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Kultur

Poetry Slam ohne Worte

Der gebürtige Chinese Dawei Ni ist einer der wenigen gehörlosen Poetry Slammer in Deutschland. Jetzt ist er auch in New York aufgetreten. Live-Poesie in Gebärdensprache: ein Erlebnis nicht nur für Gehörlose.

Die Feuerwehrsirenen heulen, die U-Bahn zischt heran, überall sind Menschen, die miteinander reden, in ihr Handy sprechen. New York ist eine laute Stadt. Doch es gibt auch Orte der Stille. Ganz leise ist es im Pioneer Club. Die meisten Gäste sind taub. Sie unterhalten sich in englischer Gebärdensprache. Hier beginnt gleich ein Deaf Poetry Slam, ein Poetry Slam ohne Worte.

Erinnerungen an Shanghai

Mit dabei sind auch gehörlose Slammer aus Deutschland. Sie dichten in Gebärdensprache und treten in Wettbewerben gegeneinander an. Einer von ihnen ist der 33-jährige Dawei Ni. Er ist der Sieger von "BÄÄM! Der Deaf Slam“, Deutschlands erstem Poetry Slam für Hörende und Gehörlose. Seit dem Jahr 2000 gibt es Deaf Poetry Slams in den USA. Dort sind sie mittlerweile weit verbreitet. In diesem Jahr hatte die "Aktion Mensch", die größte deutsche, private Förderorganisation für Menschen mit Behinderungen, zum ersten Mal einen Deaf Poetry Slam in Deutschland organisiert. Dawei Ni setzte sich im April gegen 80 Mitbewerber durch und gewann den ersten Preis: die Teilnahme an dem Deaf Poetry Slam in New York.

Portrait Dawei Ni (Rechte: Aktion Mensch / Holger Keifel)

"Slam zum Hingucken": der Poetry Slammer Dawei Ni

New York ist für ihn eine neue Sinneserfahrung: "Ich kann die New Yorker U-Bahn nicht hören, aber spüren. Ich kann die Stadt riechen", übersetzt seine Gebärden-Dolmetscherin. Dawei Ni hat sich gleich in New York verliebt. "Chinatown erinnert mich an Shanghai, die Stadt in der ich geboren bin. Die kleinen Restaurants, in denen die Enten von Haken herab hängen, die Marktstände mit dem chinesischen Obst und den diversen chinesischen Kohlsorten. Nie habe ich außerhalb Chinas so etwas gesehen." Stundenlang streift er durch den Central Park, durch die Szeneläden, ist tief beeindruckt vom schlichten Denkmal für die Opfer des 11. September.

Liebe zu Gedichten

Sein Gehör verlor Dawei Ni im Alter von sechs Jahren. Einige Jahre später lernte er seine erste Gebärdensprache - chinesisch. Heute spricht er acht verschiedene Gebärdensprachen. Als Jugendlicher zog er mit seiner Familie nach Wien. In der österreichischen Hauptstadt studierte er soziale Arbeit, Soziologie und Sprachwissenschaft. Außerdem arbeitete er als Lehrer für Gebärdensprache. Heute studiert er in Hamburg Linguistik und Gebärdensprache.

Teilnehmer beim Deaf Poetry Slam in New York auf der Bühne (Rechte: Aktion Mensch / Holger Keifel)

Pantomimische Kraft: Teilnehmer am Deaf Poetry Slam in New York auf der Bühne

Zum Poetry Slam kam Dawei Ni über seine Liebe zu Gedichten. Im Internet sah er einen Ausschnitt aus einem Poetry Slam in Gebärdensprache und war wie elektrisiert. Genau so etwas wollte er machen: "Poetry Slam ist eigentlich wie gemacht für Gebärdensprache. Wenn ein Slammer spricht, achtet man auf die Worte, hört zu. Deaf Poetry Slam hingegen ist ein Slam zum Hingucken."

Die Entstehung der Welt

In der New Yorker Pioneer Bar erzählt er von der Entstehung der Welt, von Sonne und Mond, Blitzen und blauen Ozeanen, grünem Land. "Die Welt dreht sich. Die Zeit vergeht. Zeitsprung", lautet die Übersetzung. Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch Dawei Nis Vortrag. Er eilt durch die Jahrhunderte, wird zum chinesischen Schattenboxer, zur indischen Tempeltänzerin, zum afrikanischen Stammeskrieger, zu einer Dame im Rokokokleid. Oder er verwandelt sich in einen Reiter in Napoleons Herr, oder einen Bettler, der auf der Straße nach Essbarem sucht.

Seine Zeitreise ist auch eine Reise in die Welt der Gebärdensprache. Er erinnert an die Entstehungsgeschichte dieser Kommunikationsform und daran, dass sie Ende des 19. Jahrhunderts verboten wurde, weil die Gehörlosen lernen sollten, von den Lippen zu lesen. Dawei Nis Auftritt hat eine hohe pantomimische Kraft. Und doch ist er zugleich Erzähler. Er formt die Worte mit den Händen.

Mimik, Gesten, Bildsprache

Die Zuschauer klatschen, die gehörlosen Zuschauer recken die Hände in die Luft und drehen sie schnell. Sie lachen. Und sie halten gebannt inne, wenn Dawei Ni Tod und Terror zeigt, durch Mimik, Gesten, Bildsprache. Es ist auch für Nicht-Gehörlose ein packendes Schauspiel - allerdings verstehen "Hörende" nicht alles.

Publikum in New York applaudiert beim Deaf Poetry Slam in Gebärdensprache (Rechte: Aktion Mensch / Holger Keifel)

Durch kreisende Armbewegungen applaudieren die Teilnehmer des Deaf Poetry Slam Dawei Ni

Für Dawei Ni war der Auftritt in New York ein voller Erfolg. Sprachbarrieren gab es für ihn dabei nicht: "Als Weltenbummler kann ich ohnehin verschiedene Gebärdensprachen. Doch egal in welcher Sprache - Poesie wird von allen Menschen verstanden", sagt Dawei Ni.

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