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Kultur

Planen für die Pandemie

Immer mehr Regierungen bereiten sich auf den Fall einer weltweiten Grippe-Epidemie vor. Denn wegen des Vorrückens der Vogelgrippe ist die Angst vor einer Pandemie gewachsen.

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Ab in die Tonne!

Vogelgrippe in Rumänien

Gesundheitsbeamte mit getöteten Vögeln in Rumänien

Dass eine Grippewelle die öffentliche Ordnung zusammenbrechen lassen kann, weiß Werner Lange spätestens seit dem Winter 1969. Der ehemalige Direktor des Robert-Koch-Instituts, der zentralen Einrichtung der deutschen Regierung für die Krankheitsüberwachung, war bereits Virologe in Berlin, als sich die zweite Welle der so genannten Hongkong-Grippe ausbreitete, die weltweit rund eine Million Menschen tötete. "Die Krankenhäuser mussten einen Versorgungsstopp erlassen, weil ein großer Teil des Pflegepersonals ausgefallen war und es an Betten fehlte", erzählt Lange. Weil viele Tote nicht begraben werden konnten, mussten die Leichen zeitweise in einem ungenutzten U-Bahn-Tunnel gelagert werden. Wegen der Erkrankung vieler Kohlenträger übernahm die Polizei die Brennstofflieferungen und auch die Verkehrsbetriebe konnten nur eingeschränkt arbeiten.

Das Risiko einer Ansteckung ist noch gering

Grippevirus H5N1 soll für Vogelgrippe verantwortlich sein

Mikroskopaufnahme des Grippevirus H5N1

Um Chaos im Fall einer neuen weltweiten Grippewelle zu verhindern, mahnt die Weltgesundheitsorganisation WHO die Regierungen seit Jahren, Pandemiepläne zu entwickeln. "Insbesondere in den vergangenen zwei Monaten haben sich mehr und mehr Länder daran beteiligt", sagt Maria Chang, Sprecherin der WHO. Der Grund für die verstärkte Aktivität sind Sorgen wegen der Vogelgrippe. Zwar ist das Risiko, die Vogelgrippe zu bekommen, denkbar gering, da man sich nur durch intensiven Kontakt mit Vögeln anstecken kann. Bislang gibt es erst rund 120 bekannte Fälle, in denen Menschen erkrankten, die Hälfte von ihnen allerdings tödlich. Doch die Sorge der Experten besteht darin, dass das aus dem H5N1-Virus in Verbindung mit einem menschlichen Grippevirus ein neuer Erregerstamm entsteht, der sich auch von Mensch zu Mensch überträgt.

Landesamt für Veterinärmedizin in Stendal sucht nach Virus der Vogelgrippe

Untersuchung einer Geflügelprobe im ostdeutschen Stendal

Unter den rund 20 Ländern, in denen es Pandemiepläne gibt, sind neben zahlreichen europäischen Nationen Brasilien, Kanada, Hongkong, Südafrika, Japan und die USA. "Wie die Pläne aussehen, hängt von den nationalen Gegebenheiten ab", sagt die WHO-Sprecherin Chang. "Wenn Australien die Grenzen dicht machen will, ist das natürlich einfacher als in Staaten, die an andere Länder grenzen." Im Wesentlichen hätten die Pläne jedoch eine ähnliche Struktur. Sie regeln Zuständigkeiten der Behörden, legen fest, welche Bevölkerungsgruppen zuerst mit Impfstoff und antiviralen Medikamenten versorgt werden, beschäftigen sich mit der Überwachung und Kontrolle des Infektionsgeschehens, entwickeln Informationssysteme für die Bevölkerung und bereiten eventuelle Reisebeschränkungen und Quarantäne-Regeln vor.

Medikamente für zehn Prozent der Bevölkerung

Packungen des Medikaments Tamiflu des Schweizer Pharmakonzerns Roche

Die deutschen Bundesländer haben Grippemedikamente gelagert

In Deutschland beispielsweise stellte das Robert-Koch-Institut (RKI) im Januar 2005 einen nationalen Pandemieplan vor, den eine 20-köpfige Expertengruppe in Anlehnung Empfehlungen der WHO erstellt hatte. Da für einen großen Teil der Umsetzung die 16 Bundesländer und 430 Gesundheitsämter im Land verantwortlich seien, könne sie die Fortschritte nicht im Detail beurteilen, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI. "Sehr wichtig war die Zusage der Bundesregierung, 20 Millionen Euro für die Entwicklung eines prototypischen Impfstoffes bereitzustellen." Dies wird bei einer Grippewelle die Entwicklung eines wirksamen Serums beschleunigen. Zudem hätten Bundesländer entschieden, antivirale Medikamente zu lagern. Zwar reiche die Bevorratung nur für rund 10 Prozent der Bevölkerung, während der Plan 20 Prozent empfehle, sagt die RKI-Sprecherin. "Aber man soll das nicht klein reden - denn die meisten Staaten haben gar keine Medikamente gelagert."

Während die Bereitschaft, sich auf eine Pandemie vorzubereiten, zugenommen habe, sei eine deutliche Verstärkung der internationalen Zusammenarbeit nötig, sagt Maria Cheng von der WHO. Denn viele der Länder, in denen die Geflügelpest ausgebrochen sei, hätten nicht die Ressourcen, um eine Ausbreitung zu stoppen. Wegen fehlender Kontrollsysteme in der Tierhaltung und der Gesundheitsversorgung könne es daher sein, dass ein neuer, aggressiver Virenstamm erst dann bemerkt wird, wenn bereits viele Menschen erkrankt sind.

"Kühlen Kopf bewahren"

Vogelgrippe - Gänsezucht

Inmitten seiner Gänse sitzt Gänsezüchter Jürgen-Balzer Klingenhoff

"Wenn wir in der Lage wären, den neuen Stamm früh zu identifizieren, könnten wir eine Ausbreitung vielleicht verhindern", sagt Cheng. Für diesen Fall hat die WHO drei Millionen Dosen antiviraler Medikamente gelagert. Trete in einem Land ein Erreger auf, der auch von Menschen übertragen werde, könnte die WHO binnen kürzester Zeit Teams dorthin schicken, die sich um eine Eindämmung bemühen würden. "Modellen zufolge müssten wir das Virus erledigen, wenn 20 bis 40 Fälle aufgetreten sind", sagt Cheng. "In der Praxis ist das jedoch noch nie versucht worden."

Derzeit gelte es jedoch vor allem, einen kühlen Kopf zu bewahren, sagt Susanne Glasmacher vom RKI. Zwar sei die Frage nicht ob, sondern wann die nächste Pandemie komme, da die Entstehung eines aggressiven Virus mit der Zunahme der Vogelgrippe-Fälle wahrscheinlicher werde. Noch sei das Risiko einer Erkrankung aber verschwindend gering: "Wenn Sie sich anstecken wollen, dann müssen Sie schon in ein Feuchtbiotop in einem chinesischen Naturschutzgebiet fahren und dort den Vögeln die Federn ausrupfen."

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