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Asien

Pohlmann: "Sorge, aber keine Panik"

Gelassen haben die Südkoreaner auf die Zuspitzung des Konflikts mit dem Norden Anfang 2013 reagiert. Auch jenseits der Grenze ging der Alltag weiter, sagt Christoph Pohlmann von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul.

Christoph Pohlmann von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul. Copyright: Friedrich-Ebert-Stiftung

Christoph Pohlmann Friedrich-Ebert-Stiftung Seoul

Deutsche Welle: Herr Pohlmann, monatelang – zwischen Dezember 2012 und April 2013 – war die Stimmung auf der koreanischen Halbinsel sehr angespannt, es verging praktisch keine Woche ohne Provokationen. Auch eine militärische Eskalation wurde von Seiten des Auslands nicht mehr ausgeschlossen. Sie haben diese Zeit in Südkorea verbracht. Wie real haben Sie die Bedrohung erlebt? Oder waren die internationalen Sorgen aus Ihrer Sicht überzogen?

Christoph Pohlmann: Die internationalen Sorgen waren schon überzogen. Vor allem im westlichen Ausland, zum Teil auch in deutschen Medien, wurde ja schon von der realen Möglichkeit eines Atomkrieges gesprochen. Das ging sicherlich zu weit. Gleichzeitig war es aber so, dass die Drohungen aus Nordkorea in dieser Radikalität und in dieser gewissermaßen "kaskadenartigen" Steigerung ungewöhnlich waren. Das hat selbst einige langjährige Nordkorea-Beobachter dazu veranlasst, vor einer Eskalation zu warnen. Insofern war die Lage also schon etwas ungewöhnlich.

In einer derartigen Spannungssituation ist es auch immer möglich, dass eine Seite die Lage falsch einschätzt und dann unabsichtlich eine bewaffnete Auseinandersetzung auslöst. Gleichzeitig muss man allerdings sagen, dass sowohl die Südkoreaner als auch die Mehrheit der Nordkorea-Experten überzeugt waren, dass es sich um rhetorische Drohungen handelte und dass sich die Lage nach dem 15. April - dem Geburtstag des nordkoreanischen Staatsgründers Kim Il Sung und wichtigsten Feiertag des Landes - wieder beruhigen würde. Genauso ist es dann ja auch letztlich gekommen.

Wie hat die südkoreanische Bevölkerung reagiert auf die jüngste Verschärfung der schwelenden Dauerkrise Anfang 2013?

Zunächst einmal sehr gelassen und überlegt. Die Menschen sind überhaupt nicht in Panik verfallen. Viele Südkoreaner haben sich über die sensationsheischende Berichterstattung aus dem Ausland gewundert, zum Teil auch geärgert. Als die Drohungen aus Pjöngjang allerdings nicht versiegten und Nordkorea schließlich auch die Ausländer aufforderte, das Land zu verlassen, sind hier einige ausländische Unternehmen unruhig geworden. Auch auf dem südkoreanischen Aktienmarkt gab es Reaktionen.

Viele Menschen haben außerdem verstärkt länger haltbare Lebensmittel gekauft - auch wenn es noch nicht zu Panikkäufen kam. Davon wurde aber nur wenig in den Medien berichtet, weil vor allem die südkoreanische Regierung ein großes Interesse daran hatte, keine Panik zu erzeugen. Insgesamt gab es eine unterschwellige Unruhe in der Bevölkerung, aber man muss ganz klar sagen, dass die Reaktionen sehr überlegt waren. Die meisten Südkoreaner haben mit geradezu bewundernswerter Gelassenheit auf die Drohungen aus Nordkorea reagiert.

Südkorea lebt seit Jahrzehnten mit wiederkehrenden Provokationen. Entsprechend hoch scheint bei der Bevölkerung auch die Schwelle zu sein, an der der Alltag tatsächlich von Sorge überschattet wird. Wie schnell kehrt nach solchen Phasen der Sorge dann wieder Ruhe ein?

Das geht sehr schnell, zumal man sagen muss, dass selbst in Krisenzeiten ohnehin wenig spürbar ist. Man sieht es nur an bestimmten Konsumstatistiken, beispielsweise wenn der Verkauf haltbarer Lebensmittel in die Höhe schnellt. Aber es kehrt schnell wieder Ruhe ein. Länger halten wird sich im Süden dagegen der sehr negative Eindruck von dem jungen nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Un.

Es gab Hoffnung, dass sich das Land unter seiner Führung öffnen würde, und dass sich die innerkoreanischen Beziehungen verbessern könnten. Diese Hoffnungen wurden nun zumindest fürs Erste enttäuscht. Deshalb ist gerade bei der jüngeren Generation – aber auch bei älteren Südkoreanern – viel Enttäuschung oder Ärger feststellbar. Ich denke, dass diese Spannungssituation dem Willen zu einer Wiedervereinigung sehr geschadet hat.

