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Alltagsdeutsch – Podcast

Poesie im Alltag

Reime, Sprüche, Gedichte – im täglichen Leben gibt es viele Spuren von Poesie. Sie bereichern den Alltag. Und da ist es egal, ob es die Worte eines großen Dichters oder nur die einfachen Zeilen eines Poesiealbums sind.

Sprecherin:

"Die Poesie ist das Leben", sagt Jacob Grimm, aber auch das Leben ist voller Poesie.

Sprecher:

Häufiger als man zunächst annehmen könnte, finden sich in unserem täglichen Leben Spuren von Dichtern und ihren Werken. Mal sind es Werke großer Künstlerinnen und Künstler, oftmals aber auch kleine Reime und Sinnsprüche, die uns in unserem Alltag begleiten, uns schmunzeln oder aber besinnlich werden lassen.

Sprecherin:

Beginnen wir also mit der Suche nach poetischen Spuren in unserer alltäglichen Sprache: Ein Meister der Alltagspoesie wurde 1909 in Riga geboren; die Rede ist von dem beliebten deutschen Nonsens-Dichter Heinz Erhardt. Erhardt, der 1979 in Hamburg verstarb, hinterließ eine Vielzahl von zumeist kürzeren Reimen, die er vor Publikum, aber auch in Filmen und im Fernsehen selbst vortrug. Lauschen wir nun einer ersten Kostprobe seiner beliebten Kunst:

Der Apfelschuss

Der Landvogt Geßler sprach zum Tell:

"Du weißt, ich mache nicht viele Worte!

Hier, nimm einmal die Tüte schnell,

sind Äpfel drin von bester Sorte!

Leg einen auf des Sohnes Haupt,

versuch ihn mit dem Pfeil zu spalten!

Gelingt es dir, sei's dir erlaubt,

des Apfels Hälften zu behalten!"

Der Vater tat, wie man ihn hieß,

und Leid umwölkte seine Stirne,

der Knabe aber rief: "Komm, schieß

mir doch den Apfel von der Birne!"

Der Pfeil traf tödlich - einen Wurm,

der in dem Apfel wohnte.

Erst war es still, dann brach ein Sturm

des Jubels los, der'n Schützen lohnte!

Man rief: "Ein Hoch dir, Willi Tell!

Jetzt gehn wir einen trinken, gell?"

Sprecherin:

Nach der bekannten Schweizer Sage zwingt der Landvogt Geßler den Nationalhelden Wilhelm Tell, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen. Das Kunststück gelingt. Wenig später tötet Tell den Tyrannen und gibt damit ein Zeichen zum Aufstand der Bürger gegen die Obrigkeit. Die Tell-Sage entstand vermutlich im 14. Jahrhundert. Seitdem haben sich immer wieder Künstler von dieser Geschichte inspirieren lassen. Eins der bekanntesten Werke ist das Drama "Wilhelm Tell" von Friedrich Schiller, das dieser im Jahr 1804 verfasste.

Sprecher:

Heinz Erhardt hat sich in seiner gewohnt humoristischen Form mit dem antiken Sagenstoff beschäftigt. So fordert Tells Sohn seinen Vater mit folgenden Worten zum Schuss auf: "Nun schieß mir schnell den Apfel von der Birne!" Mit Birne ist hier nicht etwa die Frucht gemeint, sondern Birne ist in der Alltagssprache ein salopper Ausdruck für Kopf. Letztendlich tat der Vater, was man von ihm verlangte. Erhardt sagt, Tell tat, was man ihn hieß. "Hieß" ist eine Form des Verbs "heißen", das im Deutschen zwei Bedeutungen besitzt. Zum einen kann man sagen: Ich heiße Meier. "Heißen" bedeutet hier: Ich trage einen bestimmten Namen. Wenn Tell in dem Gedicht aber tat, was man ihn hieß, so meint das, Tell tat, was ihm befohlen wurde. Doch diese zweite Bedeutung von "heißen" wird heute nur noch selten benutzt.

