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Testseite Politik

"Phantom-Mörderin" ist wirklich ein Phantom

Das Rätsel um das "Phantom von Heilbronn" ist gelöst: Die Gen-Spuren stammen nicht von einer Mörderin, sondern von einer Arbeiterin, die mit den Wattestäbchen in Berührung gekommen war. Die Panne hat Konsequenzen.

Männlicher Torso mit Auswertung von DNA-Konstellation

Es war die vermutlich größte Ermittlungspanne der vergangenen Jahre: Weil Ermittler der Polizei an 40 Tatorten dieselbe DNA-Spur fanden, gingen sie von einer "Phantomtäterin" aus, die an all diesen Delikten - darunter der Mord an einer Polizistin - beteiligt gewesen sein sollte. Am Freitag (27.03.2009) mussten Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart offiziell einräumen, dass die DNA-Spur von einer Arbeiterin in einem bayerischen Verpackungsbetrieb stammt. Von dort werden die Wattestäbchen für die Ermittlungsbehörden versandt. Die Suche nach den Tätern in den ungeklärten Fällen muss nun von vorne beginnen.

Die Panne, die rund eine Million polizeiliche Überstunden in den vergangenen beiden Jahren verursacht hat, führt zum Nachdenken über den zukünftigen Umgang mit dieser Ermittlungstechnik. Einig sind sich Politiker und Kriminologen darüber, dass die Fehler so schnell wie möglich aufgeklärt werden müssen, um Konsequenzen für die Zukunft ziehen zu können. Das gilt besonders für polizeiinterne Arbeitsabläufe, denn die Suche nach dem Phantom hat nicht nur Zeit, sondern auch sehr viel Geld verschlungen.

Technikglaube ist erschüttert

Mitarbeiter des Landeskriminalamtes betrachtet graphische Umsetzung einer DNA-Analyse. (Foto: AP)

LKA-Mitarbeiter mit grafischer Darstellung einer DNA-Analyse

Eine DNA-Spur am Tatort sagt nichts darüber aus, wie sie dorthin gekommen ist und was der Träger der DNA am Tatort wollte. Aber durch DNA-Analysen ist mit einer mehr als 99-prozentigen Sicherheit zu ermitteln, wem sie gehört. Das ist ein sehr hoher Prozentsatz, dennoch ist das Vertrauen in die Sicherheit derartiger Analysen erschüttert. Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes hob in einem ZDF-Interview hervor, dass durch DNA-Analysen in den USA viele unschuldige Gefangene freigelassen worden seien. Das Vertrauen in die Gentechnik und die DNA-Analysen sei unter anderem deshalb gewachsen: "Aber der Glaube, dass allein eine DNA-Analyse einen Täter überführen kann, ist jetzt endlich erschüttert worden und das ist gut so, weil die Polizei ja nebenbei noch immer andere Ermittlungswege gehen muss."

Verunreinigte Wattestäbchen in der Hand eines Ermittlers - vermutlich die Quelle der Phantomspuren an verschiedenen Tatorten. (Foto: dpa)

Verunreinigte Wattestäbchen waren die Verursacher von "Phantomspuren" an verschiedenen Tatorten

"Das Phantom ist ein Phantom" - so titelt die Frankfurter Allgemeine Zeitung und zielt damit auf Pannen bei den Ermittlern ab. Denen wird vorgehalten, viel zu lange die Möglichkeit missachtet zu haben, dass sie mit verunreinigtem Arbeitsgerät die DNA-Spur selbst an die verschiedenen Tatorte gebracht haben könnten. Im Deutschlandfunk richtete der baden-württembergische Justizminister Ullrich Groll hingegen den Fokus der Kritik auf die Hersteller der Wattestäbchen: "Das ist dann sicher nicht ein Problem der Ermittler, sondern des Herstellers und der mangelnden Qualität. Die Ermittler selber haben ja nichts falsch gemacht."

Steril und sauber

Porträt von BKA-Praesident Joerg Ziercke während einer Pressekonferenz (Foto: AP)

BKA-Präsident Jörg Ziercke

Die Hersteller, so die jetzt häufig formulierte Forderung, müssten in Zukunft für ein höheres Maß an Sauberkeit und Sterilität jener Utensilien sorgen, die von den Ermittlern bei ihrer Arbeit am Tatort eingesetzt werden. Bernd Brinkmann hat viele Jahre das Institut für Rechtsmedizin an der Universität Münster geleitet. Er verlangte im Westdeutschen Rundfunk sogar mehr als nur Sterilität im medizinischen Sinne. "Steril heißt nicht DNA-frei. Steril heißt mikrobenfrei." Jede Berührung mit dem Material würde dieses verseuchen, deshalb werden sämtliche Utensilien, die den Ermittlern zur Verfügung gestellt werden, anschließend sterilisiert. "Die Mikroben sind dann tot, aber die DNA überlebt das."

Auch weiterhin DNA-Analysen

Mikrobiologe hält Virusprobe in der Hand. (Quelle: AP)

Das Arbeitsgerät für Ermittler muss steril und frei von Bakterien und Viren sein

Trotz der Vorwürfe gegen Ermittler und der Kritik am Hersteller der Wattestäbchen hält der Präsident des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke auch in Zukunft an DNA-Analysen fest. Aber auch er sah in einem Interview des Deutschlandfunks Handlungsbedarf, damit die eingesetzten Materialien den Ansprüchen genügen. "Medizinisch steril sind diese Wattestäbchen, aber die besondere Anforderung ist eben die, dass bei DNA-Spuren selbst die medizinische sterile Verpackung nicht ausreicht." Es gebe spezielle Verfahren, die man anwenden könnte, um das Problem besser in den Griff zu bekommen. "Wir werden das auch tun müssen."

Aber unabhängig davon, wie die Zukunft der Arbeitsgeräte von Ermittlungsbeamten aussieht, müssen rasch Mittel und Wege gefunden werden, die die Wiederholung einer derartigen Panne möglichst ausschließen.

Autor: Matthias von Hellfeld

Redaktion: Dеnnis Stutе