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Deutschland

Planungsfehler beim Hochwasserschutz

1997, 2002, 2013. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Flutkatastrophen in Deutschland. Welche Konsequenzen hat die Politik gezogen? Und warum gibt es immer noch Lücken beim Hochwasserschutz?

Überschwemmte Landschaft bei Lauenburg im Osten Deutschlands Foto: Carsten Rehder/dpa

Hochwasser Deutschland Lauenburg

Am Oberlauf der Elbe in Sachsen bei Dresden beginnt das große Aufräumen. Am Unterlauf, hinter Wittenberge, in Brandenburg warten die Menschen noch auf den Scheitel der Flutwelle. Am Oberlauf rechnen sie schon die Schäden zusammen, am Unterlauf hoffen sie noch, dass es diesmal nicht so schlimm wird, dass die Deichverbesserungen seit dem letzten großen Hochwasser von 2002 etwas gebracht haben.

Naturkatastrophen kann man nicht steuern, meint Jürgen Stamm, Professor für Wasserbau an der Technischen Universität Dresden. Aber die Auswirkungen, die könne man steuern: mit Geld, mit politischem Willen und mit politischer Durchsetzungskraft.

1000 Maßnahmen, trotzdem wieder Überschwemmungen

Ein Mann geht am 09.06.2013 in der vom Elbehochwasser betroffenen Stadt Meißen (Sachsen) durch einen Überschwemmten Straßenzug (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

In Meißen in Sachsen sinkt das Wasser wieder, jetzt folgt die Schadensbilanz

Stamm ist keiner, der polemisiert. Er sieht, was alles gemacht wurde seit der letzten Flut. "Nach 2002 hat man im Freistaat Sachsen 47 Hochwasser-Schutzkonzepte erstellt, mit weit mehr als 1000 Einzelmaßnahmen." Deiche wurden verstärkt, manche nach hinten verlegt, damit der Fluss Platz hat, wenn die große Welle wieder kommt. Brücken wurden umgebaut, damit sich das Wasser nicht mehr daran staut, Rückhaltebecken angelegt. 1,3 Milliarden Euro hat das Land seitdem in den Hochwasserschutz investiert. Und trotzdem wurde die Stadt Grimma wieder überflutet, trotzdem schwappte das Wasser in die Altstadt von Dresden, trotzdem mussten im flussabwärts gelegenen Magdeburg im Bundesland Sachsen-Anhalt 23.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden.

Jürgen Stamm, Professor für Wasserbau TU Dresden (Foto: TU Dresden)

Jürgen Stamm, Professor für Wasserbau TU Dresden

Der Hochwasserexperte möchte die Anstrengungen der vergangenen elf Jahre nicht kleinreden. Im Gegenteil: "Dass Magdeburg jetzt soviel Wasser hat, ist ein Ergebnis der erfolgreichen Arbeit in Sachsen." Denn gerade weil es gelungen ist, bei Dresden diesmal das Wasser weitgehend im Fluss zu halten, mit höheren Deichen und Flutwänden und Sandsäcken, gerade deshalb war die Elbe in Magdeburg unten nicht mehr im Zaum zu halten.

Die Schwammfunktion der Landschaft

Für den Hochwasserschutz sind in Deutschland die Bundesländer zuständig, die sich zwar durchaus absprechen, von einer gemeinsamen Flutprävention aber weit entfernt sind. Winfried Lücking, Hochwasserexperte der Umweltschutzorganisation Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), erzählt gern das Beispiel von der Elbe bei Wittenberge: "Da haben wir auf der östlichen Seite die Deiche vom Land Brandenburg, die 80 Zentimeter höher sind als die auf der westlichen Seite vom Land Sachsen-Anhalt, und Sie können sich vorstellen, wo das Wasser dann hingeht."

Elbe-Hochwasser in Wittenberg Helfer in Wittenberg beim Bauen eines Schutzwalls aus Sandsäcken (Foto: DW/ C. Werner)

Die Dämme stärken - Vorbereitung auf die Flut in Wittenberge

Die Bundesregierung in Berlin müsse im Hochwasserschutz endlich die Federführung übernehmen, fordert der BUND-Experte Lücking, "um das Versagen der Länder auszugleichen". Für den Umweltschützer ist die Konzentration der Länder auf die kurzfristigen Deichbaumaßnahmen ohnehin der Kern des Problems. Statt die Flüsse immer stärker einzuengen, müssten Deiche versetzt und weit mehr Schwemmgebiete ausgewiesen werden. Die Bodenversiegelung in den Städten und Dörfern müsse gebremst werden und die Landwirtschaft sich auf naturnahe Bewirtschaftung besinnen: "Die Schwammfunktion der Landschaft muss wieder hergestellt werden."

Nicht die Kosten sind das Problem, sondern die Akzeptanz

Der Hochwasserforscher Jürgen Stamm teilt die Kritik an den zersplitterten Zuständigkeiten. Und dass man steigenden Flüssen durch Schwemmgebiete und eingedeichte Polder am meisten von ihrer Zerstörungskraft nimmt, bestätigt er auch. Aber Stamm formuliert vorsichtiger. Die Zuständigkeit der Bundesländer für den Hochwasserschutz stehe nun mal im Grundgesetz, sagt er, die Landespolitiker würden daran festhalten.

Von den Wassermassen der über die Ufer getretenen Mulde ist die Eigenheimsiedlung in der sächsischen Kleinstadt Eilenburg völlig überflutet (Foto: dpa)

Land unter im sächsischen Eilenburg

Aber gut findet er die Situation auch nicht. Viele Polder, also eingedeichtes Schwemmland, würden durch regionale Egoismen verhindert: Ein Polder verschlingt Nutzland und erhöht die Gefahr von feuchten Kellern, den Nutzen aber hätten allein die Anwohner weiter flussabwärts. Warum sollte eine Landesregierung ihren Bürgern die Nachteile zumuten, wenn die Vorteile erst im benachbarten Bundesland anfallen? "Da wird lange, lange diskutiert", stöhnt der Hochwasserexperte, meist ohne Ergebnis.

Bürgerproteste gegen neue Deiche

Doch Stamm will die Schuld nicht nur bei den Politikern suchen. So dramatisch die Situation derzeit beispielsweise an der Elbe sei, "nach dem Hochwasser vergessen die Leute meist schnell wieder, schon nach wenigen Jahren ist die Akzeptanz für Hochwassermaßnahmen spürbar geringer". Deiche verstellen die Sicht, Flutwände verschandeln die Landschaft, Polder machen die Keller feucht - nicht die oft zitierten Kosten seien das Problem vieler Maßnahmen, so die Erfahrung von Jürgen Stamm, sondern die rasch schwindende Bereitschaft weiter Teile der Bevölkerung, die Nachteile in Kauf zu nehmen.

In Grimma, einer der am härtesten betroffenen Städte in Sachsen, wäre die Katastrophe möglicherweise glimpflicher ausgegangen, wenn das seit 2002 geplante Hochwasserkonzept vollständig umgesetzt worden wäre. Doch eine Bürgerinitiative hatte Teile der Umsetzung bislang verhindert. Ähnlich in Radebeul, wo Nachbarn seit Jahren um einen Deich streiten, der nützlich, aber nicht schön wäre, wie Stamm einräumt: "Die einen wollen den Schutz, die anderen glauben, dass ein Jahrhunderthochwasser erst in hundert Jahren wieder kommt."

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