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Planet Bollywood

André Moeller1. Januar 1970

Viel "Trash“, dazu eine gut dosierte Mischung aus Action und Herz-Schmerz. Das ist das Rezept, mit dem der indische Film in die Welt zieht, um zum internationalen Kultobjekt zu werden.

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Nicht nur in Indien beliebt: Der indische FilmBild: AP

"Bollywood" heißt das Film-Genre, das auf dem indischen Subkontinent schon seit Jahrzehnten boomt. Der Name ist ein Wortspiel aus "Hollywood" und dem Anfangsbuchstaben der indischen Stadt Bombay. Dort werden nicht nur die meisten Filme der Welt produziert. "Bollywood" ist gleichermaßen Synonym für die größte Traum- und Kitschfabrik.

Ein Blick in den Himmel

"Wenn Inder hinauf zur Leinwand schauen, dann ist das so, als würden sie in den Himmel blicken." Mit diesen Worten beschreibt der indische Schriftsteller Salman Rushdie die Kinobegeisterung seiner Landsleute. In Zahlen bedeutet das: "Bollywood" produziert jährlich ungefähr 900 Spielfilme, die allein in Indien rund drei Millionen Zuschauer pro Tag in die Kinos locken. Das sind Zahlen, mit denen selbst "good old" Hollywood nicht mehr mithalten kann. Dort bringt man es gerade einmal auf 600 Produktion im Jahr.

Und nun beginnt langsam auch die "westliche Welt", sich für das populäre indische Kino zu interessieren. Vor allen Dingen in Europa entwickelt sich "Bollywood" zum absolut angesagten Trend. Ob in London oder Köln, überall werden "Bollywood-Festivals" ins Leben gerufen und locken zahlreiche Besucher in die Kinos. Indische Filme erhalten gute Kritiken und werden für den Oscar nominiert, wie zum Beispiel "Lagaan" mit Superstar Aamir Khan. Auch "Monsoon Wedding" von Regisseurin Mira Nair konnte nicht nur das Publikum begeistern. Bei den Filmfestspielen in Venedig wurde der Film mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet.

Liebe, Heldentum und Schicksal

Mother India Plakat
Filmplakat für "Mother India" von Mehboob Khan

Im Mittelpunkt der indischen "Schmachtfetzen" steht meist die romantische Liebe, für die es "im richtigen Leben" der traditionellen indischen Kasten-Gesellschaft nach wie vor wenig Platz gibt. Weitere Zutaten sind Heldentum, Idylle und Schicksalhaftes. Daraus wird nach immer ähnlichem Rezept das "ganz große Kino der Gefühle" gestrickt. Das obligatorische Happy End darf natürlich auch nicht fehlen. Dem Publikum ist die Inszenierung wichtiger als die Story. Es erwartet opulente Bilder mit beeindruckenden (Natur-)Kulissen, beliebte Stars und Emotionen ohne Ende.

Das mag auch das Erfolgsrezept des indischen Filmepos "Mother India" von dem indischen Starregisseur Mehboob Khan sein. Der Film aus dem Jahr 1957 (Originaltitel "Bharat Mata") füllt auch bei Festivals in Europa noch immer die Kinos. Er erzählt eine Geschichte aus dem harten Alltag indischer Bauern: Ein junges Paar borgt sich beim örtlichen Geldverleiher 500 Rupien, um davon die Ausrichtung einer prunkvollen Hochzeit zu finanzieren. Der Tilgungsplan erscheint einfach: Die Rückzahlung soll jährlich von der Ernte geleistet werden.

Doch der Kreditgeber Sukhilala hat das junge Paar über den Tisch gezogen. Der schriftliche Vertrag, den niemand außer dem geldgierigen Kreditgeber lesen konnte, verlangt plötzlich eine Schuldentilgung, die wesentlich höher ist, als das vereinbart war. Obwohl das junge Paar heldenhaft gegen die Schuldenlast ankämpft und hart arbeitet, geraten die beiden durch Missernten und andere Schicksalsschläge immer tiefer in die Schuldenfalle. Sie verlieren nach und nach ihr gesamtes Hab und Gut...

No Sex, please!

Für den Erfolg oder Misserfolg der "Bollywood"-Filme können die so genannten Song & Dance-Nummern entscheidend sein. Das sind musikalische Einlagen, die nicht immer etwas mit dem Film zu tun haben. Während das europäische Filmpublikum eher verhalten auf die teils unmotiviert wirkenden Tanz- und Gesangseinlagen reagiert, lassen indische Kinogänger sich schon einmal dazu hinreißen, mitzusingen und begeistert in die Hände zu klatschen. Vielleicht lässt ja Andrew Lloyd Webber’s neues "Bollywood"-Musical mit dem Titel "Bombay Dreams" das westliche Publikum auch in Hinsicht auf die Filmschnulzen "auftauen".

Bei aller Herz-Schmerz-Romantik gibt sich der indische Film jugendfrei. Obwohl bereits 1999 das "Kussverbot" offiziell aufgehoben wurde, sind Kussszenen eher selten und Sex-Szenen tabu. Das äußerste an Erotik sind die beim Publikum beliebten "Wet-Sari-Scenes". Dazu wird die Handlung gerne an den Strand oder in den strömenden Regen verlegt. So kann sich die nasse Kleidung der Darstellerin schön eng um ihren Körper legen.