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Politik

Politik-Frust in der Pause

Mit 17 Wahlen ist 2009 ein Superwahljahr in Deutschland. Für viele Schüler der Bonner Theodor-Litt-Schule ist das jedoch uninteressant. Politikverdrossenheit bestimmt den Schulhof.

Zwei männliche Jugendliche mit Brille stehen vor einem weiß-blauen Plakat. Über ihnen steht mit roter Farbe 'CDU' geschrieben. (Foto: dpa)

Kein Interesse an Politik?

Schüler der 9. und 10. Klasse der Bonner Theodor-Litt-Schule sitzen in dem alten Klassenzimmer. Das Fenster zeigt zum Schulhof. Eine neugierige Schülertraube beobachtet die Jugendlichen von außen und wirft gelegentlich kleine Steine an das Fenster. Drinnen ist die Stimmung ernst und konzentriert: Es geht um Politikverdrossenheit bei Jugendlichen.

Der blonde Daniel macht den Anfang. "Ich bin politisch interessiert", stellt er gleich klar. "Ich finde Politik sehr wichtig, ich finde es toll, dass eine Stimme so viel verändern kann." Mit seiner Meinung ist Daniel unter seinen Mitschülern allein. Sie interessieren sich wenig oder gar nicht für Politik. Die zierliche Emilia zeigt sich von der Politik enttäuscht, weil sie glaubt, dass ihre Stimme nichts bewirke. Politik sei eine "Sache der Erwachsenen", meint sie.

Obama und Rock-Musik statt Angela Merkel

Ein Junge steht auf der Nürnberger Spielemesse 2009 neben einem bunten Mini-Steckbild von US-Präsidenten Barack Obama. Rechts neben ihm ist ein schwarz-weiße Steckbild von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sehen. (Foto: AP)

Für viele Jugendliche der ideale Politiker: US-Präsident Obama

Eine andere Erklärung für sein Desinteresse liefert der Neuntklässler Fatih: "Hier in Deutschland ist Politik nicht so interessant wegen Frau Merkel. Sie ist keine interessante Person, nicht so wie Obama. Der ist interessant, ist jugendlich und hat Ausstrahlung."

Doch trotz des hohen Desinteresses an Politik wissen die Schüler genau, wie sie sich mehr für Politik interessieren können. Fatih etwa wünscht sich ein deutsch-türkisches Regierungsoberhaupt um "frischen Wind und neue Ideen" in die deutsche Politik zu bringen. Auch Bastian mit den schwarz umrandeten Augen und dem auffälligen Hut hat eine Idee, wie er Politik für sich entdecken kann: "Ich würde gern mit einem Politiker reden, der Rock-Musik hört", erzählt er.

Mangel an Informationen?

Es fällt den Schülern schwer zu sagen, was sie selbst gegen Politikverdrossenheit und den beklagten Informationsmangel tun können. "Ich finde, die Politiker sollen sich etwas erfinden lassen, was uns anspricht", bringt Emilia ihre Einstellung auf den Punkt.

Dabei gibt es gerade für Jugendliche ein großes Angebot an Informationsmaterial und Aktionen zu politischen Themen. Ein Beispiel ist die Bundeszentrale für politische Bildung. Ihr Angebot für Jugendliche reicht von Unterrichtsmaterialien bis zum Jugendmagazin "fluter.de" und dem Politiknachschlagewerk im Westentaschenformat. Als hat Arne Busse erkannt, dass es sich

Bei der Politikverdrossenheit von Jugendlichen handele es sich eher um einen Interessenwandel, als um ein echtes Desinteresse, sagte Arne Busse, stellvertretender Leiter des "Fachbereich Politikferne Zielgruppen". "Es ist eben nicht mehr das Interesse an reiner Parteipolitik vorhanden, sondern eher das Interesse an anderen Formen der politischen Beteiligung, wie Unterschriftenlisten, Demonstrationen oder sonstige Aktionen", stellt er fest.

Neue Medien als Zauberformel

Zwei jugendliche Mädchen sitzen vor einem Computer auf der Leipziger Buchmesse. (Foto: dpa)

Viele Politiker setzen jetzt auf die Neuen Medien, um Jugendliche für Politik zu begeistern

Auch Politiker buhlen um die Gunst der zukünftigen Wähler. Mit den Kommunikationsmitteln der Jugendlichen wollen sie ihre junge Zielgruppe erreichen. So wird gebloggt und gechattet. Seit kurzem gehört auch das Twittern zu ihrem Repertoire.

Twitter funktioniert wie ein Mikro-Blogdienst: kurze Nachrichten können per SMS-Abo erhalten und gesendet werden. Beim Twitter von Gisela Plitz, Abgeordnete der FDP im Bundestag, erfahren Jugendliche zum Beispiel, dass sie sich augenzwinkernd fragt, ob die Online-Plattform "Facebook" ein Terrorcamp sei, oder dass sie sich über das Engagement der Bürger gegen Überwachung freut.

Doch bei den Schülern der Bonner Theodor-Litt-Schule ernten diese Bemühungen kaum Lob. Besonders Zehntklässler Daniel kann solchen Methoden nichts abgewinnen. "Diese Online-Welten, die Jugendliche sich im Netz aufbauen, sollten ausschließlich den Jugendlichen vorbehalten sein", sagt er bestimmt. "Ich glaube nicht, dass sie ihre Nachrichten persönlich lesen. Sie wollen doch nur die Stimmen haben", kritisiert auch Fatih.

Jugendliche lernen von Jugendlichen

Viel lieber sähen die Schüler herkömmliche Angebote, wie eine Projektwoche oder Veranstaltungen zum Thema Politik. Ein solches Angebot ist die "Aktion 09 - Gib Deiner Meinung eine Stimme" der Bundeszentrale für Politische Bildung. Busse ist überzeugt, dass Jugendliche am besten von anderen Jugendlichen lernen können. Bei der "Aktion 09" gehe es darum, Jugendlichen die Grundzüge von Politik zu erklären und ihnen zu zeigen, wie sie zusammen mit anderen Jugendlichen Politik gestalten können.

Ein solches Angebot finden auch die Bonner Schüler interessant und können sich sogar vorstellen, daran teilzunehmen. Das bringe "mehr Leben in die Sache", findet Daniel. Durch solche Aktionen und genügend Informationen können die Bonner Jugendlichen wieder mehr Spaß am politischen Engagement gewinnen. Pünktlich zum Superwahljahr können sie dabei auch gleich lernen, dass die Wünsche auf ihrem Wunschzettel - Schulsanierung, Schwimmbad und Freizeiteinrichtungen - sich durch politischen Einfluss manchmal verwirklichen lassen.

Autorin: Hannah Reuter

Redaktion: Kay-Alexander Scholz