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Asien

Platz machen für Neu-Saigon

Am anderen Flussufer soll eine neue Stadt mit Bürohochhäusern und Wohnungen entstehen – Stahl und Glas als Symbol des neuen Saigon. Den jetzigen Bewohnern passt das gar nicht. Sie wehren sich gegen ihre Vertreibung.

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Saigon - Wirtschaftsmetropole im Süden Vietnams

Ein wenig wehmütig blickt Frau Nguyen den Schiffen auf dem Fluss hinterher. "Ich lebe hier, seit ich klein bin", sagt sie. "Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben." Große Containerfrachter schieben sich am Ufer vorbei in Richtung Hafen von Saigon. Kleine Kähne mit Außenbordmotor tuckern zwischen ihnen herum. Auf einem Steg lässt sich ein Hochzeitspaar vor der Skyline der Stadt fotografieren. Das sumpfige Uferland von Thu Thiem, direkt gegenüber des Stadtzentrums ist auf der anderen Flussseite gelegen. Eine ruhige, vernachlässigte Ecke von Ho Chi Minh Stadt, dem ehemaligen Saigon. Einstöckige Häuser säumen die Uferstraße, vor dem kleinen Laden von Frau Nguyen sitzen die Nachbarn zusammen – nur wenige Dutzende Meter vom brodelnden Zentrum der Stadt entfernt.

Hoffen auf die Bürokratie

Vietnam Saigon

Die kleinen Hütten sollen Hochhäusern weichen

Bis Ende des Jahres müsse sie ihr Haus räumen, hat ihr die Stadtverwaltung mitgeteilt. Doch Frau Nguyen hofft, noch etwas bleiben zu können. "Ich denke, dass die Bürokratie noch länger brauchen wird. Nächstes Jahr vielleicht. Und so lange mein Geschäft noch läuft, bleibe ich hier."

Das für Saigoner Verhältnisse spärlich besiedelte Ufer des Saigon-Flusses hat die Aufmerksamkeit der Stadtplaner auf sich gezogen. Innerhalb der nächsten 15 Jahre soll hier ein neuer Stadtteil mit Büros und Wohnungen entstehen – grün, hochmodern und nah am Zentrum. Für die Häuschen am Ufer ist in den Plänen kein Platz. Die Bewohner sollen für ihr Land entschädigt werden und sich neue Häuser suchen. "Ich habe mich schon umgeschaut“, sagt die Ladenbesitzerin. "Aber mit dem Geld, das ich als Entschädigung bekommen würde, finde ich kein entsprechendes Grundstück. Ich werde wohl in ein kleineres Haus ziehen müssen."

Vorbild Shanghai

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Saigon will nach dem Vorbild Shanghais mit Hochhäusern beeindrucken

Seit Beginn der Reformpolitik in Vietnam hat Saigon, wie die Bewohner ihre Stadt noch immer nennen, seine wirtschaftliche Führungsrolle innerhalb des Landes wieder zurückerobert. Der neue Stadtteil soll dieses neue Saigon verkörpern - nach dem Vorbild von Shanghais Geschäftsviertel Pudong, das in den letzten zwanzig Jahren aus dem Sumpfland hochgezogen wurde. Zwischen den alten Häusern klaffen bereits überall Lücken. Laut Stadtverwaltung haben bereits über 50 Prozent der Bewohner einer Umsiedlung zugestimmt.

Doch nicht alle Bewohner wollen sich so schnell fügen. Triet ist in der Siedlung am Ufer geboren und lebt seit über vierzig Jahren hier. In einer kleinen Garküche sitzt er mit den Nachbarn beim Tee zusammen. "Wir sind einfache Bürger“, seufzt er. "Wir haben keine Macht. Sie haben den Staat hinter sich und können tun was sie wollen. Wenn sie das wirklich wollen, dann müssen wir gehen."

Tricks der Behörden

Vietnam Saigon

Mit der Gemütlichkeit auf der anderen Flussseite könnte es bald vorbei sein

Gerade, erzählt Triet, sei er wieder mit ein paar Gleichgesinnten vor die Stadtverwaltung gezogen, um zu protestieren. Geld, Ersatzgrundstücke oder Zugang zu einer Sozialwohnung bietet die Stadtverwaltung den Bewohnern inzwischen. Der Preis ist mit 18 Millionen Dong – 700 Euro - zwar fast zehnmal so hoch, wie in den ersten Jahren, als die Umsiedler mit zwei Millionen abgespeist wurden. Doch Triet und die anderen sind mit dem Angebot nicht zufrieden. Bauland ist im dicht besiedelten Vietnam teuer. Umgerechnet siebenhundert Euro pro Quadratmeter, dafür bekomme man nur noch in den Außenbezirken Bauland. "Vielleicht in einer dunklen Seitengasse oder neben dem Friedhof", fällt ihm sein Nachbar ins Wort.

"Die Stadtverwaltung will uns austricksen"

Doch es ist nicht nur der Preis, der Triet empört. Die Stadtverwaltung versuche, die Bürger auszutricksen, glaubt er. Viele Nachbarn hätten diese Erfahrung gemacht. "Du bekommst einen Teil in bar und einen Teil in Landgutscheinen", erklärt er. "Das Bargeld zahlen sie Dir aus, aber wenn du dann ein paar Wochen später kommst, um Dir Deine Landgutscheine abzuholen, dann sagen sie, neue Messungen hätten ergeben, dass Dein Grundstück kleiner ist, als zunächst festgestellt, und Du musst einen Teil des Geldes zurückgeben.“ Andere hätten plötzlich festgestellt, dass ein Teil ihres Landes als Agrarland klassifiziert worden sei – dafür gibt es nur einen Bruchteil des Preises.

Vietnam Saigon

Alltag in dem alten Stadtviertel

Langsam legt sich der Abend über die Uferstraße. Auf Mopeds kommen Nachbarn von der Arbeit zurück. Die Schiffe auf dem Fluss werden weniger. Triet gibt sich noch einmal kämpferisch. "Was auch immer sie tun, so einfach gebe ich mein Land nicht her", sagt er. In den Hochhäusern auf der anderen, schon modernisierten Flussseite gehen die Lichter an.

Autor: Mathias Bölinger

Redaktion: Silke Ballweg