Sprecherin:

Das Interesse an Literatur wird zumeist bereits im Kindesalter geweckt. Schon in der Schule lernen die Kinder in ihren Lesebüchern die Dichter und ihre Werke kennen. Vor allem in früheren Zeiten war der Unterricht durch das Auswendiglernen von Werken klassischer Dichter bestimmt, so dass ältere Menschen sich noch ausgezeichnet an ihre frühen Leseerlebnisse erinnern können. Gerda Pauli aus Wuppertal hat ihre ersten Kontakte zur Literatur noch sehr gut im Gedächtnis. Zur Lieblingslektüre in ihrer Jugend gehörten die Kinderbücher aus einer Reihe mit dem Namen "Die Langerot-Kinder".

Gerda Pauli:

"Jetzt, vor einiger Zeit, hab' ich mir auf einem Bücherbasar - da sah ich von weitem, weil ich auch immer in Kinderbüchern noch rumschmökere, ein ganz zerlesenes und äußerlich nicht mehr sehr gut anzusehendes Buch: "Die Langerot-Kinder im Sommer". Sofort hab' ich mir also diese alte Schwarte gekauft und hab's mit Interesse noch mal durchgelesen, und jetzt erst kann ich sagen, warum mich das damals so ergriffen hat."

Sprecher:

Für die 65-jährige Gerda Pauli war das ein tolles Gefühl, ein verloren gegangenes Buch aus ihrer Kinderzeit auf einem Bücherbasar unerwartet wiederzufinden. Ein Basar meint in der ursprünglichen Bedeutung das Händlerviertel in orientalischen Städten. Im Deutschen steht das Wort "Basar" aber mittlerweile auch für einen Verkauf zugunsten wohltätiger Zwecke. So kann beispielsweise die Kirche von Einnahmen eines Bücherbasars profitieren.

Sprecherin:

Gerda Pauli hatte Glück und wurde auf dem Basar fündig, weil sie, wie sie sagt, gern in Kinderbüchern herumschmökert. Wenn jemand schmökert, so meint dies, dass er für längere Zeit gemütlich etwas Unterhaltsames, etwas Spannendes liest. Das Verb "schmökern" leitet sich dabei von dem Substantiv "Schmöker" ab. Der Schmöker war im 18. Jahrhundert zunächst eine studentensprachliche Bezeichnung für ein altes, minderwertiges Buch.

Sprecher:

"Schmöker" leitet sich dabei vom alten niederdeutschen Wort "smöken" ab, was soviel wie rauchen meint. Der Student riss sich in früheren Zeiten eine Seite aus dem minderwertigen Schmöker, um diese ins Feuer zu halten und seine Pfeife daran anzuzünden. Das Wort "Schwarte" wird in ganz ähnlicher Weise benutzt wie das Wort Schmöker. Schwarte ist die verächtliche Bedeutung für ein dickes, altes und minderwertiges Buch. Eigentlich bezeichnet man mit dem Wort "Schwarte" die dicke, fette Haut des Schweins. Da früher viele Bücher in Schweinsleder eingebunden waren, kam es zu dieser ein wenig respektlosen Bezeichnung für ein Buch.

Sprecherin:

Neben Kinderbüchern kam Gerda Pauli in der Schule auch mit klassischen deutschen Gedichten in Berührung. Am bekanntesten ist wohl "Die Glocke" von Schiller, die Generationen von Schülern auswendig lernen mussten. Die Rentnerin kann heute noch aus einem umfangreichen Gedächtnisfundus viele Gedichte rezitieren, die sie in ihrer Schulzeit auswendig lernen musste. Neben dem Auswendiglernen spielten damals auch Diktate im Unterricht eine große Rolle. Gerda Pauli war, wie sie sagt, was Rechtschreibung anbelangte, immer eine der Klassenbesten.

