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Kultur

Philosophische Selbstfindung im Café

'Erkenne dich selbst': Diesen uralten philosophischen Satz beherzigen heute immer mehr Menschen. Sie lassen sich von Philosophen beraten und diskutieren in Philosophischen Cafés über grundlegende Fragen des Menschseins.

Kaffeetasse neben aufgeschlagenem Buch (Foto: Fotolia)

Wer dichten Zigarettenqualm, Sektgläser und erhitzte, hoch intellektuelle Gemüter im Hinterzimmer eines schummrigen Cafés erwartet, der ist hier falsch. Dieses "Café philosophique" findet sonntagmorgens in einem hellen, nüchternen Seminarraum der Wuppertaler Volkshochschule statt. An einem langen Tisch sitzen zehn Gäste vor Kaffee und Plätzchen. Als "intellektuell" würde sich hier wohl niemand bezeichnen. "Ich möchte mein Denken schulen", erzählt Christel Kalinka, "ohne dabei Angst haben zu müssen, dass ich etwas Falsches sage."

Das Philosophische Café an der Bergischen Volkshochschule Wuppertal: Emilio Gonzalez Roncero (Mitte), im Gespräch mit Teilnehmern, (Foto: DW/Sabine Damaschke)

Emilio Gonzales diskutiert mit seinen Gästen

Die 69-jährige ehemalige Verwaltungsangestellte diskutiert gerne, aber in ihrem Bekanntenkreis finden nur selten Debatten über die grundlegenden Themen des Lebens statt. Deshalb besucht sie seit zwei Jahren das "Café philosophique". An diesem Sonntag geht es um die Frage "Was ist Moral?". Erste Antworten sind schnell gefunden, doch Diskussionsleiter Emilio Gonzalez Roncero hakt unerbittlich nach. Zwei Stunden lang debattieren die Teilnehmer, überwiegend Frauen im Alter zwischen 33 und 70 Jahren, über Macht und Moral, Wertkonflikte, universelle, natürliche oder anerzogene Moral.

Philosophie aus dem Elfenbeinturm holen

"In den Gesprächen möchte ich die Teilnehmer dazu anregen, die Welt differenzierter wahrzunehmen", erklärt der Philosoph. Schon seit 14 Jahren leitet er Philosophische Cafés in verschiedenen Städten Nordrhein-Westfalens. Als die Idee Anfang der neunziger Jahre aus Frankreich nach Deutschland kam, sei er zunächst skeptisch gewesen, gibt er zu. "Doch es hat mich gereizt, das philosophische Denken aus dem Elfenbeinturm der Universität und Intellektuellenzirkel in die breite Öffentlichkeit zu holen." Schließlich denke fast jeder Mensch über die drei Grundsatzfragen der Philosophie nach: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Wer ist der Mensch?

Das Philosophische Café an der Bergischen Volkshochschule Wuppertal: Emilio Gonzalez Roncero (Mitte) vor einem Flipchart (Foto: DW/Sabine Damaschke)

Emilio Gonzalez Roncero

"Oft aber trauen sich die Leute keine eigene Meinung zu, sondern orientieren sich an Autoritäten", beobachtet der 52-jährige Philosoph. Gerade in Krisenzeiten sei es wichtig, Meinungen und Weltsichten kritisch zu hinterfragen. "Das schützt vor einfachen Antworten, die Vorurteile bedienen und andere Menschen ausgrenzen". Die Befähigung zu Toleranz ist Gonzalez besonders wichtig: Als Sohn spanischer Einwanderer hat er schon häufiger mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt. So sei es keineswegs selbstverständlich gewesen, dass er als Migrantenkind Philosophie studiert habe, erzählt Gonzales. Erst als Erwachsener habe er sein Abitur nachgeholt und mit 27 Jahren die Universität besucht.

Falsche Erwartungen an die Philosophie

Heute ist die Philosophie seine "Leidenschaft", die er bewusst nicht zu seinem Beruf gemacht hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen, die in sogenannten "Philosophischen Praxen" gegen entsprechendes Honorar auch Lebensberatung anbieten.

Michael Niehaus, philosophischer Berater aus Dortmund (Foto: Michael Niehaus)

Der Dortmunder Philosoph Michael Niehaus

In fast jeder deutschen Großstadt gibt es mittlerweile diese Praxen. Besucht werden sie meist von Menschen, die sich gerade beruflich oder privat neu orientieren wollen, beobachtet Philosoph Michael Niehaus, der in Dortmund eine Praxis hat. Vor wichtigen Entscheidungen kann es sehr nützlich sein, zunächst die eigenen Werte und Denkmuster zu hinterfragen", betont er. Mit einer gewissen Distanz und dem "Blick von oben" sei es oft leichter, eine Wahl zu treffen. Insofern ist die Philosophie für Niehaus eine ganz "praxistaugliche Wissenschaft". Der Bochumer Philosoph Gregor Nottebom dagegen bezweifelt das. "Viele kommen mit falschen Erwartungen in eine philosophische Beratung", sagt Nottebom, der seit zwölf Jahren eine eigene Praxis betreibt, "und sind dann enttäuscht."

Philosophie ist keine Psychologie

Ein Analytiker mit seiner Patientin, die auf der Couch liegt (Foto: ap von 1956)

Auf der Couch wird nicht philosophiert

Ratschläge nämlich erteilt ein Philosoph nicht. Er bedient die Ratio, nicht das Gefühl. In der Beratung aber gehe es letztlich immer wieder um Beziehungsprobleme, so Notteboms Erfahrung. "Als Philosoph kann ich einem Klienten nur dabei helfen, sich über seine persönlichen Werte und moralischen Ansprüche klar zu werden." Wer konkrete Hilfe etwa bei der Frage erwarte, ob er sich von seinem Partner trennen soll oder nicht, der sei bei einem Therapeuten besser aufgehoben.

Das sehen auch die Teilnehmer des "Café philosophique" in Wuppertal so. "In der Philosophie geht es um Grundsätzliches", sagt Techniker Peter Clarus. "Da braucht man Distanz zu sich selbst." Bildhauer Norbert Kranz drückt es anders aus: "Die Philosophie ist für mich ein Weg, mal von mir selbst wegzugehen."

Autorin: Sabine Damaschke
Redaktion: Gudrun Stegen

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