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Europa

Polen: Die Kirche als moralische Instanz

Die Kirche solle politisch bleiben, fordert ein prominenter Warschauer Priester. Die Meinungen dazu sind unter polnischen Katholiken geteilt. Auch innerhalb einer Familie, die Monika Sieradzka in Warschau besucht hat.

In der Warschauer Plattenbausiedlung Gocław machen die Läden schon am frühen Sonntagmorgen auf. Die 42-jährige Barbara gehört zu den ersten Kunden. Die Krankenschwester arbeitet im Schichtdienst, für umgerechnet 600 Euro im Monat. Ihren Wocheneinkauf holt sie meist sonntags nach. Den Bischöfen gefällt das nicht: Feiertage seien für die Kirche da, nicht für den Konsum, predigen sie von der Kanzel.

Nachdem Barbara die Einkaufstaschen zu Hause abstellt, geht sie mit ihrem Mann in die St. Patrick-Kirche. Um 9.30 beginnt der Gottesdienst.

"Schutz des ungeborenen Lebens"

Im Foyer der Kirche hängen Bilder von Föten in verschiedenen Entwicklungsstadien. Daneben stehen Zahlen, die schockieren sollen: 18 Millionen Opfer im Zweiten Weltkrieg und 17 Millionen "unschuldige Kinder, die zwischen 2006 und 2009 in der EU durch Abtreibung getötet wurden".

Die Predigt hält ein Pallottinerpriester, der sich "Beschützer des ungeborenen Lebens" nennt. Neulich hat er für Schlagzeilen gesorgt, als er ein Warschauer Krankenhaus wegen der dort durchgeführten Abtreibungen verklagte. Europa und "seine Gender-Ideologie" seien eine Gefahr für die Familie. Wenn der Europarat Gewalt gegen Frauen bekämpfe, sei das auch ein Kampf gegen die Kirche, sagt er in der Predigt. Besonders schlimm sei die künstliche Befruchtung, ein "Verstoß gegen die Gesetze Gottes".

Nach seiner Predigt verteilt der Priester Flugblätter mit einer Kontonummer: Von den Spenden soll eine Frauenklinik gebaut werden, in der Unfruchtbarkeit mit natürlichen Methoden geheilt werden soll. Das Thema ist nicht zufällig gewählt: Der konservative Teil der polnischen Bischöfe stellt die Regierung unter Druck und verlangt, dass sie ein absolutes Abtreibungsverbot durchsetzt - als Gegenleistung für die Unterstützung im Wahlkampf.

Ein Priester, der zu radikal wurde

Hinter dem Altar sitzt schweigend ein anderer Pfarrer: Stanislaw Małkowski, ein Vertrauter von Jaroslaw Kaczyński, dem Vorsitzenden der national-konservativen Regierungspartei PiS. Małkowski würde gerne wieder predigen, doch in Warschau darf er das nicht.

Vor zwei Jahren hat er vor dem Präsidentenpalast Exorzismus betrieben, um dem früheren Staatschef Bronislaw Komorowski angeblich den Teufel auszutreiben. Der Grund: Komorowski hatte damals das Gesetz zur künstlichen Befruchtung unterzeichnet.

Dem Warschauer Kardinal Kazimierz Nycz - einem der wenigen Moderaten unter dem polnischen Klerus - ging das zu weit. Die Folge: Der Exorzist Małkowski darf in seinem Erzbistum jetzt nur schweigend am Altar dienen. Außerhalb von Warschau predigt er jedoch weiter - in gut gefüllten Kirchen.

Jaroslaw Kaczynski im Warschauer Parlament (Foto: Picture alliance)

Stanislaw Małkowski gilt als Vertrauter von PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczyński (Foto)

Moralische Ordnung wiederherstellen

Die Krankenschwester Barbara bedauert das Predigt-Verbot für den Hardliner in ihrer Gemeinde: "Er spricht aus, was wir Katholiken wirklich denken." Viele würden sich schämen zuzugeben, dass sie gegen Abtreibung sind. Sie aber findet es gut, wenn die Kirche Klartext redet - vor allem jetzt, wo man

in Polen wieder über das Abtreibungsgesetz spricht

.