Gerda Pauli:

"Und meine kleine Nachbarin war also - ich war aber auch klein - die war immer ganz fuchsig, dass ich dauernd null Fehler hatte oder höchstens mal einen oder wenn's hochkam zwei, und sie hatte immer fürchterlich viele Fehler. Also in der Beziehung war sie doch 'ne ziemliche Niete."

Sprecher:

Die Banknachbarin war fuchsig, weil sie mehr Fehler im Diktat machte als ihre Mitschülerin. Das Wort "fuchsig" bezieht sich wahrscheinlich auf die angeblichen Eigenschaften des Fuchses. In der christlichen Symbolik steht der Fuchs unter anderem für Verschlagenheit, Ungerechtigkeit, Habsucht und Verzweiflung. Die schlechte Schülerin war also neidisch, sie wollte genauso wenig Fehler machen wie ihre Banknachbarin. Sie steigerte sich in eine verzweifelte, missgünstige Wut: Sie war fuchsig. Gerda Pauli sagt, ihre Banknachbarin sei in Diktaten eine Niete gewesen. Gemeint ist hier nicht die Niete, die beispielsweise zwei Metallteile zusammenhält, sondern die zweite Bedeutung von "Niete" meint ein Lotterielos, das nichts gewonnen hat. Das Lotteriewesen kam im 18. Jahrhundert von Holland nach Deutschland, und so übernahm man mit dem Glücksspiel auch das niederländische Vokabular. Das niederländische Wort "Niete" bedeutete eigentlich soviel wie "nichts". Eine Niete ist also ein Los, mit dem man eben nichts gewinnt. Beherrscht nun ein Mensch eine bestimmte Tätigkeit nicht besonders gut, kann er also nichts, so ist dieser - vergleichbar mit dem Los - eine Niete.

Sprecherin:

Als Gerda Pauli dann diesem Mädchen unerlaubterweise bei einem Diktat half, wurde sie von der Lehrerin erwischt. Es gab keine Strafe, der Unterricht ging scheinbar unverändert weiter. Ein Gedicht sollte gelernt werden, "Deutscher Rat" des romantischen Dichters Robert Reinick, der im vergangenen Jahrhundert lebte. Diese Situation war der kleinen Gerda so unangenehm, dass sie bis heute die Zeilen nicht vergessen hat.

Deutscher Rat

Vor allem eins mein Kind:

sei treu und wahr.

Lass nie die Lüge deinen Mund entweihen.

Von alters her im deutschen Volke

war der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.

Gerda Pauli:

"Ich hab' also Qualen durchlitten bei diesem Gedicht, und vielleicht war es sowieso im Lehrplan dran. Ich hatte aber das Gefühl, dass das Gedicht nur mir galt."

Sprecherin:

In Deutschland ist es seit Generationen ein Brauch von Kindern, ein so genanntes Poesiealbum Freunden, Eltern oder Lehrern zu geben mit der Bitte, ein paar Zeilen hineinzuschreiben. Die heute 53-jährige Liesel Müller aus Wuppertal bekam, als sie neun Jahre alt war, ihr Poesiealbum geschenkt. Vor allem Mädchen sammelten in ihren Alben die Sprüche ihrer Freundinnen, die zumeist neben die Zeilen noch kleine Bilder einklebten.

Liesel Müller:

"Da gab es so Vertauschbilder, Blumenkörbe oder Märchenfiguren oder zum Teil auch Fotografien von demjenigen, der da rein geschrieben hat. Der hat das dann eingeklebt."

Sprecher:

Vertauschbilder, die auch Glanzbilder genannt werden, klebten die Mädchen neben ihrem Eintrag in das Album. Vertauschbilder sind mit kindlich-romantischen Motiven bedruckte Papierbilder, die zum Teil mit glänzendem Staubpulver verziert sind. Früher war das Sammeln und Tauschen dieser Bildchen bei Kindern sehr beliebt. Das hat in der heutigen Zeit stark nachgelassen.

