Pole Dance: Ägypten steht Kopf | Nahost | DW | 21.11.2017
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Selbstbestimmung

Pole Dance: Ägypten steht Kopf

Der Tanz an der Stange gilt dort als verrucht, anstößig und schamlos. Trotzdem wird Pole Dance in Ägypten immer beliebter - in einem Land, das nicht als Vorreiter bei den Frauenrechten gilt. Aus Kairo Karin El Minawi.

Rihan Soliman hängt kopfüber an einer Pole-Dance-Stange (Foto: DW/Karin El Minawi)

Die 22-jährige Rihan Soliman trainiert bereits seit zwei Jahren in Manar el Mokadams Studio.

Lasziv räkelt sich Kursleiterin Manar el Mokadam an der Stange, klettert hinauf und mit verschiedenen Figuren wieder hinab, landet auf ihren gläsernen High Heels. Dann zieht sie sich wieder hoch und grätscht ihre Beine zum Spagat. Die Kursteilnehmer klatschen.

Manar el Mokadam hängt lächelnd an einer Pole-Dance-Stange (Foto: DW/Karin El Minawi)

Manar el Mokadam lebt für den Pole Dance.

Mokadam trainiert nun schon seit über sieben Jahren. Was für sie als Hobby begann, ist inzwischen zu einem Vollzeitjob geworden: Vor vier Jahren eröffnete sie das erste Pole-Dance-Studio in Ägypten und wagte damit einen Schritt aus dem engen Korsett der konservativ geprägten Gesellschaft: In den Köpfen vieler Ägypter gilt Pole Dance als verrucht, anstößig, schamlos. Doch für sie ist es ein Ausdruck der Selbstbestimmung und vor allem ein Sport, der immer beliebter und mehr betrieben wird - allerdings meist nur hinter verschlossenen Türen.

Bauchtanz ja - Pole Dance nein

Ägypten ist mit seinen über 92 Millionen Einwohnern ein Land der Gegensätze: Armut trifft auf Reichtum, Reform auf Konservatismus, Tradition auf westlich geprägte Moderne. So ist Bauchtanz, der seit Jahrhunderten Teil der ägyptischen Kultur ist und nicht weniger verführerisch und erotisch als Pole Dance ist, in vielen Teilen der Gesellschaft zwar verpönt, trotzdem darf eine meist sehr freizügig gekleidete Bauchtänzerin auf keiner Hochzeit fehlen - schon gar nicht auf den Hochzeiten der unteren Schichten. Und doch stößt Pole Dance in Ägypten auf Ressentiments, wird oft mit dem Rotlichtmilieu und mit Prostitution assoziiert, worüber in Ägypten nicht gesprochen wird.

Manar al Mokadam ist das bewusst, abbringen lässt sie sich von dem Sport trotzdem nicht. Entdeckt hat ihn die 24-Jährige während sie in Großbritannien Architektur studierte. Wenige Monate nach ihrer Rückkehr eröffnete sie in ihrer Heimat ein eigenes Studio für Frauen - Pole Fit Egypt. "Anfangs waren meine Eltern schockiert. Sie fürchteten die Meinung der Leute", sagt sie.

Manar el Mokadam hängt kopfüber an einer Pole-Dance-Stange (Foto: DW/Karin El Minawi)

Manar el Mokadam stellt das Rollenbild vieler Ägypter auf den Kopf.

Nicht auffallen, nicht provozieren

In Ägypten leben die Menschen dicht gedrängt auf engem Raum. Keiner kann sich den sozialen Kontrollen entziehen. El Mokadam weiß das. Das ist auch ein Grund, warum nur ihre Kursteilnehmerinnen wissen, was genau in ihrem Studio im zweiten Stockwerk eines Wohnhauses im Stadtteil Garden City passiert. "Die Leute denken, es wäre ein normales Fitnessstudio", sagt sie. "Wir versuchen, in der Gesellschaft nicht aufzufallen, wollen niemanden provozieren". Daher sind Auftritte und öffentliche Veranstaltungen für sie und ihre Schülerinnen tabu. "Da gibt es feste Regeln", sagt sie. Auch für ihre Kursleiter. Ihre Kurse sind trotzdem gut gefüllt.

