parteiparolen der SED, die den DDR-Bürgern auch immer Glauben machen wollte, es würde täglich alles besser. Das Wort Entwicklung bezeichnete einmal das mechanische Auswickeln einer Schriftrolle oder eines Pakets. Heute bedeutet es fast gar nichts mehr – und deshalb alles. Hart und konzentriert an einer Aufgabe arbeiten und die Größe der Aufgabe dabei mit bedenken, das ist eine Phrase, die Bescheidenheit ausdrückt, wo keine angebracht ist. Denn wir Wähler haben ja immer gehofft, dass sich unsere Politiker wenigstens anstrengen. Endgültig düster – sprachlich gesehen – wird es wohl bei folgender, weitschweifigen Umschreibung:

O-Ton:

"Und zwar im Zusammenspiel der gleichen politischen Kräfte, die sich schon bisher dieser Aufgabe ohne Vorbehalt verschrieben haben."

Sprecherin:

Der Bericht erstattende Journalist dieses Parteitages hat daraus richtigerweise entnommen, dass die eine Partei die Koalition mit einer anderen fortsetzen will.

Sprecher:

Der Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen nennt Wörter wie Entwicklung, Struktur, Lage, Konzept, Integration, und so weiter, Plastikwörter, weil sie an Legosteine im Kinderzimmer erinnern, die aus Plastik sind. Sie passen alle zusammen, sind für alle Altersstufen geeignet und vor allem lassen sie sich beliebig kombinieren. Diese wörter haben den Anschein von Wissenschaftlichkeit und bringen andere zum Schweigen. Aber es geht zu wie beim Andersen-Märchen "Des Kaisers neue Kleider": Wer den Mut hat, diese Plastikwörter zu durchschauen, der merkt, der Redner hat ja gar nichts an, sprich, er sagt nichts. Ein Beispiel aus einer Wahlsondersendung:

O-Ton:

"Wir sind die Partei, die für eine strukturelle Ökologisierung steht, für eine Energiewende, für eine Verkehrswende, und auch für eine ökologisch ausgerichtete Arbeitsmarktpolitik. Wir haben ein integriertes Konzept von Wirtschaftsökologie und Sozialpolitik entwickelt, und das bieten wir an. / Können Sie's noch mal auf Deutsch sagen."

Sprecher:

Selbst demjenigen, der Deutsch als Muttersprache hat, dürfte es schwer fallen, strukturelle Ökologisierung ins Deutsche zu übersetzen. Integriertes Konzept ist eines der neuen Modesprachschnipsel und ein Beispiel für Pörksens Plastikwörter. Integration – was unter anderem auch Vereinigung heißt – klingt doch einfach gut. Und Konzept ist das lateinische Fremdwort für Entwurf, also bietet uns der Politprofi einen Entwurf, der alles in sich vereinigt. Alles und nichts, wie die Aussage eines bekannten Kanzlerkandidaten:

O-Ton:

"Damit wird zugleich deutlich gemacht, dass wir die Bildung dieses Regierungsteams nicht nur als ein Signal dafür verstehen, dass die SPD geschlossen und einig den Regierungswechsel anstrebt, sondern dass das Angebot an alle Bürgerinnen und Bürger auch die Integration verschiedener Erfahrungen, verschiedener Kenntnisse ermöglicht und damit eine Befruchtung auch von administrativem und vom Regierungshandeln."

Sprecher:

Wer Bereitschaft, Zustimmung oder Ablehnung äußern möchte, signalisiert sie als bediene er ein Stellwerk bei der Bundesbahn, beschreibt Karl-Hugo Pruys in seinem Buch die Vorliebe der Politiker für das Wort Signal. Signal ist ein Zeichen, das etwas mitteilt. Man sendet Signale aus, statt wirklich zu sagen, was man will. Das Signal teilt mit, nicht man selbst. Die Sprache der Politiker zeigt, dass Politiker entweder nicht den Mut haben, etwas zu benennen wie es wirklich ist, oder dass die Politiker unter Gedankenarmut leiden, was mindestens genauso beunruhigend erscheint.

