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Kultur

Pocken, Pläne und das Panik-Virus

Pocken-Viren in Händen von Terroristen – die Angst ist groß. Doch Behörden beruhigen: Ja, der Impfstoff reicht für alle. Ja, es bleibt genügend Zeit. Nein, vorsorglich geimpft wird nicht.

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Erst im Notfall an die Nadel

Eigentlich sind die Pocken seit 1979 offiziell ausgerottet. Nur in zwei hermetisch abgeriegelten Labors in den USA und Russland lagern noch Viren – und so entsteht Unsicherheit. Was, wenn ein Terrorist da herankommt? Deshalb hat die Bundesregierung angekündigt, für die gesamte Bevölkerung Pocken-Impfstoff zu kaufen, 100 Millionen Dosen insgesamt. Davon sind 35 Millionen schon im Lager. "Das ist aber eine reine Vorsorgemaßnahme im Nachgang zum 11. September 2001", betont Elisabeth van der Linde, Sprecherin im Bundesgesundheitsministerium, gegenüber der DW-WORLD. Bund und Länder hätten bereits mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin einen Impfplan ausgearbeitet.

Dieser Plan bezieht auch die Menschen mit ein, die noch gegen Pocken geimpft wurden. Denn nach Angaben des RKI fiel die Impfpflicht Mitte der 1970er Jahre weg, und ob die Betroffenen noch geschützt sind, sei nicht sicher.

Riesige Nebenwirkungen

Wer sich jetzt vorsorglich impfen lassen will, muss sich von dem Gedanken verabschieden, erklärt Dr. Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), dem Bundesamt für Sera und Impfstoffe. "Das Serum wird weder an Ärzte noch an Apotheken ausgeliefert", so die Biologin im Interview mit DW-WORLD. Denn bisher sei kein Pocken-Impfstoff zugelassen. Die Bundesregierung habe Seren für den Notfall gekauft, die dann nach bestimmten Krisenplänen auch ohne Zulassung eingesetzt werden dürften.

Angesichts der möglichen schweren Nebenwirkungen sollte man sowieso besser auf die Impfung verzichten, solange es keine konkrete Bedrohung gebe: "Im schlimmsten Fall ist dies eine Hirnentzündung. Dann muss man mit einem Todesfall auf eine Million Menschen rechnen", berichtet Stöcker. Bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem oder chronischen Hautkrankheiten könnten "schwerste Hautreaktionen" auftreten.

Vier Tage Zeit

Pocken-Viren seien tatsächlich "eine extrem schlimme Biowaffe". Aber zum Impfen bleibe genug Zeit, betont Stöcker. "Man kann noch vier Tage nach einer Pockeninfektion impfen, weil der Schutz sehr schnell aufgebaut wird." Dabei werde nicht das Pockenvirus ("Variola") unter die Haut gebracht, sondern ein schwächerer Verwandter namens "Vaccinia", mit dem man auch vor 30 Jahren die Pocken ausgerottet habe.

Ein Teil der Impfstoffe stammt übrigens noch aus den 70er-Jahren. "Wir haben ein Original-Röhrchen genommen und auf einer Zellkultur vermehrt", erklärt Dr. Andreas Hartmann, Leiter Marketing und Geschäftsentwicklung bei Bavarian Nordic, gegenüber der DW-WORLD. Sein Unternehmen stellt Pocken-Impfstoff her. Dass die alten Vaccinia-Bestände noch aktiv sind, daran zweifelt niemand. "Wir haben es geprüft", betont Dr. Stöcker vom PEI. "Der Impfstoff ist sehr stabil."

Spezial-Serum für Soldaten

Elf Millionen Dosen mit der europäischen Impfstoff-Variante habe Bavarian Nordic schon an die Bundesregierung geliefert, erklärt Hartmann. "Aber die Diskussion in Deutschland beginnt gerade erst." In den USA sei man weiter, "da wird das Thema auch mehr als nationales Interesse behandelt. Hier gibt es fast nichts an Unterstützung."

Bavarian Nordic forsche auch an verträglicheren Anti-Pocken-Strategien, die allerdings nicht vor 2006 zugelassen würden. Zum Beispiel an MVA, einem Vor-Impfstoff, der die Nebenwirkungen eindämme. "Und wir produzieren einen neuen, erheblich abgemilderten Impfstoff für die Bundeswehr." Warum den nicht alle bekommen können? Ministeriumssprecherin van der Linde hält sich zurück. "Unsere Experten haben entschieden, dass man das Ziel Pockenschutz sinnvoller ohne den neuen Impfstoff erreichen kann".

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