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Fokus Osteuropa

Pipelines im Kaukasus sorgen für Unabhängigkeit

Im Mai wurde die strategisch wichtige Erdölpipeline Baku-Ceyhan in Betrieb genommen. Nun soll eine Gaspipeline zur Ölleitung hinzukommen – davon profitiert die ganze Region, vor allem aber das Transitland Georgien.

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Georgien profitiert von Öl- und Gasdurchleitungen

Hohe Berge und kristallklare Flüsschen durchziehen das fruchtbare Land zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Was von oben wie ein zeitloses Paradies aussieht, ist bei genauer Betrachtung ein zentraler Schauplatz für den Kampf um immer teurer werdende Energieressourcen. Unter der Oberfläche ziehen sich zwei neue Pipelines wie feine unterirdischer Fäden durch den Südkaukasus, der erst jetzt aus den Turbulenzen der post-sowjetischen Ära seinen Weg in die Weltpolitik und zu den Märkten Europas findet.

Endlich energiepolitische Unabhängigkeit?

Die eine Pipeline, die teuerste und längste der Welt, ist im Mai eingeweiht worden und transportiert Öl vom kaspischen Baku zum türkischen Mittlermeerhafen Ceyhan. Das steigende Interesse des Westens am Südkaukasus als Transitkorridor für die kostbaren Energieträger aus der kaspischen Region soll auf Jahre hinaus dort Wachstumsimpulse, Sicherheit und Stabilität geben. Die zweite Pipeline, eine Gaspipeline - South Caucasus Pipeline oder kurz SCP genannt -, soll die Region, die einst den äußersten südlichen Rand des Sowjetimperiums darstellte, endgültig aus der energiepolitischen Abhängigkeit von Moskau lösen. Früher nutzte die Moskauer Regierung ihr Monopol in der Gasversorgung als Instrument der Macht. Politische Meinungsunterschiede wurden nicht selten gelöst, indem man kurzfristig die Gasversorgung der Querulanten verknappte oder gar ganz abstellte. Nun arbeiten die Regierungen in Tiflis und in Baku fieberhaft an einer von Moskau unabhängigen Energieversorgung.

Gas zu Sonderkonditionen

Noch am 25. Februar betonte der georgische Präsident Saakaschwili, die Regierung werde nichts tun, was das Land von einem monopolistischen Apparat abhängig mache. Die russische Firma Gazprom, an die der Satz gerichtet war, ist bis heute der einzige Versorger der Region. Sie wird ihre Monopolstellung verlieren, sobald die neue SCP das Gas aus Aserbaidschan in georgische Rohre und weiter nach Westen leitet. Georgien erhält statt Transitgebühren billiges Gas, so billig und so viel, dass die jetzt wachsende Wirtschaft davon noch viele Jahre davon profitieren wird. Ingenieur Teimuraz Gogitashvili, ein Berater der georgischen Regierung, erläutert: "Wir haben sie um Gas als Ware gebeten, denn wir sind Netto-Importeure und wir brauchen Gas. Wir brauchen kein Geld, um dann nach Russland zu gehen und teureres Gas zu kaufen. Darum haben wir unsere Partner um eine bessere Lösung gebeten und die sind darauf eingegangen. Und wir haben einen sehr schönen Vertrag bekommen. Wir bekommen 5 Prozent des Transit-Gas kostenlos, so genanntes Options-Gas für Georgien."

Die neue Gaspipeline hat mit 20 Billionen Kubikmetern Gas pro Jahr eine normale Kapazität. Die vereinbarten 5 Prozent des durchgeleiteten Gases, die Georgien kostenlos beziehen wird, sind genug, um das Land heute komplett zu versorgen.

Vollversorgung bis 2020

Bei voller Auslastung der Pipeline liegt die Kapazität der neuen Versorgungslinie noch um die Hälfte höher. Georgien könnte dann sogar 1,5 Billionen Kubikmeter Gas pro Jahr kostenlos erhalten. Nach Berechnungen von Experten ist damit das kleine Land sogar bei günstiger wirtschaftlicher Entwicklung bis zum Jahre 2020 komplett und kostenlos mit kaspischem Gas versorgt. Sollte der georgische Verbrauch noch höher steigen, wird man weitere Lieferungen zu Preise erhalten, die deutlich unter den Weltmarktpreisen liegen. Gogitashvili rechnet aus: "Zusätzliches Gas mit Preisen niedriger als am Markt: Das bedeutet 55 US-Dollar für Tausend Kubikmeter, das ist halb so viel wie das, was ihr für Gas bezahlt. Und diese Gaspipeline wird uns Handelsvorzüge geben, und wir bekommen so große Aufmerksamkeit für diese Pipelines, weil wir auch Partner der EU sind. Wir sind stolz, dass wir der Europäischen Union helfen können."

Zahlreiche Interessenten

Am kaspischen Gas sind insbesondere die neuen EU-Länder im Osten und Südosten Europas interessiert. Auch Deutschland hat Interesse bekundet, denn ein Drittel des verbrauchten Gas kommt allein aus russischen Pipelines. Weil ihre Kapazitäten weitgehend erschöpft sind, der Verbrauch aber weiter steigt, soll nun eine Versorgungslinie aus Russland durch die Ostsee nach Norddeutschland und bis nach Großbritannien gebaut werden. Wenn eine politische Erpressbarkeit verhindert werden soll, werden dringend andere Quellen gebraucht. Eine Möglichkeit wäre das Gas aus dem Kaukasus. Experten aus der Region und Kollegen aus der Ukraine sprechen jetzt über Wege und Preise, wie Mitteleuropa vom Kaspischen Meer aus versorgt werden kann.

Für die energiehungrigen Mitteleuropäer, die dringend nach weiteren Energieressourcen suchen, wie auch für den Südkaukasus, der für seine Unabhängigkeit die internationalen Märkte erreichen muss, ist das kaspische Gas von enormer Bedeutung. So gewinnen Georgien als Transitland und Aserbaidschan als Lieferant enorm an Bedeutung. Mit einer modernen Infrastruktur zum Vertrieb seiner Ölvorräte wird Aserbaidschan zur Drehscheibe für kaspisches Öl und Gas: Hier treffen sich die drei Erdölleitungen Baku-Supsa, Baku-Noworossijsk und Baku-Tiflis-Ceyhan, sowie die Gaspipeline Baku-Tiflis-Erzurum.

Die Integration der kleinen Kaukasus-Staaten in das europäische Wirtschaftssystem kommt damit einen großen Schritt voran. Die geplanten Erdöl- und Erdgaspipelines bewirken eine transportpolitische Neuordnung der kaukasisch-zentralasiatischen Region, und der Staatenwelt des Schwarzen Meeres und des Mittelmeers. Ein Schritt, um die handels- und wirtschaftspolitischen Beziehungen in der Region sowie zwischen Europa und Asien zu vertiefen.

Birgit Wetzel
DW-RADIO, 5.7.2005, Fokus Ost-Südost

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