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Asien

Pohlmann: "Provokation auf niedrigem Niveau"

Aus Protest gegen Südkorea und die USA hat Nordkorea in den vergangenen Tagen Dutzende Kurzstreckenraketen abgefeuert. Eine Eskalation droht aber noch nicht, meint Christoph Pohlmann von der FES in Seoul.

Deutsche Welle: Herr Pohlmann, über das Wochenende hat Nordkorea fast 50 Kurzstreckenraketen abgeschossen. Damit sind es insgesamt fast 70 seit Beginn der südkoreanisch-amerikanischen Militärübung Ende Februar. Droht in Korea eine neue Eskalation?

Christoph Pohlmann: Nein, das würde ich nicht sagen. Im Gegenteil. Das Abfeuern verschiedener Typen von Kurzstreckenraketen als Antwort auf die Militärübung wird eher als Reaktion auf niedrigem Niveau bewertet. Es ist eine Maßnahme, mit der Nordkorea sein Missfallen gegenüber den Militärübungen deutlich macht, ohne aber größeren Flurschaden anzurichten.

Einmal gab es beinahe einen Zwischenfall, als eine der abgefeuerten Raketen mit längerer Reichweite die Flugbahn eines chinesischen Verkehrsflugzeugs passiert hat. Da hätte es eventuell zu einem Unfall kommen können. Ansonsten aber ist das eine nicht sehr besorgniserregende Art Nordkoreas, mit diesen Militärübungen umzugehen, gerade auch im Vergleich zu der Eskalation und den Spannungen im vergangenen Frühjahr.

Es gibt Vermutungen, wonach die Starts der Kurzstreckenraketen noch einen ganz anderen, praktischen Hintergrund haben könnten. Es heißt, Nordkorea würde sie auch dazu benutzen, um veraltete Flugkörper loszuwerden. Was ist von dieser These zu halten?

Das ist sehr gut möglich. Genau wissen wir es nicht, aber darüber wird in der Tat in Sicherheitskreisen spekuliert. Auch daran sieht man, dass hier offenbar versucht wird, mit relativ primitiven Mitteln – denn es handelt sich um alte Waffensysteme – symbolisch ein Zeichen zu setzen. Von einer größeren Eskalation ist das aber weit entfernt.

Man weiß natürlich bei Nordkorea nicht, was eventuell in den nächsten Wochen noch zu erwarten ist, aber gerade im Vergleich zu den Spannungen im letzten Jahr ist es doch eine wenig überaschende Reaktion Nordkoreas, die sich viel stärker als 2013 im Rahmen dessen befindet, was Nordkorea mit Blick auf die Militärübung auch in den Vorjahren immer an praktischen oder rhetorischen Maßnahmen unternommen hat.

Wie immer warnen die USA und Südkorea vor weiteren Provokationen, die die Spannungen in der Region verstärken könnten. Wo sehen Sie die Linie – an welchem Punkt würden Seoul und Washington es nicht mehr nur bei Warnungen belassen, sondern andere Schritte ergreifen?

Grundsätzliche Überschreitungen wären ein weiterer Interkontinentalraketentest wie im Dezember 2012. Oder ein neuer Atomwaffentest. So etwas würde sicher nicht toleriert werden. Ähnlich sieht es bei anderen Aktionen wie beispielsweise dem Beschuss einer südkoreanischen Insel oder einem Seegefecht aus. Das wäre sehr viel problematischer und könnte eventuell auch eine militärische Antwort zur Folge haben.

Einen Punkt sollte man aber auch nicht unerwähnt lassen: Nordkorea fühlt sich natürlich durch diese Militärübung auch provoziert. Es wäre viel zu einfach, wenn man hier nur von einer einseitigen Provokation sprechen würde. Man kann sich schon fragen, ob es nötig ist, auch in diesem Jahr wieder Material für die Frühjahrsmanöver zu verwenden, das zum Beispiel über Nuklearraketen verfügt oder auch Atom-U-Boote einzusetzen. Ob das von Seiten Südkoreas und vor allem von Seiten der USA zur Deeskalation beiträgt, ist sehr fraglich.

Noch bis Mitte April dauern die Frühjahrsmanöver. Rechnen Sie damit, dass es in dieser Zeit noch zu weiteren Provokationen – vielleicht auch zu einer Häufung - kommen wird, oder gehen Sie eher davon aus, dass es in diesem Jahr wie schon beim bisherigen Verlauf vergleichsweise ruhig bleibt?

Nach den bisherigen Reaktionen Nordkoreas auf die Manöver und mit Blick darauf, dass an der jetztigen Übung kaum Bodentruppen beteiligt sind, denke ich eher, dass es relativ ruhig bleiben wird. Es ist sicherlich möglich, dass Nordkorea weitere Raketentests verübt und kleinere Raketen mit geringerer Reichweite abfeuert, so wie wir es auch schon gesehen haben. Vielleicht wird Nordkorea auch noch selbst die eine oder andere kleine Militärübung mit Einsatz von Bodentruppen durchführen.

Es kann sicher auch zu rhetorischen Ausfällen kommen, die man von Nordkorea ja durchaus gewohnt ist. Aber auf Basis der bisherigen Reaktionen rechne ich nicht mit einer größeren Eskalation. Ganz ausschließen kann man es aber nie, weil niemand die Kalkulationen dieses sehr verschlossenen Regimes und seiner Apparate genau nachvollziehen geschweige denn vorhersehen kann.

Christoph Pohlmann ist Landesvertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul.

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