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Kultur

Pokerfieber Online: Ein Trend mit Nebenwirkungen

Kein Filztisch, keine Krawatte, kein Pokerface. Gezockt wird nicht mehr nur im Casino, sondern auch im Internet - rund um die Uhr. Deutschland ist im Pokerfieber. Über Risiken und Nebenwirkungen hört man aber zu wenig.

Symbolbild Pokern

Beim Online-Poker gibt es keine Chips, sondern nur Mausklick und Kreditkarte

Ass, Spiel, Sieg: Mit diesem Prinzip triumphierte der deutsche Tennisstar Boris Becker auf den Centre Courts und wurde dadurch mehrfacher Millionär. Der Leimener mit dem gefürchteten Aufschlag macht jetzt - neun Jahre nach seinem Rückzug vom Profi-Tennis - wieder Kasse mit den Assen.

Boris Becker ist das Gesicht einer groß angelegten TV-Werbekampagne für eine Pokerspielseite im Internet. Aber nicht nur er: Der Fußballverein Bayer Leverkusen leiht sein Image einem anderen virtuellen Pokeranbieter. Die Branche will ihr Image aufpolieren und salonfähig werden.

Onlinepokern um Geld ist illegal

Der Siegeszug des Online-Pokerns nahm 2003 seinen Anfang, als der US-Amerikaner Chris Moneymaker mit einem Einsatz von 39 Dollar bei einem Online-Turnier 2,5 Millionen Dollar erspielte. Seither greift der Trend in der ganzen Welt um sich. Nach Schätzungen des "Jahrbuch Sucht 2008" pokern 200.000 bis 290.000 Deutsche regelmäßig im Internet und sollen dabei 2006 rund eine Milliarde Euro in die Online-Casinos gespült haben.

Pokern um Geld ist in Deutschland nur in Casinos legal. Der boomende Internetmarkt befindet sich in einer Grauzone. Das Teilnehmen an kommerziellen Onlinepokerrunden ist in Deutschland verboten - angezeigt und verurteilt wurde bisher aber noch niemand. Denn die Server der Anbieter stehen in Gibraltar, Malta oder auf den Seychellen.

Der Fiskus ist nicht gut auf diese Spielseiten zu sprechen, beansprucht er doch ein Monopol auf Glückspielgeschäfte und schöpft dort mehr als die Hälfte der Casino-Erträge als Gewinnsteuern ab. Die Onlinepokergewinne fließen jedoch an der Staatskasse vorbei.

Boris Becker wirbt offiziell für den nichtkommerziellen Part eines Poker-Anbieters. Hier geht es um Spielgeld. Die Strategie zielt aber darauf, immer mehr Menschen für die Echtgeldseiten des gleichen Anbieters zu begeistern. Denn hier wird großes Geld gemacht. Wie viel genau, darüber schweigen sich die Vertreter der Pokerseiten aus. Genug jedenfalls, um in besten Sendezeiten aufwändig produzierte Fernsehspots platzieren zu können.

Chirurg wird Pokerstar

Michael Keiner, Profipokerspieler (Quelle: Privat)

Profipokerspieler Michael Keiner

Den amtierenden Poker-Weltmeister Michael Keiner hat das Pokerfieber vor 15 Jahren gepackt, als der Chirurg bei einem Weiterbildungsseminar in den USA war. Fasziniert von Kombinationsleistung, psychologischem Spiel und natürlich hohen Preisgeldern, hat er seine Karten im Leben neu gemischt. Nach ein paar Jahren des Pendelns zwischen Operations- und Pokertisch fiel die Entscheidung für das Spiel. Seine Praxis für kosmetische Chirurgie gab er auf.

Heute ist der 49-Jährige nach eigenen Angaben an 250 Tagen im Jahr bei internationalen Poker-Turnieren am Start - mit eingefrorener Miene und Sonnenbrille. Mittlerweile wird Keiner von einem Onlinepoker-Anbieter gesponsert, aber im Netz spielt er nur ab und zu. "Ich bin ein Livespieler", sagt Keiner. Er liebt das Bühnenstück, das jeder Spieler am Tisch aufführt. In der ersten Stunde jedes Turniers analysiert er Mimik, Gestik und den Table-Talk seiner Gegner. Michael Keiner kennt die Spielertypen an den Pokertischen. Die verschiedenen Verhaltensmuster kehren immer wieder.

Anonymes Onlinepokern: Hemmschwellen sinken

Karten und Chips

Suchtexperten warnen vor zu viel Pokern

Das psychologische Moment vermisst er bei Onlinespielen. Sie seien anonym und allzu technisiert auf Wahrscheinlichkeitsrechnung beschränkt. Viele Zocker ließen im stillen Kämmerlein mathematische Programme auf dem Computer laufen, die die Chancen des eigenen Blattes analysieren. Michael Keiner verlässt sich da lieber auf sein Können: auf Menschenkenntnis, Erfahrung und Kopfrechnen.

Gerade Anfänger verrechnen sich, und darin liegt die Gefahr begründet. Sie überschätzen ihre Chancen, verwechseln Glück mit Können und steigen bei schlechten Blättern nicht rechtzeitig aus. Diplompsychologe Tobias Hayer von der Universität Bremen hat sich auf Spielsucht spezialisiert. Durch Befragung von Beratungsstellen in Deutschland weiß er von einzelnen Online-Pokersüchtigen, die nicht mehr aufhören können, mehrere Spiele gleichzeitig laufen haben, dem Traum des großen Geldes erfolglos hinterher jagen. Die Hemmschwelle sei durch das Onlinepokern stark gesunken. "Es gibt keine soziale Kontrolle", mahnt Tobias Hayer.

Grauzone Pokern: Glücksspiel oder Denksport?

Boris Becker scheidet beim Pokerturnier in Berlin am 5. März 2008 in der ersten Runde aus (Quelle: dpa)

Neuer Werbeträger: Boris Becker als Fan des Onlinepokerns

Auch juristisch bleibt die Kontrolle aus. Onlinepoker ist noch vor Strafverfolgung geschützt. Aber wie lange noch? Die Juristen streiten über die rechtliche Definition des Onlinepokerns: Ist es ein Glücksspiel oder ein Gedankensport? Irgendwo zwischen Lotto und Schach muss man das Pokern ansiedeln. Es ist ein Zwitter aus unberechenbaren und berechenbaren Elementen.

Im Netz können Online-User gegen Boris Becker antreten. Gecoacht von großen Pokerstars ist Becker bei Live-Turnieren aber bisher wenig erfolgreich. Im "Boris is Back"-Finale Anfang März in Berlin schied er schon nach der ersten Runde aus. Keine Asse auf grünem Filz, kein Glück für Boris.

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