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Asien

Pohlmann: "Spirale der Provokation in Korea"

Nordkorea verwehrt südkoreanischen Arbeitern den Zugang zur Sonderwirtschaftszone Kaesong. Doch damit hat der Konflikt noch keine neue Stufe erreicht, meint Christoph Pohlmann von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul.

Christoph Pohlmann von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul. Copyright: Friedrich-Ebert-Stiftung

Christoph Pohlmann Friedrich-Ebert-Stiftung Seoul

Deutsche Welle: Herr Pohlmann, Kaesong war das letzte wirtschafliche Kooperationsprojekt zwischen Nord- und Südkorea, und dazu ein extrem wichtiger Devisenbringer für den Norden. Inwieweit kann das Regime es sich vor diesem Hintergrund überhaupt erlauben, den Zugang zu dem Industriekomplex zu behindern?

Christoph Pohlmann: Wenn die Behinderung des Zugangs von Dauer wäre, dann würde das einen gewissen finanziellen Verlust bedeuten, und es würde auch irgendwann zu Einnahmeausfällen kommen. Nach meinen Informationen verdient Nordkorea ungefähr 80 Millionen US-Dollar an Kaesong im Jahr. Das ist in Anbetracht des begrenzten nordkoreanischen Staatshaushalts in der Tat eine nicht unbedeutende Summe. Auf der anderen Seite könnte Nordkorea sich aber auch erlauben, auf Kaesong zu verzichten. Dadurch würde das Regime nicht zusammenbrechen. Insofern dient das jetzt zunächst einmal als symbolische Maßnahme, um die Eskalation noch ein bisschen zu erhöhen, aber es hat eben auch neben der rein materiellen Bedeutung eine starke symbolische Bedeutung, weil Kaesong bisher in keiner Krisensituation in Frage gestellt wurde - von keiner der beiden Seiten. Insofern muss man jetzt abwarten, ob das nur eine temporäre Maßnahme ist oder es noch zu weiteren Schritten kommt.

Im Moment kommen quasi täglich neue Provokationen aus Nordkorea. Die Entwicklung um Kaesong folgt nur kurz nach der Ankündigung Pjöngjangs, eine vor mehreren Jahren abgeschaltete Atomanlage wieder in Betrieb zu nehmen. Hat der Konflikt durch die vergangenen Tage noch einmal eine neue Dimension bekommen?

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass man schon von einer neuen Dimension sprechen kann. Was wir beobachten können, sind eher mehrere, auf verschiedenen Ebenen stattfindende symbolische Drohgebärden. Festzuhalten bleibt ja auch, dass es bisher auch bei solchen Drohungen geblieben ist und mit Ausnahme der Reisebeschränkung nach Kaesong auch nicht zu militärischen Übergriffen oder zu weiteren Raketen- oder Atomtests gekommen ist. Von daher gibt es eine große Diskrepanz zwischen den martialischen Drohungen auf der einen Seite und den tatsächlichen Maßnahmen auf der anderen. Im Übrigen - das ist nicht so bekannt - wurde auch im Jahr 2009 der Zugang zum Industriekomplex Kaesong für südkoreanische Arbeiter temporär untersagt, ebenfalls zur Zeit der jährlich stattfindenden amerikanisch-südkoreanischen Militärmanöver. Insofern ist es nicht das erste Mal, dass so etwas passiert.

Diese derzeit stattfindende großangelegte Militärübung Südkoreas und der USA wird oft als Grund für die fortschreitende Eskalation angeführt. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Drohgebärden aufhören werden, sobald das Manöver beendet ist?

Das kann man nicht mit Sicherheit sagen, zumal die Drohungen von Seiten Pjöngjangs auch schon vor den Militärmanövern begonnen haben - einmal durch den sogenannten Satellitenstart im Dezember und durch den Atomtest vom 12. Februar. Dennoch ist es sowohl jetzt als auch in der Vergangenheit so - das haben mir Nordkoreaner bei meinem letzten Besuch persönlich gesagt -, dass die Militärmanöver für sie wiederum eine Provokation darstellen. Zwar betonen die Amerikaner und Südkoreaner immer wieder, dass diese Übungen defensiver Natur seien und jedes Jahr stattfänden. Aber von Nordkorea werden sie immer wieder von neuem als Bedrohung empfunden. Und wenn dann in diesem Jahr als Zeichen der Stärke gegenüber Nordkorea und als Zusicherung des Beistandes gegenüber Südkorea Kriegsgerät auf die koreanische Halbinsel geschafft wird - verschiedene Bombertypen, aber eben auch nuklear bewaffnete Kriegsschiffe oder U-Boote - dann ist das für Nordkorea auch eine Provokation. Das heißt, wir haben es im Prinzip jeweils aus der Wahrnehmung einer der beiden Konfliktparteien mit einer Spirale der Provokation zu tun.

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Es heißt, Kim Jong Un wolle mit seiner aggressiven Haltung vor allem auch eine Botschaft an das eigene Volk senden und unter Beweis stellen, dass er trotz seines jungen Alters ein zupackender, entscheidungsfreudiger Führer ist, der sich von niemandem Vorschriften machen lässt. Inwieweit hat Kim durch die aktuelle Krise seine eigene Position gestärkt?

Das ist nur schwer zu sagen. Ich denke auch, dass die nordkoreanische Krisenrhetorik und die angedrohten Schritte immer zwei Adressaten haben: einmal die nordkoreanische Innenwelt, die Bevölkerung und auch das Militär und die dortigen Hardliner, deren Unterstützung sich Kim Jong Un versichern will. Auf der anderen Seite steht die Außenwelt, also Südkorea und vor allem die USA und China. Diese beiden Dimensionen muss man immer sehen. Ein gewisses Anzeichen dafür, dass diese fast schon erkennbare Eskalationssystematik eventuell Kim Jong Uns Stellung gestärkt haben könnte, könnte das Treffen der Obersten Volksversammlung Nordkoreas, also des Quasi-Parlaments, vom Wochenende sein. Dort wurde, eventuell in einer gewissen Abkehr von der von Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il begründeten Militär-zuerst-Politik, eine zweigleisige Strategie beschlossen: einerseits die Stärkung des Militärs und der Ausbau des Nuklearpotenzials. Daneben steht die Betonung auf der wirtschaftlichen Entwicklung. Das ist bewusst als zweigleisige Strategie formuliert, und es ist auch ausdrücklich ausgeführt, dass der Ausbau im atomaren Bereich - sowohl militärisch als auch zivil - der wirtschaftlichen Entwicklung dienen soll. So soll ein sicheres Umfeld geschaffen werden, damit Nordkorea möglichst viele seiner Ressourcen auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren kann.

Abschließend ein Blick auf die andere Seite der Grenze: Wie erleben Sie derzeit die Stimmung in Seoul? Haben die Menschen Angst?

Die Stimmung in der Bevölkerung ist viel gelassener und ruhiger als es die Berichterstattung in den - auch ausländischen - Medien vermuten lässt. Das hängt damit zusammen, dass die Bevölkerung im Süden mittlerweile relativ abgestumpft ist, was derartige Drohungen anbetrifft. Und die Leute sehen wenig Sinn darin, ihren Alltag oder auch Zukunftsprojekte wirtschaftlicher oder persönlicher Natur ständig durch den Norden beeinträchtigen zu lassen. Das würde das Leben letztendlich auch irgendwann zum Erliegen bringen. Sorgen machen sich die Menschen zwar schon, aber von Panik oder einer größeren Unruhe kann noch nicht die Rede sein.

Christoph Pohlmann ist Landesvertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul.

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