Schleier aus, Hotpants an

Neben Pole Dance bietet sie auch Tuch- und Luftringakrobatik an. Über 2600 Frauen wies ihr Studio seit der Eröffnung in den Stangentanz ein - und es werden immer mehr. Inzwischen hat sie zwei weitere Studios eröffnet. Unangemeldet vorbeikommen geht nicht: Nur Mitglieder haben Zutritt. Die gewinnt sie ausschließlich über Mundpropaganda. Unter ihnen sind Studenten, Designer, Bankkauffrauen, Ärzte und Mütter - auch aus unteren Schichten. Die meisten sind Ägypterinnen, zwischen 20 und 56 Jahre alt. Viele sind verschleiert. Eine trägt sogar den Gesichtsschleier. Doch während des Trainings wird alles abgelegt, denn Hotpants und knappes Oberteil sind Pflicht - aus Sicherheitsgründen. "Nur so können wir uns an der Stange halten, rutschen nicht aus", sagt el Mokadam.

Rihan Soliman hängt kopfüber an einer Pole-Dance-Stange (Foto: DW/Karin El Minawi)

Nicht Spiderman, sondern Soliman. Rihan Soliman trainiert hart.

Tänzerin statt Ärztin
Inzwischen wärmen sich fünf Frauen auf. Unter ihnen ist Rihan Soliman, eine Stammkundin. Die 22-jährige Medizinstudentin trainiert schon seit knapp zwei Jahren. Ihre Eltern wissen von ihrer Leidenschaft, schließlich hat sie auch bei sich zu Hause eine Stange. Was sie nicht wissen ist, dass sie nicht mehr Medizinerin sein möchte, sondern Tänzerin. Trotzdem wird sie ihr Studium beenden - für ihre Eltern. "Durch Pole Dance bin ich selbstbewusster, disziplinierter. Ich habe Kräfte entdeckt, von denen ich nichts wusste - Superkräfte. Außerdem fühle ich mich sexy", sagt sie, "wie ein Rockstar". Ihre Eltern würden das nicht verstehen und schon gar nicht akzeptieren.

Alte Rollenbilder fest verankert 

Ägyptens Gesellschaft ist streng konservativ - auch nach der Revolution von 2011. Damals fegte der Volksaufstand den autoritär regierenden Hosni Mubarak aus dem Amt. Bei der Protestbewegung waren auch Frauen dabei. Sie erhofften sich mehr Rechte, mehr politische Beteiligung und vor allem mehr Freiheit. Doch obwohl die Frauen heute selbstbewusster sind, hat sich an ihren Problemen nicht viel verändert. Zwar wird inzwischen öffentlich über ihre Rechte diskutiert und versucht, sie nicht nur auf ihre traditionelle Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau zu reduzieren, doch der Weg in die Gleichberechtigung ist noch lang.

Obwohl heute immerhin 90 Frauen im Parlament sitzen - so viel wie nie zuvor -, dem Kabinett vier Frauen angehören und Ägypten zum ersten Mal eine Gouverneurin hat, ist das Bild der ineffizienten, minderwertigen Frau und die patriarchalische Mentalität tief in der Gesellschaft verankert. Zwangsehen, Mädchenbeschneidung und sexuelle Belästigung sind in Ägypten noch immer Alltag.

Doch hin und wieder brechen Frauen aus der von der Gesellschaft vorgegebenen Rolle aus - wie die Stangentänzerin Manar el Mokadam und die vielen anderen Frauen, die in den inzwischen zahlreichen Studios in Ägypten an der Stange tanzen.

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