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Politik direkt Forum 07. 04. 2008

"Ist jeder Mensch anfällig für Diktaturen?"

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"Die Welle" - Filmpremiere in Berlin. Foto: Jens Kalaene dpa/lbn +++(c) dpa - Report+++

Informationen zum Thema:

Die Welle - Ein Schulexperiment und die Folgen

Wie entstehen Diktaturen? Eine Frage, die sich 1967 bereits der Geschichtslehrer Ron Jones gestellt hatte. In seiner Schulklasse macht er die Probe aufs Exempel. Die Lektion "Staatsform - Autokratie" wird schnell zu einem Erfolg. Die Schüler selbst erleben, wie eine Diktatur entsteht. "Die Welle" ist jetzt in Deutschland neu verfilmt worden. Wie denken deutsche Schüler heute über diesen Film? Ist eine Diktatur in einer aufgeklärten Demokratie überhaupt noch denkbar?

Unsere Frage lautet:

"Ist jeder Mensch anfällig für Diktaturen?"

Antworten unserer Zuschauer:

Charles Stieger, Litauen:

"Nicht jeder Mensch ist anfällig, aber es reicht, wenn man die sogenannte Zweidrittel- Mehrheit erreicht. Charismatische Volksverführer mit großem populistischem Wortschatz haben immer und überall eine Chance. In Phasen größer werdenden wirtschaftlichen Leidensdrucks, kombiniert mit schwächlichen Politikern ohne Profil, brauchen sie nur die ominöse 60%-Marke zu überwinden, die dann den Gruppendruck noch potenziert. Den Rest erledigt die überall schon vorhandene Boulevardpresse."

Till Harck, Deutschland:

"Ich glaube, dass jeder Mensch anfällig für Diktaturen ist, denn jeder Mensch braucht im Grunde jemanden, an dem er sich orientieren kann, der ein Vorbild ist. Und das ist der Punkt: Heutzutage gibt es keine wirklichen Vorbilder mehr. Wenn Sie sich mal bei Jugendlichen umhören, werden Ihnen höchstwahrscheinlich entweder gar keine Vorbilder oder irgendwelche Stars genannt. Und wenn dann jemand kommt, der für die Menschen eine moralische Instanz darstellt und der ihnen etwas gibt, was ihnen erstrebenswert erscheint, dann ist dieser Jemand ein Vorbild für die Menschen, dem - ganz sicher - die Mehrheit folgen wird."

Simon Schultheis, Finnland:

"Die Anfälligkeit für Diktaturen steigt entsprechend der zunehmenden Politikverdrossenheit. In den letzten Jahren ist der Abstand zwischen Arm und Reich in Deutschland immer größer geworden. Entsprechend größer ist der Zuspruch der radikalen Parteien geworden. Die deutschen Politiker stehen vor der Aufgabe, ihre eigene Glaubwürdigkeit herzustellen; nur so kann politische Radikalität eingedämmt werden ."

Herbert Fuchs, Finnland:

"Schon bei der Geburt eines Menschen liegt im innersten seiner Seele der Faktor für eine Anfälligkeit für Diktaturen sprichwörtlich passiv griffbereit. Je nachdem, wie die Erziehung vor sich geht, ist es leicht möglich, dass ein Mensch bei einer z.B. negativen Weltanschauung sich positiv für Diktaturen aktiviert, bzw. eingenommen wird. Das Umfeld indem sich ein Mensch bewegt, kann wie eine Gehirnwäsche funktionieren und alles verändern im Denken und Tun. Jeder Mensch ist im Grunde ein kleiner Diktator und möchte die Welt so vor sich haben - auf gut deutsch gesagt 'nach seiner eigenen Schnauze' (...)"

Vipul Pai, Indien:

"Ich glaube, dass nicht Veranlagung darüber entscheidet, wie sich ein Mensch in einer Diktatur verhält, sondern seine Lebensumstände. Wenn jemand eine harte Kindheit hatte, dann ist er eher für Diktaturen anfällig, weil es ihm in der Jugend an Geborgenheit in der Familie gefehlt hat. Umgekehrt neigt eine wohlbehütete Person aus einer reicheren Familie wohl weniger dazu, weil sie den Wert menschlichen Lebens höher einschätzt."

