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Fußball

Polen im Wettstreit mit der Zeit

Anfang 2007 herrschte in Polen noch Enthusiasmus: Zusammen mit der Ukraine wurde das Land zum Gastgeber der EM 2012 gewählt. Doch ein Jahr vor dem ersten Anpfiff dominiert in Polen Unruhe: Wird es gut gehen?

Model des Nationalstadions in Warschau

Als Ende Mai ein Unwetter über Warschau (Warszawa) zog, stellte sich heraus, dass das Dach des neuen Nationalstadions undicht ist. Und erst kurz zuvor wurde bekannt, dass die Fluchttreppen die vorgeschriebenen Standards nicht erfüllen - nun müssen diese neu gebaut werden. Allein wegen dieser Fehler wird der Bau des Stadions mindestens ein halbes Jahr länger dauern als geplant - und somit auch teurer werden.

Das führte zum Streit zwischen dem deutschen Architektenbüro in Düsseldorf und den Baufirmen. Die Fertigstellung des Objektes war für Mai 2011 geplant. Wann es nun tatsächlich dazu kommen wird, ist noch ungewiss. Für das EM-Eröffnungsspiel am 8. Juni 2012 dürfte die Arena fertig werden. Ursprünglich waren vorher aber noch mehrere Tests mit großen Sportereignissen geplant. Vorgesehen war etwa ein Fußball-Länderspiel zwischen Polen und Deutschland am 6. September 2011. Hier gibt es nun Überlegungen, die Partie nach Danzig (Gdansk) zu verlegen. Und die Eröffnungsfeier in Warschau muss wahrscheinlich ohne Tests über die Bühne gehen.

Große Investitionen im Schatten der Krise

Logo Fussball EM Euro 2012

Der Bau des Nationalstadions ("Stadion Narodowy") ist die größte Sport-Investition in der Geschichte Polens. Die Kosten belaufen sich umgerechnet auf rund 300 Millonen Euro. Ausgestattet wird die Spielstätte mit modernster Technik, die Tribünen sind für 58.000 Zuschauer ausgelegt. Dazu kommen noch mehr als 860 Plätze für Journalisten und VIPs. Für die EM dürfte das Abgebot reichen. Aber was passiert danach mit der Arena, fragen sich viele? Gibt es auch dann noch eine entsprechende Auslastung?

Trotzdem ist die Bilanz nicht nur negativ. Genau so wie in Warschau haben auch andernorts die lokalen Behörden die Chance genutzt, im Rahmen der EM-Vorbereitungen seit Jahren fällige Investitionen zu verwirklichen. Die liberal-konservative Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk musste aber mehrmals die Bremse ziehen: Die Aufbauphase wurde von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise überschattet, Geld fehlte an allen Ecken und Enden.

So haben die Bewohner Warschaus gehofft, durch die EM eine zweite U-Bahn-Linie zu bekommen, die das rechte Weichsel-Ufer mit dem linken verbinden wird. Die Linie wird nun kommen, allerdings erst ein Jahr nach der EM. Es wird auch keine neuen Bahnhöfe geben, nur einige der alten werden modernisiert. Immerhin entsteht am Flughafen ein neues Terminal. Zudem wird eine neue S-Bahn-Linie diesen mit der Stadtmitte verbinden. Für die Warschauer ist es der erste sichtbare Erfolg der EURO 2012.

Die Chinesen geben auf

Schlechter sieht es mit den Zufahrtstraßen in die Hauptstadt aus. Die wichtigste Autobahnverbindung von Westeuropa nach Warschau ist hinter Lodz auf einer Länge von 50 Kilometern unterbrochen. Eine chinesische Firma, die die Ausschreibung gewonnen hatte, kündigte an, den Auftrag zurückgeben zu wollen.

Sollte es tatsächlich dazu kommen, müsste das Unternehmen aus China eine Vertragsstrafe in Höhe von 200 Millionen Euro zahlen. Der Kontostand der Firma in Polen weist jedoch nur ein Viertel dieser Summe auf. Woher der Rest kommen soll, ist noch unklar. Unabhängig vom Ausgang des vorhersehbaren Rechtsstreits steht schon jetzt fest: Die Arbeiten an der Autobahn gehen nicht voran und die Perspektiven für das Nachfolgeunternehmen sehen düster aus. Streng genommen müsste eine neue Ausschreibung stattfinden, doch dafür fehlt die Zeit.

In letzter Minute

Feuerwerk zur Einweihung des neuen Stadions in Posen am 20. September 2010. (Foto: AP)

Die neue Arena in Posen

Auch die Straßen zwischen Warschau und Danzig werden wohl nicht vollständig fertiggestellt. Zudem wird die Autobahn im Süden nicht die Grenze zur Ukraine erreichen. Es ist die Strecke, über die die Fußballfans von Polen das ukrainische Lemberg (Lviv) erreichen sollen. Die Bahn bietet aber keine wirkliche Alternative - eine Bahnreise von Warschau nach Danzig dauert heute länger als vor dem Zweiten Weltkrieg.

Die Stadien in den weiteren EM-Gastgeberstädten Danzig, Posen (Poznan) und Breslau (Wroclaw) sind jeweils für 44.000 Zuschauer ausgelegt. Die Summe der Investitionen beläuft sich hier auf insgesamt 750 Millionen Euro. In jeder dieser Städte entstehen auch moderne Flugterminals und Schnellstraßen, die sie mit dem Stadion verbinden. Planmäßig wurde bisher nur das neue Stadion in Posen fertiggestellt. In Danzig und Breslau wird noch gebaut.

Trotzdem zweifelt in Polen keiner daran, dass die beiden Stadien rechtzeitig vor der EM fertiggestellt werden. Gerne verweist man auf das Beispiel Griechenland. Der Gastgeber der Olympischen Sommerspiele 2004 habe seine Arbeiten auch erst wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier beendet - trösten sich die Polen.

Eine positive Bilanz

Die Probleme seien immens, aber die Bilanz falle trotzdem positiv aus, berichten polnische Medien. Vieles werde zwar nicht rechtzeitig fertig, doch ohne die EM hätte man auf die Investitionen drei bis acht Jahre länger warten müssen. Die Autobahnen würden zwar erst ein Jahr nach der EURO 2012 vollständig gebaut sein, sie blieben dem Land dann aber über Jahrzehnte erhalten. Und ohne die EM wären moderne Stadien vielleicht erst in zehn Jahren gebaut worden, meinen Wirtschaftswissenschaftler von der Jagiellonen-Universtität in Krakau.

Die Vorbereitungen auf die die EURO 2012 werden vermutlich etwa 22,5 Milliarden Euro kosten, das sei aber kein verlorenes Geld. Die Investitionen ermöglichten Polen einen Quantensprung. Mit den Fußballern selbst sieht es eindeutig schlechter aus. Aber auch hier könnten die Polen für Überraschungen sorgen.

Autor: Michal Jaranowski
Redaktion: Zoran Arbutina / Arnulf Boettcher