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Kultur

Philosoph Michail Ryklin: "Putin zieht die Schrauben in der Kultur weiter an"

Die Sanktionen des Westens gegen Russland treffen indirekt auch die Kultur. Künstler, die nicht patriotisch auf Putins Seite stehen, werden nicht gefördert, erläutert der Philosoph Michail Ryklin im DW-Interview.

Portrait Michail Ryklin (Foto: DW/G.Schließ)

Der russische Philosoph und Wissenschafler Michail Ryklin auf der Berliner Diskussionsveranstaltung der Hertie School of Governance

DW: Herr Professor Ryklin, seit zwei Jahren sind die Sanktionen des Westens gegen Russland in Kraft. Welche Auswirkungen hat das auf das russische Kulturleben und den kulturellen Austausch mit Deutschland und anderen europäischen Ländern?

Michail Ryklin: Die Sanktionen haben die Situation der russischen Kultur weiter verschlechtert. Das ist leider immer so bei Sanktionen. Aber noch entscheidender als die Sanktionen selbst ist die Reaktion der Regierung darauf. Es ist zwar nicht das Ziel der Sanktionen, russischen Künstlern zu schaden, aber indirekt passiert das. In Russland genauso wie in Belarus oder auch im Iran. Ich bin nicht gegen die Sanktionen. Wer gegen Völkerrecht verstößt, der muss Konsequenzen tragen. Aber ich verschließe die Augen auch nicht vor den Nebenwirkungen: Die Putin-Regierung reagiert auf die Sanktionen und zieht die Schrauben auch in der Kultur weiter an.

Was heißt das konkret?

Die Eliten und ein Großteil der Bevölkerung halten die Sanktionen für ungerecht. Russland fühlt sich wie eine belagerte Festung, umgeben von Feinden. Von Künstlern wird erwartet, dass sie patriotisch sind. Künstler, die Beziehungen zum Westen haben, bekommen keine finanzielle Unterstützung mehr aus der Staatskasse.

Besonders schwierig ist die Situation für die jüngeren Künstler, die noch vieles vor sich haben. Ihnen wird gesagt, wenn du diese Unterstützung aus dem Westen bekommst, dann bist du ein Feind. Wenn du Geld aus russischen Quellen haben willst, dann musst du patriotischer werden. Das heißt, du musst deine Kunst so gestalten, dass die Behörden sagen, das ist ein patriotischer Künstler. Man balanciert zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder ich bin frei und setzte fort was ich bisher gemacht habe oder ich ändere meine Position und werde patriotisch.

Heißt das, dass Putin auf die russischen Künstler nach den Sanktionen Druck ausübt, wieder zu einer Art Staatskunst zurückzukehren, wie das schon zu kommunistischen Zeiten der Fall war?

Angesichts der Sanktionen verteidigt sich das Regime mit allen möglichen Mitteln: politisch, militärisch, wirtschaftlich und auch in der Kultur. Beispiel Krim: Die Krim ist russisch geworden und die Regierung will, dass so viele Künstler wie möglich diese Annexion unterstützen. Wer sich weigert und sagt, die Krim ist ukrainisch, für den wird es schwierig. Und wer die Annexion der Krim künstlerisch unterstützt, der hat Probleme im Westen.

Müssen die Künstler, die ihren eigenen Weg gehen, die auf die Freiheit der Kunst bestehen, auch um Leib und Leben fürchten?

Nein, ich denke, die meisten sind nicht bedroht. Aber jeder muss sehen, wie er über die Runden kommt. Die Mehrheit in dieser heiklen Situation sagt, ich werde die Krim-Annexion nicht öffentlich unterstützen, aber ich werde mich auch nicht dagegen äußern. Jeder möchte irgendwie sein Gesicht wahren.

Diskussionspanel bei der Hertie School of Governance (Foto: Wolfgang Borrs)

Angeregte Diskussion in der Hertie School of Governance.

Sie haben gesagt, wer mit dem Westen kooperiert, der gilt als Agent. Führt das dazu, dass es weniger gemeinsame Projekte gibt?

Vor zwei Jahren wurde von Putin die Redewendung "Fünfte Kolonne" lanciert. Für ihn sind diejenigen, die ihn nicht unterstützen, potentielle Verräter. Fünfte Kolonne ist ein Ausdruck aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Das sind diejenigen, denen man nicht vertrauen kann.

Zu Beginn des Interviews erwähnten Sie, dass die Sanktionen eine bereits schwierige Situation noch schwieriger gemacht haben. Wie schwierig war es denn vorher für die russischen Künstler?

Schon im Jahre 2003 wurde in Moskau die Ausstellung "Achtung Religion" von Randalierern verwüstet. Die Randalierer wurden freigesprochen, die Organisatoren vor Gericht gestellt. Auch meine Frau, die als Künstlerin daran teilnahm, wurde strafrechtlich verfolgt. Sie wurde freigesprochen, aber zwei andere Organisatoren wurden zu Geldstrafen verurteilt. Das gleiche geschah bei der Ausstellung "Verbotene Kunst". Wieder standen die Organisatoren vor Gericht. Und dann Pussy Riot. Der Fall ist bekannt. Die beiden Sängerinnen des Punk-Gebetes verbrachten zwei Jahre hinter Gittern. Das alles geschah noch vor der Verhängung der Sanktionen.

Herr Ryklin, was bleiben Künstlern und Wissenschaftlern für Möglichkeiten, in Zeiten der Sanktionen und des erhöhten Drucks aus dem Kreml, ein bisschen von der Freiheit der Kunst und der Wissenschaft zu retten?

Was mich persönlich angeht: Vor acht Jahren ist meine Frau hier in Berlin ums Leben gekommen. Sie hat Selbstmord begangen. Einer der Gründe dafür war diese Verfolgung. Sie war psychisch sehr stark belastet. Ich selber pendele zwischen Berlin und Moskau. Ich bleibe an der Akademie der Wissenschaft in Moskau, aber ich verbringe mehr Zeit in Deutschland. Das ist die Lösung in meinem Fall. Und es gibt in Russland noch einige Institutionen mit relativer Freiheit, etwa im Bereich von Musik oder bildende Kunst. Jeder macht das Beste daraus. Wie es weiter geht, weiß nur Gott.

Der Philosph und Wissenchaftler Michail Ryklin ist Mitglied an der Akademie der Wissenschaft in Moskau. Auf einer Veranstaltung der Hertie School of Governance und des Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA) am 13. Mai 2016 diskutierte er über das Thema Sanktionen und ihre Auswirkungen auf die kulturellen Beziehungen. Auf der Veranstaltung stellte das IFA auch erste Ergebnisse seiner gleichnamigen Untersuchung vor.

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