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Kultur

Pionierin im Verborgenen

Regina Jonas brach 1935 ein Tabu im Judentum: Sie wurde die erste Rabbinerin weltweit. Am 3. August 2002 wäre Regina Jonas 100 Jahre alt geworden.

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Die spannende Lebensgeschichte der Regina Jonas ist im Hentrich & Hentrich Verlag erschienen

"Mein Name ist Frau Regina Jonas. Ich bin nicht die Frau eines Rabbiners. Ich bin Rabbinerin. Was kann ich für Sie tun?" "Sie können meine Strümpfe stopfen", soll ein bettlägriger Herr einmal auf diese Begrüßung von Rabbi Jonas erwidert haben. Ganz bewusst stellte sich die erste Rabbinerin so ihren Mitmenschen vor, wohlwissend um die Reaktion, die sie bei vielen damit auslöste.

Angst vor einem Skandal

Jonas war die erste Frau im Judentum, die zur Rabbinerin ordiniert wurde. Eigentlich habe sie gar nicht diesen Beruf ergriffen, sondern er habe sie ergriffen, schrieb sie später einmal in einem Brief. In ihrer Dissertation zum Thema "Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?" kam sie zu dem Schluss "außer Vorurteil und Ungewohntsein steht halachisch (religionsgesetzlich) fast nichts dem Bekleiden des rabbinischen Amtes seitens der Frau entgegen."

Dennoch wollten sie der damalige Rektor der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Leo Baeck und ein Teil des Lehrkörpers nicht zur Rabbinerin ordinieren. Offenbar überwog im Hochschulkollegium die Angst vor einem Skandal. So schloss Jonas ihr 12semestriges Studium 1930 "nur" als akademisch geprüfte Religionslehrerin ab.

"Die Majorität ist gegen Sie"

Erst 1935 nahm der liberale Rabbiner Max Dienemann ihr in Offenbach die mündliche Rabbinatsprüfung ab. Dass die Verwirklichung ihres Berufswunsches mühselig und von einem steten Kampf um Anerkennung geprägt war, wird allein deutlich durch einen ermahnenden Brief des selbst in die Kritik geratenen Prüfers Dienemann: "Wenn Sie meinen Rat folgen wollen, so stellen Sie in Berlin keinerlei Anträge, sei es beim Rabbinat oder bei einzelnen Rabbinern, damit werden Sie nur Widerspruch hervorrufen, denn die Majorität ist gegen Sie. Gehen Sie ruhig ihren Weg, der Vorstand der Gemeinde wird Sie schrittweise fördern; eine Eiche fällt nicht auf den ersten Hieb."

Trotz des Gebots der größtmöglichen innerjüdischen Solidarität in den Jahren der zunehmenden Entrechtung und Verfolgung der Juden blieb ihr Rabbinat umstritten. Erst als viele ihrer männlichen Kollegen ins Ausland flüchteten, verhaftet oder deportiert wurden, sollte sie immer häufiger Vertretungen übernehmen.

Ab Winter 1940 reiste Jonas quer durch Deutschland um jüdische Gemeinden zu betreuen, deren Rabbiner verschwunden waren. Hatte es erst die Notlage möglich gemacht, dass sie als Rabbinerin tätig werden konnte?

Flucht kam nicht in Frage

Jonas war nicht die einzige Rabbinatsstudentin zu ihrer Zeit, aber "sie war die einzige, die ihre Ausbildung abschließen konnte," bemerkt Bea Wyler, die erste und noch immer einzige Frau im Rabbinat in Deutschland seit Regina Jonas. Die jüdisch-theologische Hochschule wurde 1942 geschlossen.

Als mehrere Menschen Regina Jonas nahe legten, aus Nazi-Deutschland fortzugehen und in Amerika als erste Rabbinerin der Welt Karriere zu machen, winkte sie ab. Eine ehemalige Schülerin erinnerte sich später, man habe gespürt, dass ihr die Betreuung der ihr Anvertrauten mehr bedeutete als ihre Rettung.

Trotz Zwangsarbeit in einer Kartonagefabrik war sie unermüdlich als Rabbinerin für die Jüdische Gemeinde im Einsatz - bis auch sie im November 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Fast zwei Jahre arbeitete sie im Konzentrationslager, half den Neuankömmlingen den ersten Schock zu lindern. Einer der letzten Transporte im Oktober 1944 brachte die 42-Jährige gemeinsam mit ihrer Mutter nach Auschwitz, wo sie kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurde.

Nachlass erst spät veröffentlicht

Während die meisten Juden ihre wichtigsten Dokumente in die Vernichtungslager mitnahmen, hatte Regina Jonas vor der Deportation ihren Nachlass in der Jüdischen Gemeinde in Berlin deponiert. Vielleicht ahnte sie, dass sie nicht wieder zurückkehren würde. Ihr Erbe lagerte viele Jahre im Staatsarchiv der DDR und wurde erst nach dem Fall der Mauer der Öffentlichkeit zugänglich. Bis dahin wurde oftmals die 1972 in den Vereinigten Staaten ordinierte Sally Priesand als erste Rabbinerin der Welt zitiert. Heute gibt es weltweit mehr als 200 Rabbinerinnen. Bea Wyler ist optimistisch, dass "bald bestimmt noch mehr folgen."