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Bücher

Poetische Krimi-Momente aus China

Die Fälle des Schanghaier Oberinspektors Chen begeistern die internationale Krimiszene. Als Außenstehender - der Autor lebt seit 1988 in den USA - skizziert er den gesellschaftlichen Wandel seines Heimatlandes.

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Qiu Xiaolong

Mit dem preisgekrönten Debütroman "Tod einer roten Heldin" von Qiu Xiaolong begann die moderne chinesische Kriminalliteratur. Der Schauplatz Schanghai und der feinsinnige, dichtende Oberinspektor Chen Cao stehen für das im Aufbruch begriffene China.

Die Stärke des in den USA lebenden Chinesen Qiu liegt darin, westlichen Lesern realistische Einblicke in eine fremde Kultur zu geben. In seinen Büchern gibt es wenig Gewalt, kaum Blut, keine rasante Action. Überhaupt ist das Erzähltempo mehr als gemächlich. Doch der Roman wird durch die politisch-psychologische Hintergrundmalerei interessant.

Junge Akademiker im Staatsapparat

Für "Tod einer roten Heldin" wurde Qiu mit dem begehrten "Anthony Award" für den besten Debütroman ausgezeichnet. Oberinspektor Chen verdankt seinen Aufstieg einer Richtlinie der Partei, nämlich junge Akademiker in den Staatapparat zu bringen. Chen ist fähiger Polizist mit analytischem Verstand, aber im Grund gehört sein Herz der Literatur. In seiner Freizeit schreibt der Protagonist Gedichte und übersetzt Krimis. Immer, wenn Chen im Buch ein Gedicht vorträgt, wird ein poetisches Moment erzeugt.

Schanghai

Platz des Volkes in Schanghai - hier pulsiert das Leben

"Heutzutage lesen immer weniger Leute Gedichte. Durch Gedicht-Komponenten in meinem Roman schaffe ich mehr Chancen, potenzielle Lyrikleser zu gewinnen", sagt Autor Qiu. "Immer, wenn ich mir in den USA einen chinesischen Film ansehe oder Roman lese, sehe ich ein exotisches und hinterher hinkendes China-Bild. Die Figuren sind ungebildete Bauern auf dem Land. Im Vergleich zu denen stammt mein Protagonist aus Schanghai vom Anfang der 1990er Jahre. Er spricht fließend Englisch und kennt sich mit T. S. Eliots Werken gut aus. Ich möchte durch das Schreiben meine Beobachtung wiedergeben, und zwar so realistisch, wie ich kann", sagt Qiu.

Hingetupfte Liebesgeschichte

So führt der Autor westliche Zuschauer in den chinesischen Alltag und die Mentalität der Menschen ein. Ganz nebenbei erzählt er von Wohnungsmangel, Beziehungsnetzen und der zentralen Bedeutung von gutem Essen in China. Aber auch vom Umgang mit einer traumatischen Vergangenheit und der Allmacht der Kommunistischen Partei im Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus. Trotz ihres zumeist bescheidenen Lebens entwickeln die Menschen in den Büchern viel Sinn für Lebensqualität. Alles, was ein guter Krimi braucht, ist dabei: ein packender Fall, eine zart hingetupfte Liebesgeschichte, ein faszinierendes Gesellschaftsporträt.

Seit 1988 lebt Qiu nicht mehr in China. Über Fernsehprogramme, Internet und Besuchsreisen verfolgt er die Veränderungen im Land. Die Distanz bringt Einschränkungen mit sich: Die Informationen, die er über die Medien erhält, sind gefiltert. Er weiß nicht aus eigener Erfahrung, wie das Leben im China des 21. Jahrhunderts wirklich ist. Aber Außenseiter entwickeln oft einen unverstellten Blick. Oberinspektor Chen und seine Fälle lassen sich im Westen gut verkaufen und haben Tausende von Fans. Nach "Tod einer roten Heldin" erschien kürzlich "Die Frau mit dem roten Herzen" auf Deutsch. Laut Qiu kommt auch die deutsche Übersetzung des dritten Buchs bald auf den Markt.

Korruption und Konsum

Chens dritter Fall handelt von Korruption und luxuriösem Konsum, wie sie seit den 1990er Jahren in China zu finden sind. Der englische Titel lautet "When Red is Black" ("Wenn Rot Schwarz ist"). Das Buch erinnere Qiu an seinen Vater, der früher eine Fabrik besaß. "Während der Kulturrevolution litt er sehr darunter, da Kapitalismus als 'schwarze Sünde' galt", sagt der Autor. Die heutigen Kapitalisten in China seien hingegen sehr populär und erfolgreich. "Sie sind wie rote Sterne, die neu am Himmel aufsteigen. Aber was für eine Tragödie verursacht die Umkehrung des sozialen Bewertungssystems für eine Gesellschaft?", fragt sich Qiu.

Der vierte Roman mit Oberinspektor Chen Cao ist auf Englisch gerade fertig geworden. Qiu sagt von sich, er lebe in seinen Büchern als ein feinsinniger Mensch weiter in China, spiele aber die Rolle eines Polizisten. Außer Namen und Titel habe der Protagonist Chen die gleiche Seele wie sein Erfinder Qiu. Beide lieben Lyrik und gutes Essen, beide erfüllen ihre Pflicht an ihren Stellen, beide leiden unter Idealismus in einer unruhigen Gesellschaft. Solche Intellektuellen sind keine Minderheit in China.

Qiu Xiaolong ist Literaturwissenschaftler und im Zweitberuf Dichter und Übersetzer. Er wurde 1953 in Schanghai geboren. 1988 reiste Qiu in die USA und promovierte an der Washington University in St. Louis. Nach dem Massaker am Tiananmen-Platz 1989 entschied sich Qiu, nicht nach China zurückzukehren. Seit 1994 lehrt er in St. Louis chinesische Sprache und Literatur.

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