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Deutschland

Pilze statt Punkte

Warum gilt in Polen Fußball als Nebensache und Deutschland als großer Nachbar? Antworten von dem in Warschau lebenden deutschen Kabarettisten Steffen Möller.

Deutsche Welle: Zur Fußball-EM kommen wohl mehr deutsche Touristen nach Polen als je zuvor. Welcher Ruf eilt den deutschen Fans voraus?

Steffen Möller: ein bekennender Betweener. Diese Bilder zeigen den Kabarettisten Steffen Möller. (Foto: DW)

Steffen Möller: ein bekennender "Betweener"

Steffen Möller: Der typische deutsche Fußballfan ist in den Augen der Polen der typische Deutsche, mit anderen Worten: der typische Bayer. Beim deutschen Fußball denken die meisten an die Allianz-Arena in München. Da fahren polnische Reisegruppen hin, sitzen mit bis zu 30 Leuten im leeren Stadion und machen La Ola – weil sie Deutschland mit Hightech assoziieren. Kein Mensch würde hier Fahrradurlaub oder so etwas machen. Nach Deutschland fährt man ins Mercedes- oder BMW-Museum, in die Autostadt Wolfsburg und eben in die Allianz-Arena.

Polen klauen deutsche Autos – gibt es derlei Klischees umgekehrt auch in Polen von den Deutschen?

Das Stadion in Warschau (Foto: Osram)

Das Stadion in Warschau

Ja, klar. Was für uns der polnische Autodieb ist, ist für Polen der deutsche Nazi. Außerdem gelten wir als humorlos, als Angeber, wir können nicht tanzen, unsere Frauen sind hässlich, unsere Sprache ist hart, aber logisch – so wie auch unsere Mentalität.

Hat sich daran in den vergangenen Jahren etwas verändert?

Ja, es gab drei Ereignisse, die Deutschlands Image etwas verbessert haben. Erstens der EU-Beitritt, zweitens die Wahl des deutschen Papstes, der ja befreundet war mit Johannes Paul – mehr kann man auf dieser Welt nicht erreichen! – und drittens die Fußball-WM 2006. Außerdem Angela Merkel, weil sie so undeutsch wirkt: Sie ist klein, bescheiden, uneitel und leise. Das wird als sehr wohltuend empfunden. Trotzdem gelten wir Deutsche als der große Nachbar. Selbst wenn die deutsch-polnische Geschichte positiv verlaufen wäre, gäbe es trotzdem auf polnischer Seite Animositäten. Wie wir Komplexe gegenüber den Amerikanern haben, so haben die Polen sie gegenüber ihrem großen deutschen Nachbarn.

Und wer klaut in Polen die Autos?

Die Russen natürlich, das große Feindbild. Und die Ukrainer.

Werden mit den Deutschen auch positive Eigenschaften in Verbindung gebracht?

Natürlich. Solidität, Disziplin und Pünktlichkeit. Aber wie wir wissen, kann man damit auch ein KZ leiten. Es fehlt uns ein bisschen die emotionale Sympathie in Polen. Man hat sie über den Kopf, aber die große Liebe?

Offensichtlich können die Polen aber auch über uns lachen. Oder wie erklären Sie sich Ihren Erfolg als Komiker?

Das wundert mich ja auch. Das wundert auch viele Polen, die mir sagen: Das hätten sie sich nie vorstellen können, dass sie mal über einen Deutschen lachen würden. Ich werde immer wieder nach meinem Erfolgsrezept gefragt. Kurz gesagt: Selbstironie. Die erwartet man nicht von Deutschen. Außerdem ist es ein Sympathiefaktor, wenn man die Sprache kann. Und dann mache ich eben viele Beobachtungen über die Polen selbst.

In meiner Show mache ich einen Crashkurs „Die wichtigsten polnischen Wörter“. Da üben wir die Frage „Jak tam?“ – „Wie geht's?“ Darauf, sage ich, darf man in Polen nicht antworten: gut oder super. Das wäre Positive Thinking, das ist typisch deutsch. In Polen muss man gnadenlos realistisch sagen: „Stara bieda“, die alte Armut. In Polen gilt Negative Thinking.

Bei all den Unterschieden – gibt es Parallelen zwischen Deutschen und Polen?

Die Altstadt der polnischen Hauptstadt (Foto: Bettina Blass)

Die Altstadt der polnischen Hauptstadt

Ja, es fängt bei der Geografie an. Es gibt nur diese zwei Länder in Europa, die eine völlig gleiche Geografie haben: Im Norden das Meer, im Süden die Berge, im Osten die Hauptstadt. Polen hat ähnlich wie Deutschland eine Ost-West-Teilung. Und die polnische Mentalität ist der unseren sehr ähnlich. Das können Sie schon daran festmachen, dass es in Polen die zweithöchste Zahl an Schrebergärten in Europa gibt – nur übertroffen von Deutschland.

Stichwort: Pilzesammeln als polnischer Volkssport. Was hat es damit auf sich?

Wer zwischen Juli und Oktober nicht mit einem Pilzeimerchen durch die Wälder rennt, der ist so seltsam wie ein Deutscher, der während des WM-Finales auf Arte einen portugiesischen Schwarzweißfilm guckt. Alle Polen sind Pilzesammler, Fußball ist dagegen eine marginale Sportart. In meinem neuen Buch stelle ich Fußball- und Pilzjargon gegenüber. Zum Beispiel Grundwissen: Der Ball ist rund. In Pilzjargon wäre das: Pilze sind nicht Pflanzen und nicht Tiere, sondern irgendwas dazwischen. Und sie lassen sich nicht züchten. Pilze machen, was sie wollen. Deshalb sind wir Deutschen auch keine Pilzsammler, weil sich das so schlecht planen lässt. Man muss improvisieren. Ein Deutscher baut lieber Petersilie im Garten an – da weiß er, wo die wächst.

Steffen Möller ist bekennender Betweener. „Das sind Leute, die mit einem Bein diesseits und mit dem anderen Bein jenseits der Oder stehen und deswegen manchmal Muskelkater haben“, so der Kabarettist, Jahrgang 1969. Aufgewachsen ist er in Wuppertal, studiert hat er in Berlin: Philosophie und evangelischen Theologie. 1994 emigrierte er nach Warschau, wo er einige Jahre als Lektor arbeitete. Ein eigenes polnisches Kabarettprogramm brachte er erstmals 2001 in Krakau auf die Bühne.

Der Beginn einer großen Karriere als „deutscher Gastarbeiter in Polen“, wie Möller sagt. Seither erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen – darunter das Bundesverdienstkreuz. Im polnischen Fernsehen spielte er in 500 Folgen einer Telenovela, war Gast einer Comedy-Show und moderierte die polnische „Wetten, dass“-Show – dies allerdings „ein Total-Flop“, wie er es nennt.

Soeben erschienen ist sein neues Buch „Expedition zu den Polen – Crashkurs für Auswanderer“ (Malik, 2012, 14,99 Euro). So lautet auch der Titel seiner aktuellen Bühnenshow. Es geht um die wachsende Zahl deutscher Auswanderer nach Polen. Möller gibt Tipps: Was muss ich mitnehmen, wo gibt es Giftschlangen, wie baggere ich Doda Elektroda an? Außerdem: Die wichtigsten polnischen Wörter, falls mich die Polizei anhält.


 


 

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