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Alltagsdeutsch – Podcast

Poesie von Versprechern

Genischer Sexitiv oder Kotztröpfchen: Versprecher und Wortverdrehungen sorgen für Heiterkeit. Manche sind sogar sehr poetisch. Das Gehirn spielt jedem manchmal einen Streich. Statistisch gesehen, alle zehn Minuten.

Sprecher:

Zur Alltagssprache des Menschen gehört auch, dass niemandem die Worte immer so glatt und flüssig über die Lippen kommen wie es einem Schauspieler oder einem Politiker gelingt. Schließlich ist das, worüber wir uns im Alltag unterhalten, nichts, was wir vorher auswendig gelernt haben und nun automatisch herunterleiern könnten. Nein, sprachliche Pannen sind an der Tagesordnung und die sorgen meist für großes Vergnügen bei unseren schadenfrohen Mitmenschen. Denn, seien wir doch einmal ehrlich. Die schönsten und amüsantesten Dinge sind doch immer die, die nicht ganz nach Plan gelingen. Und das gilt auch für die deutsche Sprache.

O-Ton:

"Die Schritte zur Institunia…, Instiz…, In… – ich krieg es heute nicht raus. Inschtitu…, nein. / Piloten können ja auch über dem Meer tief fliegen und müssen das nicht gerade über der dicht besiedelten Bundesregierung machen."

Sprecherin:

Wenn Sie sich wieder einmal schrecklich darüber geärgert haben, dass ihr Sohn nicht den Mülleimer herausgetragen, ihre Mutter den Telefonanruf vergessen oder ihr Partner den Autoschlüssel verloren hat – Sie rufen die ganze Familie zusammen und beginnen Ihre wohlüberlegte Rede mit den klärenden Worten: "Ich habe mit euch ein ernstes Hühnchen zu rupfen". Wenn dann ihre Bande trotz der Dramatik des Augenblicks in lautes Lachen ausbricht, dann verzweifeln Sie nicht. Ihnen ist etwas ganz Alltägliches geschehen. Ihr Sprachplanungssystem hat versagt. Ihr Wortspeicher im Gehirn ist falsch abgerufen worden. Kurz: Sie haben sich einfach versprochen. Ein ernstes Wort wollten Sie sprechen beziehungsweise mit ihrer Familie ein Hühnchen rupfen, abrechnen, und dann ist das ernste Hühnchen daraus geworden. Wäre Helen Leuninger dabei gewesen, sie hätte, während sich alle anderen bei der Vorstellung eines mit ernster Oberlehrermine dreinblickenden Hähnchens noch die Bäuche hielten vor Lachen, erfreut zu Papier und Stift gegriffen und Ihren Ausrutscher festgehalten. Denn die Sprachwissenschaftlerin an der Universität Frankfurt sammelt und liebt Versprecher und ihr ist Ähnliches passiert.

Helen Leuninger:

"Ich hab in einem Seminar, was sich mit Sprachstörungen befasst hat, also wirklich einem ganz ernsthaften Thema, ne Sitzung gehabt, in der die Studenten ohne Pause gelacht haben. Ich war verzweifelt und hab gedacht, hör auf an der Uni und das kannst du nicht weiter machen, keiner hört dir zu, keiner nimmt dich ernst, und so weiter, ja. Und hinterher hat mir eben ein Student gesagt, 'Wissen Sie warum wir gelacht haben?'. Sie haben ständig statt vom sächsischen Genitiv vom genischen Sexitiv gesprochen, ja. Und das ist natürlich witzig. Es ist ja eigentlich nur ne Vertauschung, aber unsäglich witzig und das erklärt es, und da hab ich beschlossen, na mindestens fängste du mal an, Versprecher zu sammeln für die Lehre. Und dann hab ich gesehen, dass das auch systematisch interessant ist für sprachwissenschaftliche Erklärungen und hab das dann wirklich angefangen, systematisch zu sammeln."

