1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Politik im Namen Gottes?

Alle Macht dem Volke – oder sollte Gott bei der Gesetzgebung ein Wörtchen mitreden? Über das Verhältnis von Religion und Politik forscht ein Forschungsverbund an der Uni Münster.

Streit um das Kruzifix im Klassenraum? Zoff um Religionsunterricht an staatlichen Schulen, Diskussion über Kirchensteuer oder die Beschneidung jüdischer Knaben? Es gibt viele Konflikte aus dem Spannungsfeld von Religion und Politik. Täglich werden es mehr. Sie sind die Spezialität des "Exzellenzclusters Religion und Politik"  an der Universität Münster.

Bei den rund 200 Experten des Forschungsverbundes steht das Telefon immer seltener still. Journalisten, Politiker und Theologen wollen wissen, welche Ursachen religiöse Spannungen haben, wie es um das Verhältnis der Religionsgemeinschaften zueinander steht, wie Trends verlaufen, und, und und. Häufig ist historisches Wissen gefragt. Einschätzungen werden verlangt. Dabei beschränkt sich die Forschung der Wissenschaftler, die aus verschiedenen Disziplinen kommen, keineswegs auf Deutschland.

Anders als in vielen anderen Ländern - darunter muslimische Staaten oder auch Israel - sind Religion und Politik, Kirche und Staat in Deutschland offiziell voneinander getrennt.

Myanmar: Konflike zwischen Buddhisten und Moslems, Mönch hält ein Anti-Moslem-Plakat hoch (Foto: /AFP/GettyImages)

Myanmar: Konflike zwischen Buddhisten und Moslems

"Wir haben uns lange darauf verlassen, dass die Trennung von Politik und Religion, aber auch die Religionsfreiheit, wie sie in westlichen Demokratien selbstverständlich ist, weltweites Ziel sind. Diese Selbstverständlichkeiten sind in der letzten Zeit aber erschüttert worden", erklärt die Sprecherin des Exzellenzclusters Barbara Stollberg-Rilinger den Forschungsbedarf auf diesem Gebiet.

Vielerorts sei die religiöse Vielfalt durch Migration gewachsen. Die Folge: Feststehende Normen gerieten ins Wanken. "Das birgt Konfliktpotential", betont die Historikerin gegenüber der Deutschen Welle. Sie berichtet von Umfragen in Deutschland, denen zufolge viele der Meinung seien, Religionsfreiheit sollte für Muslime nur eingeschränkt gelten.

Hier sei die Einschätzung von Experten ebenso gefragt wie bei Phänomenen religiös motivierter oder scheinbar religiös motivierter Gewalt. Gewalt beschränke sich nicht allein auf fundamentalistische Muslime. Es gebe auch Beispiele wie die Konflikte zwischen Buddhisten und Muslimen in Myanmar. "Hier wird eine scheinbar friedliche Religionsgemeinschaft gegen Minderheiten gewalttätig", sagt die Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit.

"Gesetze nicht auf religiöse Überzeugungen gründen"

Wissenschaftler aus mehr als 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und 14 Ländern sind mit rund 80 Einzelprojekten an dem Exzellenzcluster "Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne" beteiligt – das ist einmalig in Deutschland. Der Staat lässt sich die Forschung einiges kosten. Soeben ist der Forschungsverbund, der seit 2007 besteht, in die zweite Förderphase gegangen. 33,7 Millionen Euro steuern Bund und Länder bis 2017 bei.

Sprecherin des Exzellenzclusters: Barbara Stollberg-Rilinger (Foto: Westfälische Wilhelms-Universität)

Sprecherin des Exzellenzclusters: Barbara Stollberg-Rilinger

Die Wissenschaftler beackern vier große Forschungsfelder: Wie führen religiöse Überzeugungen zu gesellschaftlichen Normen? Wie verändern diese sich im Laufe der Zeit? Diesen Fragen geht ein Teil der Forscher nach. "Das säkulare Modell der westlichen Staaten ist eine "Errungenschaft der frühen Neuzeit", erklärt Barbara Stollberg-Rilinger, "mittlerweile ist klar, dass man in einem Staat, in dem Angehörige verschiedener Religionen und auch Atheisten leben, Gesetze nicht auf religiöse Überzeugungen gründen kann." Der Grund: Es fehlt sonst die allgemeine Akzeptanz. Deutschland sollte überlegen, ob es die Privilegien, die christliche Konfessionen genießen, entweder auf andere Religionsgemeinschaften ausweitet oder gänzlich abschafft, so Stollberg-Rilinger.

Friedliches Zusammenleben ist erlernbar

Das zweite Forschungsfeld umfasst die Rolle von Medien wie Schrift, Bild oder auch digitale Medien für religiöse Inhalte; zum dritten Forschungsbereich gehört der religiöse Pluralismus – wie können Konflikte überwunden und ein friedliches Nebeneinander erreicht werden? "Ganz gut funktioniert das religiöse Zusammenleben etwa in England, einem Land mit einer Kolonialvergangenheit, wo es immer schon eine Einwanderungstradition und religiöse Vielfalt gab", fasst Barbara Stollberg-Rilinger einige Forschungsergebnisse zusammen. Auch Länder, wie die USA oder die Niederlande, die ihrem Selbstverständnis nach schon immer religiös tolerant waren und Glaubensflüchtlingen Zuflucht boten, seien lange Zeit Vorreiter für friedliches Miteinander gewesen. Deutschland müsse noch lernen, mit seinem wachsenden Anteil nicht-christlicher Bevölkerung umzugehen. Mehr Vertrauen sei nötig.

Prof. Dr. Reinhard Achenbach (Foto: Westfälische Wilhelms-Universität Zentrum für Wissenschaftskommunikation des Exzellenzclusters Religion und Politik)

Prof. Dr. Reinhard Achenbach

Reinhard Achenbach ist der Leiter des vierten Forschungsbereichs, "Religion und Gewalt": Nach dem 11. September 2001 habe die Wissenschaft den Faktor Religion als Ursache für Gewalt unterschätzt, so der Professor für Altes Testament. "Allerdings kann man nicht von der 'Gewalthaftigkeit' von Religion reden." Vielmehr bildeten gesellschaftliche und wirtschaftliche Gründe und Machtpolitik häufig den Hintergrund. Die Radikalisierung innerhalb des Islam sei auch als Gegenideologie zur säkularen, westlichen Kultur zu verstehen. Säkularisierung allein reiche zur Befriedung von Gesellschaften nicht aus. Immerhin befeuere sie Denkprozesse. "Die Basis jeder Befriedung ist das Recht. Und das Recht muss in seiner normativen Kraft über die Grenzen der Religionen hinwegreichen – also ein ziviles Recht sein." Das Fazit des Wissenschaftlers am Excellenzcluster der Uni Münster: "Säkularisierung ist wichtig für den Frieden zwischen den Religionen."

Die Redaktion empfiehlt