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Afrika

Piratenangriffe gehen zurück

Für die internationale Schifffahrt sind sie nach wie vor eine große Gefahr. Doch die Piratenüberfälle am Horn von Afrika sind weniger geworden. Ein Grund ist die verstärkte Militärpräsenz - auch von deutschen Soldaten.

Die Gewässer am Horn von Afrika gelten noch immer als die gefährlichsten der Welt: Seit Jahren greifen dort Piraten internationale Schiffe von der somalischen Küste aus an, entführen ihre Besatzung und erpressen Lösegeld. Nach Angaben von Oceans Beyond Piracy (OBP), einem Projekt der Nichtregierungsorganisation One Earth Future, kamen im vergangenen Jahr 35 Menschen bei Angriffen, Befreiungsversuchen oder während ihrer monatelangen Geiselhaft ums Leben. Die Kosten, die die geschätzten 800 bis 1500 Seeräuber jedes Jahr verursachen, belaufen sich laut OBP auf fast sieben Milliarden US-Dollar. Doch nun sind die Piratenangriffe im Golf von Aden und im Indischen Ozean zurückgegangen, wie die internationale Schifffahrtskammer mitteilte. Gab es im Vorjahr noch 151 Piratenübergriffe, von denen 25 für die Seeräuber erfolgreich verliefen, zählte die Kammer bis Ende August 2012 erst 28 Überfälle - nur fünf glückten bislang.

Karte: Horn von Afrika

Horn von Afrika

Internationale Militärpräsenz zeigt Wirkung

Pottengal Mukundan ist Direktor des International Maritime Bureau (IMB), das von der internationalen Handelskammer zur Bekämpfung der Piraterie gegründet wurde. Eine Ursache der Entwicklung sieht Mukundan darin, dass viele Schiffe mittlerweile privates Sicherheitspersonal an Bord haben. Dies hindere die Seeräuber nicht nur daran, auf das Schiff zu gelangen, sondern schrecke die Piraten auch ab. Außerdem rüsteten die Reeder ihre Schiffe besser aus, um sie vor Überfällen zu schützen. "Der wichtigste Grund für den Rückgang der Piratenangriffe sind aber die internationalen Marinesoldaten, die Jagd auf die Mutterschiffe der Piraten machen, noch bevor sie sich in Stellung bringen und angreifen können", sagt Mukundan im Gespräch mit der DW. Den Soldaten sei es in vielen Fällen gelungen, Waffen und kleine Boote zu beschlagnahmen.

Eine Schlüsselrolle spielten die europäischen Seestreitkräfte, die sich seit 2008 im Rahmen der Atalanta-Mission mit derzeit neun Kriegsschiffen an dem Kampf gegen die Piraterie beteiligen und die Maßnahmen der internationalen Marinetruppen insgesamt koordinieren, sagt IMB-Direktor Mukundan. "Die Soldaten haben im Mai die Logistik-Basis der Piraten auf somalischem Festland angegriffen und dabei viele Benzintanks, Waffenlager und Boote getroffen - das hat die Kampffähigkeit der Piraten deutlich beeinträchtigt."

EU-Truppen fassen mutmaßliche Piraten (Foto: dpa / picture alliance)

EU-Truppen fassen mutmaßliche Piraten

Es war bislang das erste und einzige Mal, dass die Anti-Piraten-Mission der Europäischen Union einen Piratenstützpunkt auf dem Festland beschoss - mit Unterstützung der somalischen Übergangsregierung, wie sie betonte. Verletzte soll es nicht gegeben haben. Die Bundeswehr, die sich mit über 340 Soldaten an der Mission beteiligt, nahm an dem Luftangriff nicht teil. Erst seit März ist es den Soldaten der Atalanta-Mission überhaupt gestattet, die Ausrüstung der Seeräuber auch auf dem Festland anzugreifen - allerdings nur aus der Luft und solange sie sich nicht weiter als zwei Kilometer von der Küste entfernt befindet. Die Ausweitung der Atalanta-Mission ist in Deutschland stark umstritten. Der Bundestag beschloss sie im Mai gegen die Stimmen der Opposition, die auf Gefahren für die deutschen Soldaten und die somalische Zivilbevölkerung verwies. Neben Deutschland sind auch Frankreich, Spanien, Portugal, Italien und die Niederlande am Einsatz vor Somalia beteiligt.

Marinesoldaten und Schiffsbesatzung lernen dazu

Für Hans-Joachim Stricker, Präsident des Deutschen Maritimen Instituts, haben die Erfolge im Kampf gegen die Piraterie auch damit zutun, dass die Soldaten in den vergangenen Jahren ihre Strategie verbessert haben: So schützen sie nicht mehr nur die Route der Schiffe auf hoher See, sondern melden auch Piratenstützpunkte schon bevor die Piraten überhaupt in See stechen können: "Ich glaube die Gesamtheit von mehr Erfahrung, einem besseres Lagebild und der neuen Möglichkeit, die Ausrüstung schon am Strand zerstören zu können, hat dazu geführt, dass die Angriffe zurückgegangen sind", sagt der Vizeadmiral a.D.

Pottengal Mukundan, Direktor des International Maritime Bureau IMB (Foto: DW ) Foto: Matthias von Hein

Pottengal Mukundan, Direktor des IMB

Dass so wenig Kaperversuche erfolgreich endeten, liegt für ihn auch daran, dass die Kapitäne die Sicherheitshinweise der International Maritime Organization (IMO) stärker beachten: Neben dem Mitführen von Sicherheitspersonal halten diese die Kapitäne etwa dazu an, den Seeräubern durch Kursänderungen und Manöver auszuweichen und Stacheldraht auf dem Deck auszulegen. Einen positiven Effekt habe zudem auch die Jahreszeit gehabt: "Wenn man die Piraterie über die Jahre verfolgt, sieht man, dass zu den Monsunzeiten mit starken Winden die Piratenangriffe zurückgehen, weil der Seegang so hoch ist", erläutert Hans-Joachim Stricker.

Westafrikanische Piraten profitieren von rechtsstaatlichen Mängeln

Weniger erfreulich hat sich dagegen die Situation in westafrikanischen Gewässern entwickelt: Dort ist die Anzahl der Piratenüberfälle sogar gestiegen, wie auch der Verband der Deutschen Reeder (VDR) besorgt feststellt: "Allerdings hat man es dort überwiegend mit Raubüberfällen zu tun, bei denen Wertsachen von Besatzungsmitgliedern oder die Ladung vom Schiff geklaut werden. In Sachen Menschenraub oder Lösegelderpressung ist die Situation vor Nigeria nicht mit der am Horn von Afrika vergleichbar", sagt Christof Lauer, der Pressesprecher des Verbandes. Im Kampf gegen die Piraterie vor der westafrikanischen Küste nimmt Pottengal Mukundan vom IMB vor allem Polizei und Justiz der betroffenen Länder in die Pflicht. Wenn in Nigeria und den Nachbarländern der Rechtsstaat effektiv wäre, glaubt Mukundan, würden die Angriffe zurückgehen, denn man könne die Schiffe ja schon beim Umladen der Beute aus der Luft aufspüren und die Piraten festnehmen.

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