Sprecherin:

Verschiedene sprachliche Missgriffe hat die Frankfurter Professorin schon gesammelt und in einem Buch verewigt: "Reden ist Schweigen, Silber ist Gold". Keine konstruierten Gebilde, sondern tatsächliche Versprecher, aufgeschnappt in Funk, Fernsehen und Nachbarschaft. Sie alle sind in einem Computer der Universität gespeichert und nach bestimmten Kriterien in Gruppen sortiert. Denn Helen Leuninger sammelt Versprecher. Und das nicht nur aus reinem Spaß an Entgleisungen. Nicht Schadenfreude ist ihr Motiv, sondern Forscherdrang. Die Untersuchung der Regeln, nach denen die scheinbar zufälligen Wortschöpfungen zustande kommen, offenbart der Sprachwissenschaftlerin neueste Erkenntnisse über Aufbau und Planung der menschlichen Sprache.

Sprecher:

Man geht davon aus, dass wir im Gehirn, einem riesigen Computer gleich, eine Art Lexikon, unser ganz persönliches Wörterbuch besitzen. Aus diesem Wörterbuch bedienen wir uns, wenn wir sprechen. Bekannte Sprachmuster reihen wir in Windeseile wie eine Perlenkette zu Worten und Sätzen aneinander. Manchmal spielt uns unser Sprachzentrum im Gehirn einen Streich. Wir greifen in unserem Wörterbuch eine Spur daneben, die einzelnen Perlen der Sprachkette purzeln durcheinander. Es kommt zum Versprecher.

Helen Leuninger:

"So was ganz simples sind Lautvertauschungen, also zwei Laute in einer Äußerung ihren Platz: Du bist mir aber ein echtes Kotztröpfchen statt Trotzköpfchen, Kussverletzungen am Schopf statt Schussverletzungen am Kopf. Auch wird hier gerne genommen: Ihr mit eurer verwalteten Affentechnikveraltete Waffentechnik, ja, da wechseln einfach zwei Laute ihren Platz und manchmal ergibt sich ein neuer Sinn, nicht immer oder: Der erste fleischliche Weibergeselle statt der erste weibliche Fleischergeselle. Sind nur Bestandteile von Wörtern vertauscht; die Endungen bleiben irgendwie zurück."

Sprecherin:

Je ähnlicher sich zwei sprachliche Bausteine sind, desto stärker hängen sie in unserem inneren Wortspeicher beieinander. Und desto größer ist die Gefahr von sprachlichen Verwicklungen. Denn unser Hirnlexikon ist nicht alphabetisch geordnet, sondern nach Form und Bedeutungskriterien. Entsprechend unterscheidet Helen Leuninger in solche Versprecher, bei denen sich allein die Form der durcheinander geratenen Wörter ähnelt wie Du hast aber Rinder statt Ringe unter den Augen. Und solche, die inhaltlich bedingt sind wie Ich komme auf keinen grünen Baum statt Zweig. Und zu letzteren gehört eine Untergruppe von Sprachunfällen, die ihres besonderen Witzes wegen als die Spitzenreiter unter den Lacherfolgen gelten. Helen Leuningers Lieblingsversprecher: Die Verschmelzungen.

Helen Leuninger:

"Einer der nicht aus meiner Sammlung ist, der aber für meine Begriffe einer der allerschönsten ist aus der Sammlung von Meringer von 1895 – die erste deutsche Versprechersammlung 'Der Mann hat schon viel hinter sich gemacht' – besteht ja aus einer Verschmelzung von zwei Redewendungen: Der Mann hat schon viel gemacht und der Mann hat schon viel hinter sich gebracht. Ja. Da sieht man auch die beiden Redewendungen sind natürlich, drücken ungefähr dasselbe aus, denselben Inhalt und das tatsächlich passiert es einem, dass man beide in dem inneren Wortgespräch irgendwie anklickt. Die würden beide passen, man sich nicht entscheiden kann und beide irgendwie dann zusammenbringt zu 'ner neuen Redewendung. Du bist mein Ein und O ist eigentlich auch ne sehr niedliche Verschmelzung oder Da bin ich aus allen Socken gefallen, also aus allen Wolken gefallen. Jemand mit rohen Handschuhen anfassen, den find ich auch sehr schön. Ziemlich kompliziert – also wie ein rohes Ei behandeln und mit Samthandschuhen anfassen. Sagt da ein Kommentator, wo es um die Senkung dieser Leitzinsen bei der Bundesbank (geht) und der sagt tatsächlich vor dem Versammlungsraum: Ich kann noch gar nichts sagen, meine Damen und Herren, die Herren des Geldes sitzen noch zu Potte. Wunderbar ja. Also sitzen noch zusammen und kommen nicht zu Potte. Auch ne Verschmelzung."

