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Wirtschaft

Pläne für ein deutsches Internet

Sollten deutsche Mails und vielleicht auch der gesamte deutsche Internetverkehr nur noch über inländische Leitungen gehen? Die Deutsche Telekom denkt darüber nach. Experten halten den Vorstoß für wenig sinnvoll.

"National Routing", also der Verbleib des Internetverkehrs innerhalb eines Landes, lautet der neue Slogan der Deutschen Telekom in Reaktion auf die NSA-Spähaffäre. Die größte deutsche Telekommunikationsfirma will mit ihrem Vorschlag verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. "Die Idee ist, dass Internetdaten, die von einem Sender in Deutschland an einen Empfänger in Deutschland gehen, nicht, wie es heutzutage oft der Fall ist, über ein anderes Land geschickt werden", sagt Telekom-Sprecher Philipp Blank im DW-Interview.

Es geht um E-Mails, aber auch um den Datenverkehr insgesamt. Es soll vor allem vermieden werden, dass die Daten über Leitungen und Knotenpunkte im Ausland gehen, die mutmaßlich abgehört werden. Später kann sich die Telekom auch eine Ausweitung des Routings auf die Mitgliedsstaaten des Schengener Abkommens vorstellen.

Das Internet ist von Natur aus überstaatlich

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Rene Obermann (l.), und Ralph Dommermuth, Gründer und Vorstandsvorsitzender von United Internet, geben am 09.08.2013 in Berlin eine gemeinsame Pressekonferenz zum Thema Sichere E-Mail. (Foto: dpa)

Telekom-Chef Obermann und United-Internet-Chef Dommermuth: Mails werden sicher transportiert

Fachleute beurteilen die Pläne skeptisch. Sie sehen unter anderem Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Das Internet ist von seiner Struktur so angelegt, dass sich Daten den schnellsten und günstigsten Weg durch das weltweite Netz suchen.

Den E-Mailverkehr innerhalb der deutschen Grenzen zu halten, sei möglich, sagt der Chefredakteur des IT-Magazins "iX", Jürgen Seeger. Allerdings müsse dafür das Prinzip des billigsten und schnellsten Weges aufgegeben werden. Außerdem wären Investitionen in zusätzliche Netzinfrastruktur nötig. Das könnte die Internetnutzung teurer machen.

Den gesamten deutschen Internetverkehr über inländische Leitungen und Knotenpunkte zu führen, wäre noch schwieriger. Es beginnt schon damit, dass die für den Internetverkehr wichtigen Root-Nameserver überwiegend in den USA stehen, wie Seeger erklärt. Um ein "nationales Internet" auf die Beine zu stellen, "müsste man eine sehr komplexe, teure Infrastruktur wie in Saudi-Arabien oder im Iran aufsetzen", sagt er.

Irgendwer liest immer mit

Demonstranten protestieren vor dem US-Generalkonsulat in Hamburg unter dem Motto Stop PRISM now! gegen die weltweite Spionage, insbesondere durch den amerikanischen Geheimdienst NSA. (Foto: Imago)

NSA-Ausspähung: Weniger Vertrauen in die digitale Kommunikation

Ob so ein "nationales Internet" die Daten sicherer macht, ist außerdem fraglich. Seeger gibt zu bedenken: "Ein vollständig kontrolliertes, nationales Internet hieße ja auch, dass beobachtet wird, wer welche Daten wohin schickt. Das heißt, man hätte dann eine Überwachung im eigenen Land." Das gilt auch, wenn nur die E-Mail-Kommunikation und nicht der gesamte Internetverkehr in Deutschland bliebe. Das Mitlesen durch ausländische Geheimdienste könnte so verhindert werden, das durch deutsche nicht.

Allerdings, betont die Telekom, könnten E-Mails auch verschlüsselt werden. Das Unternehmen hat sich kürzlich mit anderen Providern zusammengeschlossen, um den Austausch von E-Mails zwischen diesen Anbietern, darunter GMX und Freenet, sicherer zu machen. Das sei aber "keine neue Technologie und darüber hinaus längst überfällig gewesen", sagt der Datenschutzbeauftragte des IT-Dienstleisters QSC AG, Thomas Bösel.

Zudem haben Datenschützer Zweifel, dass ein Mitlesen ausgeschlossen ist. Denn die Mails sind zwar auf dem Transportweg verschlüsselt. Es gibt aber Punkte auf dem Weg vom Sender zum Empfänger, an denen sie entschlüsselt werden, um sie auf Viren oder andere Schadsoftware zu scannen.

Druck auf die Politik

Für Jürgen Seeger sehen die Bemühungen der Telekom insgesamt "ein bisschen nach PR-Aktion aus" - was aber nicht schlecht sein müsse, weil das die Debatte um die Vertraulichkeit von Daten vorantreibe. Telekom-Sprecher Blank sieht die Politik in der Pflicht: "Abgesehen von unserem Vorschlag für ein nationales oder ein Schengener Routingsystem glauben wir, dass es für die deutschen Nutzer wichtig ist, dass ein europäisches Datenschutzabkommen verabschiedet wird." Es werde schon lange darüber gesprochen, eine bindende Vereinbarung gebe es aber immer noch nicht. Ein solches Datenschutzabkommen könne sicherstellen, dass Richtlinien der europäischen Staaten auch von ausländischen Firmen, die ihre Dienste in Europa anbieten, eingehalten werden.

EU-Kommissarin Neelie Kroes ist von dem Vorstoß der Telekom nicht angetan. Sie hält ein "nationales Internet" für einen Fehler, wie sie dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" sagte. Man könne den globalen Markt nicht erobern, wenn man seine Daten in nationale Grenzen einsperre. Telekom-Sprecher Blank sagt hingegen, man wolle die Nutzer keineswegs isolieren.

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