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Piraten treffen den Zeitgeist junger Wähler

28. September 2009

Bei männlichen Erstwählern hat die Piratenpartei großen Zulauf. Die politischen Freibeuter wollen sich langfristig als sechstgrößte Partei etablieren.

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Jens Seipenbusch, Bundesvorsitzender der Piratenpartei (Foto: dpa)
Jens Seipenbusch, Bundesvorsitzender der PiratenparteiBild: DPA

Haben die "Nerds" endlich eine politische Heimat? Das meint zumindest Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Nerds" sind aus seiner Sicht männliche Jugendliche, die schon im Kindesalter damit beginnen, Modelleisenbahnen und Computer zu zerlegen. Laut Duden handelt es sich bei dieser sozialen Spezies um sehr intelligente, aber sozial isolierte Computerfans.

Für Schirrmacher ist klar: Diese Jungs prägen unsere Gesellschaft, wurden aber bisher von den Parteien links liegen gelassen. Jetzt endlich haben sie auch eine politische Heimat: die Piratenpartei.

Die Ergebnisse der Bundestagswahl stützen die These des Zeitungsmachers. Satte 13 Prozent der männlichen Erstwähler haben die politischen Freibeuter gewählt. In einigen urbanen Wahlbezirken wie Berlin-Kreuzberg hat die Piratenpartei bis zu neun Prozent der Stimmen erhalten. Insgesamt holten die politischen Neulinge bei ihrer ersten Bundestagswahl aus dem Stand zwei Prozent der Stimmen. Ein Auftakt nach Maß. Politikbeobachter sprechen bereits von "digitalen Protestwählern". Die Piratenpartei trifft anscheinend den Zeitgeist vor allem der jungen Wähler.

Erfolgreicher Wahlkampf im Netz

Ein offener Tresor (Foto: dpa)
Der Datenschutz ist den Mitgliedern der Piratenpartei ein wichtiges AnliegenBild: Bilderbox

Dabei hätten die etablierten Parteien schon vor der Wahl erkennen können, wie erfolgreich die neue Partei auftritt. Jede Woche gewannen die Piraten die Wahl neu. Zumindest auf der Wahlkampf-Statistik-Seite wahl.de: Die Piratenpartei war stets in allen Wertungen vorn. Sie streute im Wahlkampf mehr Nachrichten ins Netz als jede andere Partei - und hatte auch die meisten Leser. Bei der Sonntagsfrage von StudiVZ kratzten die Piraten sogar an der absoluten Mehrheit.

In der Politik wollen die Piraten für mehr direkte Demokratie durch Bürgerentscheide streiten. Entscheidungen der Politik sollen durch mehr Informationsrechte für die Bürger transparenter werden, und die Verwaltungskosten sollen durch den Einsatz frei lizensierter Software wie "Open Office" sinken. Top-Thema der "Piraten" aber bleibt die Überwachung. Insbesondere mit ihrem Protest gegen Familienministerin Ursula von der Leyen, die mit Internetsperren kinderpornographische Inhalte im Netz brandmarken möchte, haben die Piraten Aufmerksamkeit bekommen. Nicht geschadet haben ihnen die Vorwürfe gegen Jörg Tauss. Dem ehemalige SPD-Politiker, der vor einigen Monaten zur Piratenpartei übergetreten ist, wird von der Staatsanwaltschaft Karlsruhe vorgeworfen, kinderpornographische Dateien aus dem Netz heruntergeladen und weiterverbreitet zu haben.

Datenschutz wird großgeschrieben

Auge auf dem Monitor (Foto: dpa)
Digitale Überwachung ist den Piraten ein GrausBild: AP

Im September 2006 wurde die Piratenpartei gegründet. Inzwischen ist sie mit knapp 8000 Mitgliedern die mitgliederstärkste derjenigen Parteien, die nicht in Fraktionsstärke im Bundestag vertreten sind. Bei der Europawahl bekam sie 0,9 Prozent der abgegebenen Stimmen. Ihr Eintreten für die Bürgerrechte und die Freiheit im Netz ist bei den jungen Wählern über jeden Zweifel erhaben; ebenso ihre Bereitschaft, den Datenschutz umfassend auszubauen.

Ob sich das politische Phänomen dauerhaft halten wird, ist nicht vorherzusagen. Die Piraten wollen ihr Themenspektrum schon bald erweitern. Auf ihrem Parteitag im Juli schrieben sie die Forderung nach gebührenfreier Bildung ins Wahlprogramm. Laut dem Vorstand der Partei arbeiten "Piraten"-Aktivisten an eigenen Positionen zur Steuer-, Sozial- und Umweltpolitik. Nach der Wahl gaben die Parteispitzen bekannt, sich langfristig als sechste Partei in der deutschen Politiklandschaft etablieren zu wollen. Mit den "Nerds" ist anscheinend auch in der Zukunft zu rechnen.

Autor: Marcus Bölz
Redaktion: Julia Elvers-Guyot