Sprecherin:

Der Wahlabend ist für jeden Politiker eine besondere Situation. Wahlen werden von den Fernsehanstalten mittlerweile so inszeniert, als handele es sich um Fußballweltmeisterschaftsspiele. Es müssen Sieger und Verlierer präsentiert werden. Sieg und Niederlage schnell analysiert werden, was kein Politiker leisten kann. Das aber gibt keiner zu. Deswegen hier drei Strategien der Politprofis: Den Wählern dankendie Niederlage in einen Sieg redenden Sieg als gutes Zeichen für die nächste Wahl deuten. Eine Variante bot ein Parteistratege, der extra betont, dass er das Wahlergebnis akzeptiert, also achtet. Und wenn nicht, würde er dann putschen?

O-Ton:

"Also wir müssen das Ergebnis, und, der Wähler, die Entscheidung der Wähler respektieren. Das tun wir auch … / Und vor allem auch bei unseren Wählern habe ich mich zu bedanken, denn 36/37 Prozent haben einem 34-Jährigen vertraut. Das finde ich großartig."

Sprecher:

Hier nun die sprachliche Kunst, die Niederlage in einen halben Sieg zu verwandeln.

O-Ton:

"Das ist ein Schlag ins Kontor. Die CDU erneut auf der Verliererstrecke und zwar saftig. Woher will eigentlich die Union noch die Kraft aufnehmen, in diesem Wahljahr ihre Ergebnisse zu verbessern, denn richtig ist ja wohl auch, dass Wahlen Wahlen beeinflussen. / Beschönigen können wir hier überhaupt nichts. Wir haben fünf Prozentpunkte verloren, Plus-Minus, aber wir hatten anzusetzen bei einem ganz, ganz niedrigen Wert …"

Sprecher:

Abgesehen davon, dass dem Moderator der Sendung sein sprachliches Bild in Schieflage gerückt ist, denn saftig ist eine Birne, aber die CDU auf der Verliererstrecke? Und die Antwort darauf hat man noch bei vielen Parteistrategen gehört: Man muss nur von einer der schlechtesten Umfragen ausgehen, oder von noch einem schlechteren Ergebnis von vor zwanzig Jahren, und schon fühlt man sich besser.

Sprecherin:

Die Wähler wollen Wahlkreislöwen, die Parteibasis Stallgeruch und das Fernsehen telegene Typen. Auf dieses Ergebnis kam der Politologe Heinrich Oberreuter, der den Weg eines Politikers nach oben untersuchte. Nur noch wenige Bundestagsabgeordnete gibt es, den man auch zuhören kann und die sogar noch die hohe Kunst der Polemik beherrschen.

O-Ton:

"Da fällt mir der alte Spruch ein 'Wer nicht tanzen kann, schimpft auf die Musikkapelle'. / Statt einem goldenen Handschlag, gibt es wohl diesmal einen goldenen Fußtritt und es wird das Stück gespielt werden 'Die verfolgte Unschuld aus München'. / Das ist Esperanto-Politik. / Die Logik ihrer Argumente entspricht etwa dem Satz 'Donnerstag ist es kälter als draußen.' Wollen Sie den Würgegriff zur Halsmassage erklären?"

Sprecherin:

Und wenn die letzte Wortschlacht geschlagen, die vorerst letzte Wahl entschieden ist? Es wird dennoch weiter geredet werden in unserer telegenen Republik. Unsere Politiker werden weiter Signale setzen, hinter verschlossenen Türen auf höchster Ebene erste Gespräche in entspannter Atmosphäre führen, im Vorfeld von Koalitionsverhandlungen unüberbrückbare Differenzen ausklammern und schwätzen, was die Sendezeit hergibt.

O-Ton einer Wahlabendrunde

Fragen zum Text

Politiker in Deutschland …

1. drücken sich immer klar und deutlich aus.

2. benutzen meistens nichtssagende Sätze.

3. verwenden keine Fremdwörter.

Plastikwörter sind Wörter, die …

1. verschiedene Plastiksorten kennzeichnen.

2. beliebig zusammengesetzt werden können.

3. nur für Plastikspielzeug verwendet werden.

Nach Wahlen diskutieren Sieger und Verlierer …

1. in Sitzkreisen.

2. in Runden.

3. auf Parteitagen.

Arbeitsauftrag

Lesen Sie sich den Text mehrfach durch. Erstellen Sie anschließend eine Zusammenfassung der Aussagen, die die Autorin im Bezug auf die Sprache deutscher Politiker trifft.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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