Sprecher:

Jetzt, wo wir also wissen, wie diese Pannen zustande kommen, wollen wir uns einmal anschauen, welche Sprichwörter eigentlich gemeint sind und was sie genau bedeuten. Du bist mein Ein und O – das kommt von Du bist mein Ein und Alles und Du bist das A und O. Beides bedeutet dasselbe. Du bist das Allerwichtigste für mich und solch einen wichtigen Menschen fasst man auch gerne mit Samthandschuhen an. Oder behandelt ihn wie ein rohes Ei. Zwar sind beide Redewendungen wieder im übertragenen Sinne gemeint, aber nicht minder anschaulich. Überlegen Sie sich mal, wie sie ein rohes Ei behandeln. Genau! Ganz, ganz vorsichtig und behutsam. Sonst könnte es passieren, dass der Angebetete nicht aus allen Socken, sondern aus allen Wolken fällt, oder eben ganz von den Socken ist. Kurz: Er ist völlig verblüfft, überrascht, und landet aus seinem traumhaft schönen siebten Himmel etwas unsanft direkt wieder auf dem Boden der Realität. Und um den letzten Versprecher zu erklären, im Alltagsdeutschen heißt nicht zu Potte kommen so etwas wie kein Ende, keinen Abschluss finden. Andererseits ist der Pott aber auch die dialektische Umschreibung für den Topf, auch für den Nachttopf. Entsprechend ist die Heiterkeit zu verstehen, wenn die Herren des Geldes, also die wichtigen Bankiers in Nadelstreifen angeblich noch zu Potte sitzen. Eine harmlose Sprichwortverschmelzung mit großen humoristischen Folgen.

Helen Leuninger:

"Einem Leser dieses Buches dem ist Folgendes bei einem Vortrag passiert: Es kam ein ernstzunehmender Einwand und er sagte: Da muss ich mit meiner Frau noch einmal drüber schlafen. Er wollte natürlich, ja sagen, mit meiner Frau noch mal drüber reden und dann muss ich noch mal drüber schlafen. Er hat ihn selbst übrigens nicht bemerkt, sondern nur die Zuhörer haben ihn bemerkt und haben natürlich gesagt, Freudscher Versprecher. Ich glaube, es ist kein Freudscher, sondern einfach von diesem Muster wie wir sie eben besprochen haben."

Sprecher:

Ein Freudscher Versprecher – das ist schon lange ein feststehender Begriff. Er geht zurück auf den Psychoanalytiker Sigmund Freund, der bei genauer Kenntnis seiner Patienten anhand deren Versprecher Rückschlüsse auf ihr Unterbewusstsein ziehen konnte.

Sprecherin:

Helen Leuninger aber geht nun nicht davon aus, dass hinter jedem sprachlichen Irrtum heimliche Wünsche und Ängste lauern wie es manche Zeitgenossen unterstellen. Und weil sie außerdem herausfand, dass sich ausnahmslos jeder Mensch – ohne ein Psychopath oder Dummkopf zu sein – alle eintausend Wörter, also durchschnittlich alle zehn Minuten einmal verspricht, hat sie die Sympathie vieler Menschen gewonnen.

