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Forum

Politik direkt Forum vom 19. 11. 2009

„Tut die Politik genug gegen Analphabetismus?"

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Informationen zum Thema:

Weder lesen noch schreiben - Analphabeten in Deutschland

Sie ist 23 Jahre alt und lernt gerade lesen und schreiben. Nora hat sich in der Schule durchgeschummelt, erst in der Lehre fiel auf, dass sie Analphabetin ist. So wie Nora geht es mehr als 600.000 Deutschen. Bundesbildungsministerin Schavan will jetzt gegensteuern, mit einem 30 Millionen Bildungsprogramm.

Unsere Frage lautet:

„Tut die Politik genug gegen Analphabetismus?"

Antworten unserer Zuschauer:

Jayanth A., Indien:

„Hier in Indien tut die Politik allerhand: Die Erziehung in staatlichen Schulen ist vollkommen kostenlos, und das gilt für Unterrichtsmaterial, Schulessen, Busfahrkarten und medizinische Versorgung. Dadurch gehen auch die allerärmsten Kinder zumindest zeitweise zur Schule und lernen dort ein wenig lesen und schreiben. (…) Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe staatlicher und privater Alphabetisierungsinitiativen, die fast alle gescheitert sind. Sie können allesamt schnelle Erfolge vorweisen, also Kindern lesen und schreiben beibringen. Aber dann verlernen die Kinder ihr Wissen wieder, weil es keinerlei Lesestoff für sie gibt, den sie kaufen könnten. Trotz aller gutgemeinter Bemühungen: Wenn die Armut weit verbreitet ist, laufen alle Programme leider ins Leere.“

Agnes Altmann, Brasilien:

„Auch in entwickelten Ländern tut die Politik in Sachen Schulerziehung nicht mehr als nötig für Kinder aus Unterschichtfamilien. (…) Deutschland ist mit seinem kostenfreien und innovativen Schulsystem Vorbild für die ganze Welt.“

Gerhard Seeger, Philippinen:

„Es ist schwer verständlich, wie so viele - trotz Unfähigkeit zu lesen und zu schreiben - zum Schulabschlusszeugnis kamen. Schreibt man heute keine Diktate mehr? Das war immer eine gute Möglichkeit festzustellen, wie es um (die Rechtschreibung, d. Red.) steht. Hat die Lehrerschaft geschlafen? Auf jeden Fall haben sie versagt und die Politik ebenso. Auf den Philippinen heißt es zwar, öffentliche Schulen seien kostenlos. Nur hält das keiner Überprüfung stand. Eine Aufnahmegebühr ist zu zahlen, Schuluniformen müssen getragen werden und sind selbst zu zahlen, ebenso Schulbücher, Schreibzeug usw. Selbst für Prüfungsarbeiten ist eine Gebühr fällig. Viele haben nicht das Geld für das alles, also gehen viele Kinder nicht zur Schule. Auch sehe ich täglich zur Schulzeit viele Kinder auf der Straße betteln, Kleinkram verkaufen und Abfälle sammeln. Auch wenn offiziell dazu nichts zu hören ist, könnte man geneigt sein anzunehmen, dass Analphabetismus - jedenfalls unter den Armen – (weit verbreitet, d. Red.) ist.“

Erich Prinz, Thailand:

„Ich muss ganz ehrlich sagen: Auch für mich ist die Rechtschreibung ein Problem. Denn ich bin mit einer 80 % spastischen Behinderung zur Welt gekommen. Vor 40 Jahren hat sich da niemand drum gekümmert. Erst in den letzten paar Jahren habe ich mir selbst etwas aufgebaut. Gott sei dank war ich schon immer im Lesen gut.“

Martin Burmeister, Venezuela:

„Die Politik in Venezuela tut etwas gegen den Analphabetismus, aber ob es genug ist, sei dahin gestellt. Die öffentlichen Schulen sind überfüllt, trotz zweischichtigen Unterrichts. Die Erwachsenenbildung gegen den Analphabetismus „Misión Rivas“ hat nur sehr geringe Erfolge zu verzeichnen, weshalb noch immer große Teile der Bevölkerung Analphabeten sind.“

Hannelore Krause, Deutschland:

"Die Kultusminister geben das Schulpensum vor. Für das Lernwohl und das Vermitteln von Lernstoff sind in erster Linie, so meine ich, die Schulen, sprich Lehrer, aber auch das Elternhaus verantwortlich. Da sowohl Lehrer als auch Eltern oftmals total überfordert sind, endet einiges im Chaos. Der Umgang mit der Muttersprache müsste von den Lehrern mehr als Ernst genommen werden. Sie sollte so vermittelt werden, dass Jugendliche mehr Interesse an ihr zeigen. Aber auch Lehrer haben Probleme mit der Rechtschreibung, weil sie nicht ausschlaggebend für ein Studium war und ist. Vielleicht sollte das Fach Deutsch mehr Priorität an den Schulen haben. Wenn Kinder in der Grundschule noch nicht fehlerfrei lesen oder schreiben können, ist das eventuell noch zu entschuldigen. Wenn aber Schüler in den oberen Klassen Texte nicht richtig lesen und schreiben, geschweige denn wiedergeben können, dann liegt etwas im Argen - und das nicht nur bei Deutschen mit Migrationshintergrund. Inwieweit die Politik Abhilfe schaffen kann, weiß ich nicht. Vielleicht sollte sie mehr Einfluss auch auf die Bundesländer und die dafür zuständigen Minister nehmen. Denn es ist blamabel für ein Industrieland wie Deutschland, wenn die Zahl der Analphabeten auf ein paar Millionen geschätzt wird."

Erwin Scholz, Costa Rica:

„Schreiben können, lesen,

ist wie Sonnenschein.

Es erheitert Wesen.

Staat, so muss es sein.“

Helge Weyland, Argentinien:

„Hier in Argentinien tut die Politik seit Generationen überhaupt nichts, da sie die Menschen die nicht denken können, viel leichter manipulieren kann für ihre Zwecke

als Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden können. Daher ist das Land dem Fortschritt nie so nahe gekommen wie es (…) eigentlich möglich wäre.“

René Junghans, Brasilien:

„Es scheint unglaublich, dass es in Deutschland noch rd. 600.000 Analphabeten gibt. Da hat die Politik ganz eindeutig versagt und muss ganz dringend einiges mehr tun, um dieser Situation gegenzusteuern. Es kann doch nicht sein, dass ein Lehrer, begonnen seit dem ersten Schuljahr, nicht merkt, wenn ein Kind lernschwach ist. Wie kommt denn so ein Kind durch die Prüfungen und wird ins nächste Schuljahr versetzt? Sind die deutschen Lehrer etwa so gleichgültig, dass sie sich einen Dreck darum scheren, was ihre Schüler lernen? Es handelt sich um ein ganz klares Versagen, nicht nur des deutschen Lehrsystems, aber der Politik im allgemeinen. Was tut der zuständige Minister? Geht er lieber auf Dienstreisen, anstatt sich um sein Aufgabengebiet zu kümmern? In Brasilien, welches bis vor wenigen Jahren noch als ‚Dritte Welt’ verunglimpft wurde, und selbst heute noch als Schwellenland bezeichnet wird, gibt es landesweite Aktionen, um das Analphabetentum zu beseitigen - und mit vollem Erfolg. Die stolzen deutschen Politiker sollten von ihrem hohen Ross runtersteigen und etwas von Ländern wie Brasilien lernen.“

Die Redaktion von ‚Politik direkt’ behält sich das Recht vor, Zuschriften zu kürzen