Wie präsent ist das Thema Wiedervereinigung überhaupt?

Das kommt darauf an, wen man fragt. Bei Teilen der älteren Generationen, die Korea unter der japanischen Kolonialherrschaft noch als nicht selbstständiges, aber doch ganzheitliches Territorium erlebt haben, ist das noch ein Thema. Auch bei den geteilten Familien gibt es noch diese emotionale Verbundenheit, bei ihnen herrscht auch noch ein anderes Geschichtsbewusstsein.

Bei den jüngeren Südkoreanern, vor allem in der Gruppe der 18-30jährigen, überwiegt Gleichgültigkeit gegenüber Nordkorea – so ähnlich, wie wir das vielleicht auch in Westdeutschland in den 80er Jahren bei jüngeren Menschen kannten. Das ist einfach so, weil man mit dem Norden nicht mehr direkt zu tun hat, es findet ja auch kein Austausch mehr statt. Zum Zweiten besteht die große Sorge, dass die Kosten einer Wiedervereinigung gerade für die jüngere Generation sehr hoch wären. In Umfragen sprechen sich zwar immer noch immer noch zwischen 40 und 50 Prozent auch jüngerer Südkoreaner für eine Wiedervereinigung aus, aber der Enthusiasmus fehlt, und die Sorgen vor den hohen Belastungen wachsen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet ja viel zum Thema Wiedervereinigung und Erfahrungsaustausch – auch vor dem Hintrgrund der deutschen Geschichte. Genau wie die südkoreanische Regierung denken wir: Je länger die Teilung andauert, desto schwieriger wird es, die Bevölkerung für eine Wiedervereinigung zu begeistern und ihr auch gewisse Opfer, die gerade in finanzieller Hinsicht notwendig sind, abzuverlangen.

Sie kennen auch die andere Seite der Grenze. Wann waren Sie zuletzt in Nordkorea, und wie haben Sie dort die Stimmung erlebt?

Ich war zuletzt Ende Februar, Anfang März diesen Jahres für eine knappe Woche dort, also zwei Wochen nach dem dritten nordkoreanischen Atomtest. Ich bin bewusst mit politischer Begleitung nach Nordkorea gereist, um politische Gespräche zu führen und etwas von der Stimmung mitzubekommen. In den Gesprächen wurde der Ernst der Lage sehr deutlich. Gleichzeitig war aber auch eine große Entschiedenheit spürbar: die Entschiedenheit, dass man diese Krise durchstehen und nicht klein beigeben würde. Die sehr anti-amerikanische Überzeugung, die USA seien letztendlich schuld an der verfahrenen Situation auf der koreanischen Halbinsel, hatte sich nach meinem Gefühl noch verhärtet.

Aber trotzdem muss ich sagen: In Pjöngjang selbst ging das Leben ganz normal weiter. Da war generell nichts von Mobilmachung oder ähnlichem zu spüren. Mein Besuch fiel auch zusammen mit dem des amerikanischen Basketball-Teams "Harlem Globetrotters", das im selben Hotel untergebracht war wie wir. Das war eine etwas surreale Situation: Auf der einen Seite gab es diese Spannung und die Aggression, und auf der anderen Seite fand der sportlich-kulturelle Austausch statt. Aber so ist das häufiger: Von einem Aufenthalt in Nordkorea bleiben sehr widersprüchliche Eindrücke zurück.

Der Industriepark Kaesong, das gemeinsame Prestige-Wirtschaftsprojekt von Nord- und Süd, ist so etwas wie ein Gradmesser für den Zustand der innerkoreanischen Beziehungen. Zuletzt ruhte dort über mehrere Monate die Produktion - ein Zeichen dafür, wie angespannt die Lage war.  Ende Juni dann haben sich beide Seiten zumindest grundsätzlich darauf geeinigt, den Industriepark wieder zu öffnen. Wie wichtig und aussagekräftig ist dieses Entspannungssignal?

Die Gespräche über den Weiterbetrieb des Industrieparks Kaesong sind zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, der zeigt, dass es immerhin bestimmte Kräfte auf beiden Seiten gibt, die eine dauerhafte Schließung des Kaesong-Industrieparks nicht akzeptieren wollen. Insgesamt gilt, dass die laufenden Verhandlungen über den Industriekomplex ein wichtiger Indikator sein können, ob beide Seiten bereit sind, Flexibilität hinsichtlich ihrer Prinzipien und formulierten Maximalpositionen zu zeigen, um ein Momentum zu einer nachhaltigen Verbesserung der innerkoreanischen Beziehungen zu erreichen. Die so genannte "Trust-Politik" der südkoreanischen Präsidentin Park steht hier also vor einer ersten großen Bewährungsprobe.

Christoph Pohlmann ist Landesvertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul.

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