Helen Leuninger:

"Es hat jemand nachts um zwölf angerufen, und zwar ein Kneipenbesitzer. Und er hat gesagt: Ich muss Ihnen was erzählen. Ich hab einen Versprecher für Sie. Sie glauben es nit. Da hat neulich jemand zu mir gesagt, und fordere ich für den Angeklagten lindernde Umschläge statt mildernde Umstände. Es ist wirklich so, nachts um zwölf angerufen. Aber das war der einzige. Die meisten schreiben jetzt. Die schreiben so Briefe wie 'Hach, endlich, ich brauch mich nit mehr zu schämen. Es ist nicht schlimm, wenn ich mich verspreche'. Ja, im Gegenteil, es gibt jemanden, den interessiert das und der findet das schön, der findet das poetisch, der findet das kunstvoll und für viele Leute ist es tatsächlich so, das ist nicht übertrieben, die sagen, ich bin wie erleichtert und fangen's Sammeln einfach an. Was den Leuten wirklich Freude machen kann und irgendwie ihr Leben verändert, ja, also ihr Lebensgefühl verändert, das hat mich eigentlich sehr gefreut."

Sprecherin:

Am häufigsten verspricht sich der Mensch entweder wenn er müde, oder unkonzentriert, oder aber im Gegenteil extrem angespannt ist. In Belastungssituationen zum Beispiel, in denen es darauf ankommt, ganz korrekt zu sein. So lassen sich viele sprachliche Abstürze professioneller Sprachakrobaten erklären wie der des Politikers, der vor laufender Kamera seinen Koalitionspartnern anbot, in den nächsten vier Jahren pfleglich miteinander unterzugehen statt umzugehen. Eine peinliche Entgleisung, aber glücklicherweise werden solche unerwarteten Ausfälle von den meisten Hörern überhört. Nur 25 Prozent der Versprecher werden von den Sprechern selbst bemerkt und kompliziert kann es werden, wenn statt einem befreienden Lachen ein Korrekturversuch gestartet wird.

Helen Leuninger:

"Ein Rundfunkmoderator, der sagte, Sie hörten die Hamos-Melle und ich korrigiere, Sie hörten die H-Mellmasse, nein entschuldigen Sie bitte, Sie hörten die H-Moll-Messe von Johann Sebaldrian Bach. Jetzt häng ich mich auf. Es kam alles über den Äther, ja. Und da sieht man also, die erste Korrektur gelingt, wenn auch mit Mühen, aber der Korrekturvirus hab ich das mal genannt, der ist eigentlich noch da, und dann kommt Sebaldrian."

Sprecher:

Nun wissen wir, wann wir uns versprechen, was dahintersteckt und wie die sprachlichen Fehltritte einzuordnen sind. Bevor Sie sich also das nächste Mal in einem Abfall geistiger Anwesenheit die Hände raufen, den Fehlerteufel mit dem Brezelbub austreiben wollen und Ihre Lacher in der Rauche pfeifen, nur weil Sie von den Reisverschnallten geredet haben, denken Sie daran: Verbrechen, eh Versprechen, ist menschlich. Und vielleicht hat ja unsere Fachfrau zum Schluss noch ein Geheimrezept wie man Versprecher ab und zu vermeiden kann.

Helen Leuninger:

"Ich glaub, es gibt keine Tipps. Wär' natürlich auch schade, weil viel ist ja viel Heiterkeit und viel Poesie, so Alltagspoesie kommt ja aus den Versprechern. Wenn man mal drauf achtet, kommt einfach ganz viel sehr Niedliches dabei raus, und das wär' fast ein Verlust, wenn die Leute sich nicht versprechen würden."

Fragen zum Text

Der Buchtitel von Frau Leuninger müsste heißen: …

1. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

2. Schweigen ist Silber, Reden ist Gold.

3. Reden ist Gold, Schweigen ist Silber.

Keine Versprecher ist …

1. zum Vorschwein bringen.

2. zum Vorschein kommen.

3. als Vorschwand geben.

Der Vorname von Bach ist …

1. Johann Sebastius.

2. Johannes Sebaldrius.

3. Johann Sebastian.

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Suchen Sie sich jeder bis zu 30 Wörter oder zusammengesetzte Begriffe. Experimentieren Sie, welche Buchstabenverdrehungen möglich sind. Erstellen Sie eine Liste und lassen Sie Ihre Gruppe erraten, welches Wort beziehungsweise welcher zusammengesetzte Begriff richtig ist.

Autorin: Daniela Wieseler

Redaktion: Beatrice Warken

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