Lee Davis, USA:

"Es liegt in der Natur des Menschen, bei der Bewältigung von Problemen den einfachen Weg zu gehen. Mit der Mehrheit zu laufen ist der einfache Weg."

Claus Stauffenberg, Australien:

"Der Totalitarismus übt eine Faszination auf den Menschen aus. Dieser Personenkult, der Konformität, Überlegenheit und nationalistischen Rationalismus predigt, führt dazu, dass sich die Menschen ein Ideal zu eigen machen, das ihnen sämtliche persönliche und moralische Eigenverantwortung abnimmt. Tief in uns ist der Wunsch verankert, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Das macht uns zu einer leichten Beute für rechtsgerichtete Ideologien, vor allem die Unterprivilegierten mit schlechter Schulbildung."

Jorge G. Riva, Argentinien:

"Was auch immer der Grund dafür ist, es ist einfacher für den Menschen, jemandem zu folgen als selber Verantwortung zu übernehmen. Die Menschheit hat so viele Fortschritte gemacht in Wissenschaft, Forschung und Technologie usw., aber der Mensch selbst hat sich nicht überhaupt nicht weiterentwickelt. Man erinnere nur an Friedrich Nietzsches Theorie vom Übermenschen, der für alles Verantwortung übernimmt. Es wird immer Schafe geben, die folgen, und Hirten, die führen."

Paul Stadelmann, Venezuela:

"Da der Mensch ein Herdenwesen ist und bleibt, wird er auch immer wieder anfällig für Diktaturen (sein). Beispiele dafür gibt es genug (...). Wenn man gesehen hat, wie die Nazi-Verbrecher auf einfache Weise das deutsche Volk unter Kontrolle brachten, sollte man eigentlich wissen, dass dies immer wieder möglich sein wird."

Erwin Scholz, Costa Rica:

"Diktaturen machen Beute,

türmt im Staate sich Geröll,

dass sehr bald selbst 'feinste' Leute

Herold hausgemachter Höll'."

Jeane Eckert, Brasilien:

"Es müssen nur die (richtigen) Bedingungen da sein: armes Land, Not leiden, und einer der die richtigen, passenden Worte für diese Menschen hat und ihnen alles verspricht (...). Die Geschichte ändert sich wohl nicht."

Gerhard Seeger, Philippinen:

"Sicher gibt es (Leute), die nicht anfällig sind. Das sind wohl die, die Widerstand organisieren. Kinder können gewiss in einem Diktatorischen System zu Rekruten getrimmt werden. Erwachsene, die Vorteile für sich erkennen, werden sich anpassen. Auch ist die Angst nicht zu vergessen, was die Diktatur mit denen macht, die sich nicht (anpassen). Und dann gibt‘s leider noch die, die gerne in einer Diktatur leben. Das sind wahrscheinlich die, die immer nach starker Führung (sprich: Führer) rufen. Das sind die Stützen des Regimes."

Paul Thompson-Lenz, Argentinien:

"Bevor man eine angemessene Antwort erwarten kann, sollte man wissen, in welchem Land

sich der Befragte befindet, welche Politik dort betrieben wird und in welchem Ausmaß Einfluss nehmende Ereignisse gegenwärtig stattfinden. Im Allgemeinen aber ist in unserer heutigen Zeit nicht mehr jeder Mensch anfällig für Diktaturen, doch viel zu viele sind es meiner Meinung nach immer noch, gerade wenn es ihnen schlecht geht!"

Martin Burmeister, Venezuela:

"Besonders junge Menschen lassen sich oft von charismatischen Führertypen beeinflussen, auch um den Preis ihrer persönlichen Freiheit. Bei Älteren kommt es auf die eigenen Verhältnisse und Lebenserfahrungen an, sich von Populisten verführen zu lassen."

Rafael, Mexiko:

"Wir alle haben immer Angst davor, in einem autoritären System zu leben. Aber Ich habe in einer militärischen Schule in den USA studiert und es war wirklich faszinierend. Das ist ein Beispiel (dafür), dass es möglich ist, unter einem autoritären Regime in einer demokratischen Gesellschaft zu leben."

Stewart Sifakis, USA:

"Die Antwort: Ja. Hauptsächlich die, die denken, dass sie nicht anfällig sind, z. B. viele US-Bürger."

Die Redaktion ‚Politik direkt‘ behält sich das Recht vor, Zuschriften zu kürzen.