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Kultur

Polen und die Gurlitt-Sammlung

Der Kunstwerke-Fund in München sorgt auch im Ausland für Schlagzeilen. In Warschau fragt man sich, ob es in der Gurlitt-Sammlung auch Raubkunst aus Polen gibt.

Der Begriff "Kunstraub" werde in der deutschen Öffentlichkeit zum Teil anders als im Ausland verstanden, meint die Kunsthistorikerin Ulrike Schmiegelt von der Kulturstiftung der Länder. Sie forscht über den Kunstraub an russischen Museen während des Zweiten Weltkrieges. "Wenn Deutsche über Beutekunst sprechen, meinen sie die aus Deutschland geraubten Werke, die sich heute zum Beispiel in Russland befinden", sagt Schmiegelt. Wenn von NS-Raubkunst gesprochen werde, seien vor allem Werke gemeint, die das nationalsozialistische Regime in Deutschland und Westeuropa beschlagnahmt hat.

Doch es sei weniger bekannt, "dass auch in Osteuropa während der Nazi-Besatzung systematisch Kunstraub betrieben wurde", so Schmiegelt. Denn die aus Westeuropa geraubten Werke sorgten viel öfter für spektakuläre Schlagzeilen: "Ein Gemälde von Picasso oder Matisse ist bekannter als eine Kirche in Russland", sagt Schmiegelt und verweist auf die sehr hohen Preise solcher Bilder bei Auktionen, an die sich die Öffentlichkeit leichter erinnert, sowie auf die jahrzehntelange Forschung auf diesem Gebiet.

Polen will es genau wissen

Diese Argumente sind im ehemaligen Ostblock schon lange bekannt. Gerade in Polen will man beim Thema Raubkunst genauer hinschauen. Im Fall der Gurlitt-Sammlung beantragte beispielsweise das polnische Außenministerium bei der Staatsanwaltschaft Augsburg die Herausgabe der vollständigen Liste gefundener Werke. "Wir entnahmen der Pressekonferenz dazu, dass es sich auch um Werke handeln könnte, die aus Polen stammen können", erklärt der Jurist Wojciech Kowalski, der im Warschauer Außenministerium für den Bereich Raubkunst zuständig ist.

Ein Werk aus der Gurlitt-Sammlung: Conrad Felixmüllers Paar in Landschaft (Foto: EPA)

Ein Werk aus der Gurlitt-Sammlung: Conrad Felixmüllers "Paar in Landschaft"

In Polen wurde im Zweiten Weltkrieg sehr viel geplündert und zerstört: "Schon 1939, kurz nach dem Einmarsch der Deutschen, gab es Verordnungen über die Meldepflicht von Kunstwerken, die vor 1850 entstanden waren - sowohl aus öffentlichen als auch aus privaten Sammlungen", sagt Wojciech Kowalski. Er beruft sich dabei auf deutsche Dokumente von Ende 1939 aus dem besetzten Polen. Wer solche Informationen verheimlichen wollte und falsch oder unvollständig aussagte, riskierte eine Gefängnisstrafe. Direkt nach dem Krieg schätzte Polen, dass eine halbe Million Kunstwerke aus dem eigenen Land geraubt wurden.

Heute führt die Regierung in Warschau eine Liste mit etwa 60.000 Werken, die aus Polen geraubt worden sind. Auch deshalb lauteten polnische Schlagzeilen gleich nach dem spektakulären Kunstfund in der Münchener Wohnung von Cornelius Gurlitt: "Gebt uns unsere Bilder zurück!" oder "Verbergen die Deutschen etwas?"

Wo gehören die Werke hin?

Doch der Fall Polens sei "der komplizierteste von allen", meint Kunsthistorikerin Ulrike Schmiegelt. "Dort gab es nicht nur den Kunstraub, sondern auch Gebietsverschiebungen". Sollte Cornelius Gurlitt Werke besitzen, die aus ehemals deutschen Gebieten stammen, die heute zu Polen gehören, wird alles besonders schwierig, glaubt auch Klaus Ziemer vom Deutschen Historischen Institut in Warschau.

Im Jahr 1937 wurden aus Museen in Stettin, Beuthen oder Breslau viele Bilder in die Ausstellung "Entartete Kunst" nach München geschickt. Nach den Beschlüssen der Alliierten zur Westverschiebung erhielt Polen nach dem Krieg nicht nur Gebiete wie Schlesien, sondern auch die dortigen Kulturgüter. Das polnische Kulturministerium spricht daher von Bildern, die "aus dem polnischem Gebiet" stammen. "Deutschland könnte aber argumentieren, dass Werke, die vor 1945 aus den Museen in Breslau oder Stettin nach München geschickt wurden, weiterhin in Deutschland bleiben sollen", sagt Ziemer. In diesem Fall müsste auch geklärt werden, ob es sich überhaupt um Kunstraub handele, meint der Historiker und gibt zu bedenken: "Ein Bild, das früher in Stettin hing, wird heute in Greifswald ausgestellt und daran stört sich offenbar auch niemand".

Kunst braucht ein Publikum

Der polnische Historiker Robert Traba vom Zentrum Historischer Forschung der Polnischen Wissenschaftsakademie in Berlin (Foto: R. Romaniec)

Historiker Traba: "Werke ausstellen und beschriften"

Bis das alles geklärt sei, könnten noch Jahre vergehen, meint der polnische Historiker Robert Traba vom Zentrum Historischer Forschung der Polnischen Wissenschaftsakademie in Berlin. Er glaubt, dass es noch weitere Sammlungen wie die von Gurlitt gibt und schlägt eine ungewöhnliche Lösung vor: "Das Wichtigste ist, dass die Kunst nicht versteckt, sondern gezeigt wird", sagt Traba. "Warum soll man diese Werke nicht ausstellen und bei jedem für eine entsprechende Beschriftung sorgen - nämlich von wem, wann und wo genau das Bild geraubt wurde?"

Diese Idee wurde bisher kaum beachtet. Die Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und ehemaligen Ostblock-Ländern wie Polen über Kunstwerke gehen weiter. Ansprüche stehen auch in umgekehrter Richtung im Raum: Debattiert wird beispielsweise über eine wertvolle Sammlung der Preußischen Staatsbibliothek - bekannt als "Berlinka": Während des Zweiten Weltkrieges lagerten die Nazis sie nach Schlesien aus, wo sie verblieben war. Heute befindet sie sich in Krakau. Seit 21 Jahren können sich Polen und Deutschland nicht über eine Rückgabe der Sammlung einigen. Ob der Fund in München diese Verhandlungen beschleunigt oder erschwert, ist noch offen.

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