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Europa

Polens Leiden durch den Zweiten Weltkrieg

Das Land hatte am meisten unter dem Zweiten Weltkrieg zu leiden. Auch in Polen endete der Krieg 1945 - aber nicht mit der Befreiung.

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Synoym für polnisches Leid: Warschauer Ghetto, 1943

In der Nacht vom 16. auf den 17. September 1939 wurde deutlich, dass Polen nicht nur ein, sondern zwei Feinde hatte. Seit dem 1. September 1939, der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg begann, wehrte sich Polen tapfer, aber vergeblich gegen die Wehrmacht. Dass die beiden weltanschaulichen Todfeinde Deutschland und die Sowjetunion sich im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes auf eine Aufteilung Polens geeinigt hatten, wusste bis zu dieser Nacht niemand. Dann aber überschritt die Rote Armee die polnische Ostgrenze, um sich ihren Teil von der Beute zu holen. Für Polen begann die entsetzlichste der an schwarzen Zeiten nicht armen Geschichte.

Trümmerhaufen

Trümmerberge (Foto: ap)

Nur noch menschenleere Trümmer: Warschau 1945.

1945 war Polen ein zerschlagenes Land. Die polnische Westgrenze war gemäß der Absprachen von Teheran 500 Kilometer nach Westen verlegt worden, Millionen Ostpolen wurden in die ehemalig deutschen Gebiete vertrieben. Warschau war ein menschenleerer Trümmerhaufen. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung hatte Polen die größten Menschenverluste aller Nationen zu beklagen. Sechs Millionen Polen überlebten den Krieg nicht – zu mehr als 95 Prozent Zivilisten. Annähernd sechs Jahre war Polen ein „mechanisiertes Schlachthaus, dessen Fließband ständig die Leichen ermordeter Menschen davonträgt“, wie es der polnische Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz einmal nannte. Im besetzten Polen – und nur dort- standen die großen Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Belzec, Chelmno und Majdanek. Von den 3,3 Millionen polnischen Juden konnten sich gerade zehn Prozent retten.

60 Jahre danach - Bildgalerie - Warschau 14/20

Luftaufnahme von Warschau, 2.10.1945 (AP Photo/Henry Griffin)

Doch was aus deutscher Perspektive oft übersehen wird: Es waren längst nicht nur die Juden, die dem deutschen Vernichtungsfuror zum Opfer fielen. Polen sollte gemäß den deutschen Kriegszielen als Nation komplett beseitigt werden. Von 1939 an wurde Jagd auf die "Träger des polnischen Nationalgedankens" gemacht. Intellektuelle, Geistliche und Adlige wurden zu Zehntausenden in Konzentrationslager gebracht oder gleich hingerichtet. Die polnischen Gebiete sollten "germanisiert", die Polen als Arbeitssklaven gehalten werden.

Aufstand in Warschau

Widerstand wurde von den deutschen Besatzern grausam bekämpft. Für einen getöteten Deutschen mussten 100 polnische Geiseln sterben. Den Widerstandskämpfern war seit dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion 1941 klar, dass nur ein Sieg Stalins die Befreiung vom Naziterror bringen konnte. Was von einer solchen "Befreiung" zu halten war, wurde spätestens mit der Auffindung der Massengräber von Katyn in der Nähe von Smolensk 1943 deutlich: Hier hatte Stalin mehr als 4000 polnische Offiziere erschießen lassen, die der Roten Armee 1939 in die Hände gefallen waren.

Bundeskanzler Gerhard Schröder verneigt sich bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes am 1. August 2004

Bundeskanzler Gerhard Schröder verneigt sich bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes am 1. August 2004

Der polnische Widerstand entschloss sich, militärisch natürlich weiter gegen Deutschland, politisch aber gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Die Polen wollten sich gegenüber der 1944 von Osten aus anrückenden Roten Armee als Herr im eigenen Land präsentieren. Wenige Stunden vor deren erwarteten Ankunft sollte in der Hauptstadt Warschau ein Aufstand ausbrechen, um die Deutschen zu vertreiben. Am 1. August 1944 sollte es soweit sein: Die polnische Untergrundarmee trat zum Kampf gegen die Deutschen an – und wurde von ihrem "Befreier" im Stich gelassen. Stalin verweigerte die Hilfe. Er ließ seine Truppen am Warschau gegenüberliegenden Ufer der Weichsel anhalten. In einem 63-tägigen Gemetzel schlugen die deutschen Truppen den Aufstand nieder. Der Versuch einer polnischen Selbstbehauptung kostete 200.000 Tote. Die Überlebenden Warschauer wurden vertrieben. Zurück blieben Trümmer: Die polnische war die im Zweiten Weltkrieg am stärksten zerstörte Hauptstadt überhaupt. Hitler ließ sogar noch die Ruinen sprengen.

Bis heute ist der Warschauer Aufstand nicht nur ein nationales Trauma, sondern auch das Symbol für den Widerstand Polens – gegen deutschen Terror und sowjetische Unterdrückung. Jedes Jahr am 1. August treffen sich Hunderttausende Warschauer, um des Aufstands zu gedenken. Bis weit in die 1980er Jahre war dies offiziell verpönt.

Wunsch nach Freiheit

1945 war das Jahr der Befreiung vom deutschen Terror und der 60. Jahrestag wird in Polen auch dementsprechend begangen. Was aber niemand vergisst: Frei wurde Polen 1945 nicht. Das von Moskau installierte kommunistische Regime ließ dem nationalsozialistischen Terror den stalinistischen folgen. Viele, wie etwa der spätere Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, waren sowohl Gefangene Hitlers, als auch Stalins. Für viele Polen endete der Zweite Weltkrieg nicht 1945 – sondern erst durch das Ende des Kalten Krieges irgendwann in den 1980er Jahren.

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