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Kultur

Pillen und Spiele

Die Doping-Jäger des IOC haben bislang 30 Dopingsünder erwischt: Sie stehen unter Verdacht oder wurden überführt. DW-WORLD sprach mit WADA-Chef Ulrich Haas.

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Rechtsprofessor Ulrich Haas leitet die deutsche Anti-Doping-Kommission

Prof. Ulrich Haas (Mainz) leitete in Athen eine Kommission von zehn unabhängigen Beobachtern der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), die eine korrekte Abnahme und Kontrolle der Proben vor Ort sicherstellen sollte.

DW-WORLD: Zunächst Kenteris und Thanou, danach eine ganze Reihe von anderen - das Thema Doping hat auch die Spiele von Athen geprägt. Waren die Spiele eine Erfolg für WADA?

Haas: Jeder erwischte Athlet beweist, dass das System funktioniert. Wir helfen den sauberen Sportlern einen fairen Wettkampf zu führen. Die Strukturen, die Anzahl der Tests und [die Orte] wo diese stattfinden verdeutlichen: wir sind deutlich strikter geworden. Man sieht das ja auch in unseren Antidoping-Anweisungen: Da ist unsere eindeutige "Null-Toleranz-Politik" festgeschrieben. Das realistische Ziel ist, Doping so weit wie möglich zu minimieren. Wenn man sich vornehmen würde, Doping komplett zu eliminieren, könnte man gleich aufhören. Man wird immer jemanden finden, der betrügt - im Sport wie im Leben.

WADA hat ein Anti-Doping-Informations-Center im Olympischen Dorf aufgebaut, um so die Athleten selbst zu erreichen. Wie haben die Sportler darauf reagiert?

Mein Eindruck ist, dass sie das begrüßt haben. Unser Büro ist an einem sehr guten Ort - direkt neben der Mensa des olympischen Dorfes. Es war immer proppevoll, wenn ich dort war. Wenn man dort an einem Doping-Quiz mitgemacht hat, gab es Stifte, T-Shirts und Kappen. Und ich habe sehr viele Sportler mit diesen WADA-Kappen gesehen. Es war also scheinbar durchaus chic, dort gewesen zu sein.

Doping hat in den letzten Jahren eigentlich auf alle Top-Leistungen einen Schatten des Zweifels geworfen - das hat auch den Leistungen der saubern Athleten nicht gut getan. Wie wollen Sie den Spagat zwischen strikter Kontrolle und einem Klima des Misstrauens schaffen?

Nach einem positiven Test ist man natürlich stigmatisiert. Man kann danach nicht mehr das gleiche Leben führen. Vielleicht war der Sportler vorher ein Held, danach ist er ein gefallener Held. Es geht aber um die Botschaft: Wir machen das nicht für die WADA, sondern letztlich für den Athleten selbst.

Sie arbeiten nun schon zehn Jahre im Bereich Doping. Haben Sie inzwischen herausbekommen, was genau Athleten zum Doping verführt?

Viele Athleten nehmen das Zeug, ohne zu wissen, ob es ihnen eigentlich wirklich in ihrer Leistung hilft - sie haben oft nur etwas davon gehört. Es ist absolut irrational. Deswegen ist es falsch, auf die Motive zu schauen - denn die gibt es oft gar nicht. Es ist wie bei Kriminellen, deren einziges Motiv es ist, schlauer zu sein als andere und deswegen nicht erwischt zu werden.

Der Fall Kenteris und Thanou war eine der ganz großen Geschichten der Spiele, weil sie zuvor griechische Nationalhelden waren. Die griechischen Zuschauer haben aus Protest den Start des 200 Meter-Rennens verzögert. Haben Sie mit dieser Reaktion gerechnet?

Das Problem in diesem Fall ist, dass wir keine Chance hatten, den beiden Doping wirklich nachzuweisen. Es blieb eben ein Zweifel, weswegen es sehr viele Spekulationen gab. Deswegen hat die Öffentlichkeit so reagiert. In der Zukunft wird man noch mehr darauf achten müssen, in allen Fällen jeden Zweifel zu beseitigen.

Die amerikanische Polizei hat angekündigt, dass sie mit den griechischen Stellen bei der Aufklärung des Falls um Kenteris, Thanou und den ominösen Trainer Christos Tzekos zusammenarbeiten wird. Ist das ein Zeichen, dass nun zunehmend auch die Hintermänner des Dopings verfolgt werden?

Wenn man Regierungsstellen fragt, bekommt man zu hören, dass die Organisationsstrukturen um gedopte Athleten denen des Drogen- und Waffenhandels ähneln. Deswegen braucht der Sport hier auch Hilfe von den Regierungen. Im Fall des amerikanischen BALCO-Labors hat man gesehen, dass staatliche Verfolgung bei den Athleten mehr bewirkt hat als Sperren oder Geldstrafen. Man muss eben sehen, wo die WADA und staatliche Stellen sich gegenseitig ergänzen können.

Sollte man nicht auch die Trainer bestrafen - oft sind die ja zumindest mitverantwortlich.

Das ist schwierig, weil: Wie soll man Trainer bestrafen? Einen Athleten kann man ausschließen. Man kann Trainer höchstens bei den Wettbewerben von den Sportlern trennen.

Wann wird es wieder möglich sein, außergewöhnliche Leistungen etwa in der Leichtathletik zu sehen, ohne gleich an Doping denken zu müssen?

Wir müssen ein System einrichten, dass den Zuschauern versichert, dass der Athlet auch wirklich etwas leistet. Aber jeder gedopte Athlet, den wir erwischen, steigert das Vertrauen in die Sportler, die gute Leistung zeigen - ohne Doping.

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