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Europa

Polit-Krimi in Moskau

Der verschwundene Kreml-Kritiker und Präsidentschaftskandidat Iwan Rybkin hält Russland in Atem. Nach heftigen Vorwürfen gegen Präsident Wladimir Putin wird der 57-jährige seit mehreren Tagen vermisst.

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Keine Spur von Iwan Rybkin

Der russische Präsidentschaftskandidat Iwan Rybkin ist seit dem vergangenen Donnerstag (5.2.2004) spurlos verschwunden. Stoff für wilde Spekulationen gibt es in diesem Fall genug: Vom kommunistischen Apparatschik war Rybkin in den vergangenen Jahren zum Musterliberalen mutiert. Während der Amtszeit von Präsident Boris Jelzin war der aus Woronej in Südrussland stammende Ex-Kommunist bis zum Unterhauspräsidenten aufgestiegen. Mitte der 90er Jahre leitete der als äußerst kompromissfähig geltende Berufspolitiker den Präsidentschaftsrat, das Beratergremium Jelzins. Mit dessen Nachfolger Putin kam Rybkin weitaus schlechter aus: Als Führungsmitglied der Partei Liberales Russland galt er als Gegner des neuen Präsidenten. Unterstützt wurde er dabei von einem der Intimfeinde Putins, dem im Londoner Exil lebenden Multimillionär Boris Beresowski.

Selbst-Inszenierung oder Verbrechen?

Auch innerhalb seiner neuen politischen Heimat hatte Rybkin nicht nur Freunde: Liberales Russland spaltete sich im vorigen Jahr im Streit darüber, ob die Mitglieder weiter treu zu ihrem Parteigründer Beresowski halten sollten. Rybkin führte seitdem den Beresowski-treuen Flügel an. Sein parteiinterner Gegenspieler, Sergej Juschenkow, wurde im April 2003 in seiner Wohnung umgebracht.

Rybkins Gegner behaupten, es gehe dem Präsidentschaftskandidaten nur darum, Schlagzeilen zu produzieren, sich als Opfer des russischen Repressionsapparates darzustellen. Das Ganze sei also nur Wahlkampftaktik.

Lauter Ungereimtheiten

In Moskau herrschte am Montag (9.2.2004) Verwirrung: Im Fall Rybkin sei ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes eingeleitet worden, verkündete die Generalstaatsanwaltschaft am Morgen. Die Justiz sprach von Formalien. "Das ist normale Ermittlerpraxis. Wenn ein Mensch verschwindet, wird die Suche eingeleitet. Wird er nicht gefunden, gibt es ein Ermittlungsverfahren wegen 'Mordes'", sagte ein Sprecher. Ohne Erklärung wurde der Ermittlungsgrund "Mord" am Mittag aber wieder fallen gelassen.

"Dass er lebt, ist Tatsache", zitierte daraufhin die Agentur Interfax aus Polizeikreisen. Man wisse nur nicht, wo er stecke. Zuletzt gesehen wurde Rybkin am Donnerstag vor seinem Haus, als er sich von seinem Fahrer verabschiedete.

Rybkin halte sich im Pensionat "Waldferne" westlich von Moskau auf, das sei zu 99 Prozent sicher, verkündete der in der Staatsduma (Parlament) für Innere Sicherheit zuständige Abgeordnete Gennadi Gudkow. Alles sei nur eine Inszenierung. Doch im betroffenen Pensionat weiß niemand etwas von Herrn Rybkin.

Scharfer Kritiker des Tschetschenien-Krieges

Die zerstörte Stadt - Grosny in Tschetschenien

Das zerstörte Grosny

Rybkin trat bislang für einen Dialog mit den tschetschenischen Rebellen ein. Diese Position hat in der Öffentlichkeit nach dem Terroranschlag auf die Moskauer U-Bahn mit mindestens 39 Toten weiter an Rückhalt verloren. In Umfragen lag der Kandidat unter einem Prozent. Keine Gefahr also für Putin. Dennoch dürfte man sich im Kreml zuletzt mächtig über Rybkin geärgert haben. In Beresowskis Zeitung "Kommersant" bezeichnete Rybkin den Amtsinhaber als korrupt und dessen Politik in Tschetschenien als "Staatsverbrechen". Der einstige Chef des Sicherheitsrates wollte vor Journalisten aber keine Beweise für seine Behauptungen liefern.

Putin schweigt bislang zum Verschwinden seines Herausforderers. Das Schlimmste mag in Moskau niemand mehr ausschließen. Denn Politiker leben gefährlich in Russland. Seit 1994 wurden zehn Abgeordnete der Staatsduma ermordet. (mib)