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Politik

"Plagiat ist und bleibt geistiger Diebstahl"

Themenbild Pro und Contra (Grafik: DW)

Über Plagiate soll man sich nicht ärgern: Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente. Klingt dieser Einstiegssatz nicht gut? Ich finde ihn so gelungen, dass ich wünschte, er wäre von mir. Dabei kommt er aus den unendlichen Weiten des Internets - für viele ein globaler Selbstbedienungsladen, aus dem die lästigen Kassen verschwunden sind. Dort, im virtuellen Raum der Worte und Ideen, bin ich auf diesen Satz von einem gewissen Herrn Theodor Fontane gestoßen und habe ihn einfach mitgenommen. Trotzdem gebe ich meiner altmodischen Gewohnheit nach, den Autor zu nennen.

Obwohl ich zur manchmal verpönten "Generation Facebook" gehöre. Meine ersten Liebesbriefe habe ich nicht mit zitternder Schrift auf Briefpapier verewigt, sondern in meinem E-Mail-Programm geschrieben und auf "Senden" geklickt. Die "Tagesschau" sehe ich mir im Netz an. Und dass man Flüge oder Hotels auch anderswo als im Internet buchen kann, erstaunt mich immer wieder.

Gerade weil das Internet ein so selbstverständlicher Teil meines Alltagslebens ist, bin ich gegen jede Form des Abschreibens aus dem Netz. "Online" und "offline" sind nicht völlig abgetrennte Parallelwelten. Per Internet geplante Proteste sind nicht weniger effektiv als frühere Formen der Demos. Paare, die sich im Netz kennen lernen, können genauso glücklich oder unglücklich werden wie jene, die sich in der Kneipe oder im Supermarkt zum ersten Mal über den Weg laufen. Und Hasstiraden aus dem Internet können genauso schmerzhaft und verhetzend sein wie verbale Beschimpfungen.

Plagiat ist und bleibt geistiger Diebstahl - ob nun ein Text aus dem Internet übernommen wird oder ein Fragment aus einem gedruckten Buch. Theodor Fontane behauptete zu Recht, dass ein Plagiat immer auch ein Kompliment an den wirklichen Autor ist. Vielleicht ist das ja auch ein netter Trost für die Urheber der Texte, die der ehemalige Doktor Karl-Theodor zu Guttenberg aus dem Internet abgekupfert hat. Aber mal ehrlich: Wer auf seine intellektuellen Fähigkeiten vertraut, hat es sowieso nicht nötig, im Netz die allzu beliebte Copy-and-paste-Methode zu bemühen.

Wieso sollte man fremden Autoren mehr zutrauen als sich selbst? Einen eigenen langen, gut durchdachten Text zu schreiben - ob als Blog im Netz, als Roman oder als wissenschaftliche Arbeit - ist ein geistiges Abenteuer, durch das sich der Verfasser auch als Persönlichkeit weiterentwickelt. Wer sich diesem kreativen Prozess aus Angst oder Bequemlichkeit entzieht - oder durch andere Verpflichtungen zu überlastet ist, um Zeit zum Schreiben zu finden - muss die Welt ja auch nicht unbedingt mit einer weiteren Doktorarbeit oder einem weiteren Roman beglücken. Denn nicht nur das Abschreiben im Internet ist erstaunlich leicht. Im Netz lassen sich Plagiate auch viel einfacher identifizieren als im gedruckten Bereich. Und das finde ich gut.

Autorin: Alexandra Scherle
Redaktion: Conny Paul / Kay-Alexander Scholz

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