Sprecherin:

Wenn Liesel Müller nun nach mehr als 40 Jahren von Zeit zu Zeit in ihr Poesiealbum schaut, erinnert sie sich wieder an die alten Freundinnen, vielleicht an schöne Kindertage oder aber an ihre Eltern, die bereits seit vielen Jahren tot sind. Auch Lehrer ließen es sich nicht nehmen, ihren Schützlingen einen Vers ins Poesiealbum zu schreiben.

Liesel Müller:

"Das ist ein Spruch von meinem Religionslehrer. Und zwar hat der geschrieben und selbst gedichtet: "Fromm und froh und frei von Grillen, so sei allzeit Liesel Pillen". Also Pillen ist mein Mädchenname, und da fand der das sehr schön und hat das so rein geschrieben."

Sprecher:

Der Lehrer wünscht seiner Schülerin, dass sie fromm und froh und frei von Grillen sei. Grillen sind eigentlich Insekten, eine Art Heuschrecke oder Grashüpfer. Der Religionslehrer verwendet das Wort allerdings im übertragenen Sinn, denn mit Grillen meint man auch schwermütige Gedanken. Sein Schützling solle in der Zukunft also nicht nur fromm und froh, sondern eben auch frei von schwermütigen Gedanken sein.

Sprecherin:

Nun ist es Zeit, zum Abschluss unserer Sendung noch einmal Heinz Erhardt zu lauschen:

Warum die Zitronen sauer wurden

Ich muss das wirklich mal betonen:

Ganz früher waren die Zitronen

(ich weiß nur nicht genau mehr, wann dies

gewesen ist) so süß wie Kandis.

Bis sie einst sprachen: Wir Zitronen,

wir wollen groß sein wie Melonen!

Auch finden wir das gelb abscheulich,

wir wollen rot sein oder bläulich!

Gott hörte oben die Beschwerden

und sagte: Daraus kann nichts werden!

Ihr müsst so bleiben! Ich bedauer!

Da wurden die Zitronen sauer.

Sprecher:

Erhardt macht sich hier die Doppelbedeutung des Wortes sauer zunutze. Einerseits bezeichnet "sauer" eine tatsächliche Geschmacksempfindung. Beißt man in eine Zitrone, so schmeckt diese sauer. Sauer kann aber auch meinen, dass jemand verärgert und beleidigt ist. Die Zitronen wurden ärgerlich, also sauer, weil Gott ihre Wünsche nach einer anderen Farbe und Größe nicht erfüllte. Das kann man noch heute schmecken.

Sprecherin:

Wir sind nun am Ende unseres Streifzuges durch die deutsche Alltagssprache angelangt. Und wie gehört, findet man häufiger als vielleicht zunächst vermutet auch in der tagtäglichen Sprache Spuren von Poesie.

Sprecher:

Denn die Poesie schafft es immer wieder, mit nur wenigen Worten ganz bestimmte Lebensgefühle treffend zu beschreiben und auszudrücken. Doch Poeten sind selten, und noch seltener sind große Philosophen oder Dichter unter ihnen.

Sprecherin:

Wie sagte Jakob Grimm: "Die Poesie ist das Leben". Oft ist es unerheblich, ob es die Worte eines großen Dichters oder nur die einfachen Zeilen eines Poesiealbums sind: Die Poesie bereichert unseren Alltag.


Fragen zum Text

Jemand, der schmökert, …

1. liest längere Zeit etwas Unterhaltsames.

2. macht ein Feuer.

3. denkt angestrengt nach.

Wenn jemand eine bestimmte Tätigkeit nicht gut beherrscht, …

1. ist er darin ein Nagel.

2. ist er darin der Hammer.

3. ist er darin eine Niete.

Wer wütend und beleidigt ist, ist …

1. süß.

2. sauer.

3. bissig.

Arbeitsauftrag

Suchen Sie sich ein deutsches Gedicht heraus. Lesen Sie es sich mehrmals durch und klären Sie alle Vokabeln oder Redewendungen, die Sie nicht verstehen. Tragen Sie es anschließend Ihrer Klasse vor.

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