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Europa

Polen trauert um Grass

Kein deutscher Autor der Nachkriegszeit wird in Polen so geachtet wie Günter Grass. Vor allem wegen seines Engagements für die deutsch-polnische Aussöhnung. Seine Mitgliedschaft in der SS hat daran wenig geändert.

Es waren schon die 50er Jahre, als Günter Grass in seine Heimatstadt Danzig reisen wollte. Bei einem der ersten Besuche schloss er eine Freundschaft fürs Leben. Boleslaw Fac, ein junger polnischer Poet, der sein Brot als Arbeiter bei der Danziger Lenin-Werft verdiente, sollte ihm vor Ort das "neue" Danzig zeigen. Beide Männer - der polnische Sozialist und der deutsche Sozialdemokrat - mochten sich auf Anhieb. Wenn Grass in der Stadt weilte, kam er oft zum Mittagessen in die Wohnung von Fac, der später seine Gedichte ins Polnische übersetzte. "Günter Grass und mein Vater diskutierten lange am Mittagstisch - immer darüber, was gerade aktuell war - Politik, Geschichte, Gesellschaft", erinnert sich Andrzej Fac, Sohn von Boleslaw und selbst Dichter.

Von seiner Mitgliedschaft in der Waffen SS war damals am Mittagstisch keine Rede, sagt Andrzej Fac, "aber man konnte ahnen, dass da noch mehr ist, gerade wenn Grass von seinem Familienhaus und dem Vater sprach, der ein kleiner Nazi war, wie ihn Grass in der Person von Alfred Mazerath in der 'Blechtrommel' beschrieb". Die späte Beichte des Schriftstellers hatte ihn daher wenig überrascht, aber auch nicht verstört, wie viele anderen damals in Polen. "Wenn ich an Grass denke, dann klingen andere Sätze in meinen Ohren", sagt Andrzej Fac und erinnert sich an diesen: "Die Verbrechen der Deutschen sind groß wie Himalaja".

Frühes Engagement wichtiger als späte Beichte

Grass sprach von der deutschen Schuld und Sühne zu Zeiten, als viele Deutsche es noch nicht hören wollten, betont man in Polen. Schon in den 60er Jahren setzte er sich politisch an der Seite von Willy Brandt für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein und engagierte sich für die Aussöhnung mit Polen. 2006, als er das Geständnis über die Vergangenheit in der Waffen SS ablegte, schockierte es deshalb auch viele Polen. Lech Wałęsa forderte gar, der Danziger Stadtrat sollte Grass seinen Titel als Ehrenbürger aberkennen. Doch die Verdienste des Schriftstellers setzten sich durch. Ganz so, als hätte der kleine Oskar Matzerath für Grass getrommelt.

Günter Grass vor seinem Elternhaus in Danzig Foto: dpa)

Grass vor seinem Danziger Elternhaus im Juni 2000

Schon zwei Jahre später feierte Günter Grass in seiner Heimatstadt den 80. Geburtstag. Und so verwunderte es nicht, dass kurz nachdem sich die Nachricht vom Tod Günter Grass verbreitete, in der Städtischen Galerie ein Kondolenzbuch für den Ehrenbürger aufgestellt war. Als erster schrieb der Bürgermeister von Danzig Paweł Adamowicz: "Das ist sicherlich das Ende einer Epoche". Grass sei "ein großer Freund" und "ein Schatz der Hafenstadt" gewesen. Der Danziger Schriftsteller Stefan Chwin meinte, Grass hätte in seinen Büchern eine Stadt enthüllt, "in der deutsche und polnische Traditionen bestanden und einander nahe waren".

Ein herzlicher Abschied

Viele Polen verabschiedeten sich von Grass, als ginge ein großer ihrer Landsleute. Die Presse unterstreicht, dass der Nobelpreisträger "einer der ersten Deutschen war, der klar gesagt hat, die deutschen Ostgebiete sind endgültig verloren". Der Danziger Schriftsteller Paweł Huelle meint, "nur wenige hätten so viel zur deutsch-polnischen Versöhnung beigetragen", wie Grass, der ein "hervorragender Botschafter für polnische Angelegenheiten" gewesen sei.

Das tat der Schriftsteller immer wieder auch in der jüngeren Geschichte, wie sich Andrzej Fac erinnert. Im Jahr 2000 kritisierte er etwa, dass deutsche Medienkonzerne den polnischen Markt zu offensiv erobern. Kurz nachdem die "Passauer Neue Presse" die Regionalzeitung "Gazeta Bałtycka" übernahm, sprach er in Danzig öffentlich von "einer Siegermentalität", was manche im Publikum irritierte.

Doch Grass verschonte auch gelegentlich Polen nicht. So mahnte er vor ein paar Jahren an, das Land solle sich von der Opfer-Rolle befreien. Auch wenn sich mancher daran störte, zumindest in Danzig kannte man den streitbaren Ehrenbürger gut. "Er hielt schon immer die Kritik für hilfreicher als die Lorbeeren", erinnert sich Fac und fügt hinzu: "Er war ein Mensch der Polemik, der wirklich wissen wollte, was sein Gegenüber meint".

Das unbekannte Danzig näher gebracht

Doch wenn Fac heute an Grass denkt, geht es vor allem um das literarische Werk, das er "mit viel Fleiß und Leidenschaft geschaffen hatte". Dass er in den letzten Jahren die emotionale Annäherung mit seinem eigenen Land suchte, findet der Dichter wie viele anderen polnische Intellektuellen nur nachvollziehbar. Und auch wenn er in der späten Trilogie der Erinnerung aus einer für die Polen fremden Perspektive schrieb, war trotzdem die Grassche Polyphonie gut darin zu hören.

Dafür wollte die Stadt Danzig ihm schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzen, was Grass selbst eher irritierte. In einem kleinen Park in seinem Stadtteil Wrzeszcz (Langfuhr) sitzt auf einer Bank der kleine Blechtrommler Oskar Matzerath in Bronze. Nicht ausgeschlossen, dass er bald seinen Schöpfer zur Gesellschaft bekommt.

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