Doch Barbaras Mann ist offenbar anderer Meinung. "Ich möchte es lieber nicht kommentieren, dass die Kirche Politik macht", sagt er und räumt ein, er spreche nur seiner Frau zuliebe mit der DW. Das Ausland solle die Meinung polnischer Katholiken kennen, habe sie ihm gesagt. Doch er will seinen Namen nicht nennen. "Ich möchte mich nicht aus dem Fenster lehnen, denn ich möchte auf der Arbeit nicht anecken", so der 41-Jährige. Er arbeitet in einem Ministerium und fürchtet derzeit um seinen Job. Die PiS-Regierung mache jetzt Platz für neue Leute in allen öffentlichen Ämtern, sagt er. Barbara reagiert etwas befremdet - und gesteht offen, dass sie die PiS gewählt hat. Für einen Moment ist ein Riss in dieser Familie zu spüren.

"Churching" für junge Polen

An diesem Sonntag kommt auch die 20-jährige Tochter zu Besuch. Klaudia lebt seit Kurzem in ihrer eigenen Wohnung - mit ihrem Freund, einem Jura-Studenten. Ohne Trauschein. Für die Eltern ist das schwer zu akzeptieren.

Das junge Pärchen geht in eine andere Kirche als die Eltern - in eine "liberale" Studentengemeinde, St. Anna, im Zentrum von Warschau. Bei den Gotteshäusern probieren sie noch einiges aus: "Wir nennen es 'Churching' - eine neue Mode: Man besucht verschiedene Kirchen, hört sich die Predigten an und entscheidet, wo man demnächst hingeht", sagt Klaudia. Danach tauschen sie sich auf Facebook über ihre Eindrücke aus.

Obwohl sich Klaudia als "liberal" bezeichnet, unterstützt sie genau wie ihre Mutter die polnische Kirche und die PiS-Regierung - und ist für ein Abtreibungsverbot ohne Ausnahmen. Nur in einem Punkt hat sie eine andere Meinung: Während polnische Priester predigen, Abtreibung sei eine nicht zu vergebende Todsünde, hält Klaudia zu Papst Franziskus, der sagte, man solle "diese Todsünde jenen Frauen vergeben, die sie bereuen".

"Kirche darf nicht politisch korrekt sein"

Ganz anders sieht das der erzkonservative Priester Małkowski. Er kritisiert Papst Franziskus dafür, dass er die Absolution für Abtreibung und Scheidung zulassen will. Für den Exorzisten und PiS-Freund sei der Schulterschluss von Kirche und Politik selbstverständlich. "In Polen haben die Menschen jegliche Orientierung verloren. Sie brauchen moralische Wegweiser", sagt er im Gespräch mit der DW.

Małkowski hat viele Anhänger, denn er gehörte seinerzeit zu den populärsten Geistlichen des Landes, die sich während der kommunistischen Diktatur in der Opposition engagierten. Damals besuchten Zehntausende von Menschen seine Messen. Der polnische Geheimdienst war stets hinter ihm her.

"Jetzt muss ich gegen die politische Korrektheit der polnischen Kirche kämpfen", meint er. Denn viele "liberale" Priester würden schwierigen Themen aus dem Weg gehen.

Keine schwierigen Themen beim Familientreffen

Sogar seinen Freund Jaroslaw Kaczyński hält er manchmal für zu moderat: Er sollte das Abtreibungsgesetz schneller vorantreiben. "Kaczyński muss sich manchmal etwas milder geben, damit es keine Rebellion in den eigenen Reihen gibt", erklärt der Geistliche. Doch eigentlich sei er "auf dem richtigen Wege". Auch Staatspräsident Duda erfreue sich der Gnade Gottes - und man müsse ihm keinen Teufel austreiben wie seinem Vorgänger, sagt Małkowski schmunzelnd.

Die Krankenschwester Barbara nennt diesen Priester "ihren Helden". Ihre Tochter wünscht sich allerdings mehr Distanz zwischen Kirche und Politik. "Kirche ist Kirche - und das sollte so bleiben", meint die 20-Jährige. Und deshalb besucht sie ein Gotteshaus, in dem die Kanzel unpolitisch bleibt. Auch deswegen meidet die Familie beim sonntäglichen Mittagessen das Thema Kirche.