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Kultur

Philosophieren vor laufenden Kameras

"Das kann man auch philosophisch sehen" - prominente Philosophen debattieren in den Medien über aktuelle Fragen wie den Klimawandel oder die Finanzkrise - und liegen damit voll im Trend.

Mehrere Fernseher neben einander, die das gleiche Bild zeigen (Foto: dpa)

Deutsche Welle: Wie erklären Sie sich die neue Hinwendung zur Philosophie heute?

Rüdiger Safranski, deutscher Schriftsteller und Philosoph, aufgenommen am 13.10.2007 anlässlich der Buchmesse in Frankfurt am Main. (Foto: Erwin Elsner)

Rüdiger Safranski: Die Philosophie kommt schon seit einiger Zeit aus dem akademischen Bereich heraus, indem sie lange eingesperrt war. Es ist wichtig, dass die Tradition der Philosophie in der Universität gepflegt wird. Aber es ist auch wichtig, dass sie darüber hinaus kommt. Schon Kant hat unterschieden zwischen der Schulphilosophie und der Philosophie für die Welt, wie er es bezeichnete. Die Philosophie für die Welt setzt sich mit den existenziellen und den aktuellen Problemen, so wie sie sich jedem Menschen stellen, auseinander und versucht, Antworten zu finden. Insgesamt finde ich, dass das doch eine bemerkenswerte Tendenz ist. Aber wie gesagt, sie ist alt. Die Philosophie hat begonnen bei Sokrates, der die Leute auf dem Marktplatz befragte. Und im Moment kehrt sie auch wieder auf den Marktplatz zurück.

Spielt die heutige zunehmende Unsicherheit im Existenziellen eine Rolle? Sucht man Hilfestellung in der Philosophie?

Wir sagen manchmal als Redewendung: "Das kann man auch philosophisch sehen". Damit ist gemeint, man tritt mal einen Schritt zurück, verlangsamt etwas, versucht Distanz einzunehmen. Diese philosophische Sichtweise ist fast identisch mit dem Versuch, mal wieder klaren Kopf zu bekommen. Und das ist ja heute wieder besonders gefragt und wichtig, weil die Wirklichkeit immer komplizierter wird, jedenfalls erscheint es uns so. Bei einem Thema wie der Finanzkrise fragt man sich, worum es da eigentlich geht. Und dann kommen wir auf Themen wie Gier. Da kommen wir auf blinde Bereicherungslust oder Risikolust und so weiter. Das heißt, wir kommen da auf einmal auf ethische Probleme. Und die ethischen Probleme sind die besonderen Probleme, die die Philosophie immer am Wickel hat.

Kann man soweit gehen zu sagen, dass Philosophie heute ein Religionsersatz sein kann?

In dem Maß wie die großen Religionen an verbindlicher Kraft verlieren, werden bestimmte Felder natürlich frei. Die berühmten letzten Fragen, die die Religionen ja immer beackert haben, die sind jetzt gewissermaßen dem eigenem Nachdenken überantwortet. Insofern würde ich nicht sagen, dass die Philosophie eine Ersatzreligion ist, aber sie ist die Fortsetzung der Religionen mit anderen Mitteln.

Welches sind heute die Fragen und Probleme einer zeitgemäßen Philosophie?

Wir haben in der wissenschaftlichen Welt das Problem, dass wir das Menschenbild immer weiter naturalistisch reduzieren. Das merken Sie zum Beispiel am Problem der Freiheit. Die Gehirnforschung will uns weismachen, es gäbe gar keine Freiheit. Die Gehirnforscher benutzen selbst ihre Intelligenz dazu, eine solch kühne These aufzustellen. Die benutzen die Freiheit dazu, die Freiheit weg zu erklären. Wir haben das kardinale Problem, wieder neu darüber nachzudenken, was ist menschliche Freiheit ist und wo ihre Grenzen liegen. Das sind ganz praktische Probleme. Bei der Kriminalität geht es dann um die Frage der Unzurechnungsfähigkeit zum Beispiel: Kann man jemanden zur Verantwortung ziehen oder nicht? Jetzt ist der Mörder in Norwegen für unzurechnungsfähig erklärt worden. Da gibt es einen großen Bedarf an philosophischer Reflexion.

In Ihrem Buch "Romantik, eine deutsche Affäre" sprechen Sie von dem Spannungsverhältnis zwischen Romantik und Politik. Gibt es auch ein Spannungsverhältnis zwischen Philosophie und Politik?

Das kommt auf die Philosophie an. Wir haben unselige Zeiten hinter uns, wo bestimmte philosophische Konzepte, denken Sie an den Marxismus, das war ja ein philosophisches Konzept, sich auf Biegen und Brechen verwirklichen wollten. Diese Art der Philosophie, die zur Praxis drängt mit einer allzu großen Gewissheit, die richtige Idee zu haben, kann ganz gefährlich werden. Deswegen plädiere ich mehr für eine Philosophie, die allzu große Gewissheiten wieder relativiert, eine Philosophie, die zur Vorsicht und Skepsis anhält. Und das ist auch eine ehrwürdige alte philosophische Tradition, die dem angeblichen Wissen in die Parade fährt.

Welche Formen des Philosophierens sprechen heute ein großes Publikum an?

Ich denke, es sind die Formen des Philosophierens, die nach der Ethik fragen, nach dem glücklichen oder nach dem guten Leben. Das sind, nennen wir es mal ruhig so, die Lebenshilfephilosophien bis hin zum Lifestylephilosophieren.

Welche Rolle spielt die Philosophie heute in den Medien?

Eine größere Rolle als früher, das muss man sagen. Ich mache mit Peter Sloterdjik seit zehn Jahren das "Philosophische Quartett". Und das ist ja schon bemerkenswert für die Medienlandschaft. Wir reden über alle möglichen Probleme, die uns auf den Nägeln brennen. Wir hatten zum Beispiel das letzte Mal ein Quartett über die Frage des Klimawandels. Und da ist dann überraschend zu beobachten, dass die Wissenschaft, der Klimaforscher sich selbst aufspielt wie eine Kirche und von Klimadissidenten spricht, wenn es um Ansätze geht, die nicht ganz ins Konzept der gängigen Klimaforschung passen. Da beobachtet man eine politisch angestachelte Dogmatisierung, die man selber wiederum mit skeptischen Fragen auflockern muss. Und dann merkt man, dass auch die seriösen Wissenschaften immer wieder dazu neigen, zu Glaubensgemeinschaften zu werden.

Das Gespräch führte Gudrun Stegen

Redaktion: Silke Wünsch

Rüdiger Safranski ist Philosoph und Schriftsteller, Mitglied des PEN-Zentrums und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.