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Asien

Pfusch am Bau in Bangladesch

Beim Einsturz eines Hochhauses bei Dhaka sind Hunderte Menschen - vor allem Textilarbeiterinnen - gestorben. Illegale Praktiken am Bau gehören zum Alltag in Bangladesch.

Das Unglück ereignete sich in einem achtstöckigen Hochhaus in Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka. Das Gebäude - "Rana Plaza" genannt - gehörte Sohel Rana, einem Politiker der regierenden Awami-Liga. In den beiden unteren Stockwerken befanden sich eine Privatbank, Geschäfte und Büros. Auf den oberen Etagen hatten sich fünf Kleidungsfabriken eingemietet, die fertige Kleidungsstücke für das westliche Ausland produzierten. Zu den Kunden gehörten Firmen aus Großbritannien und Spanien. Weitere Firmen aus Deutschland, Frankreich, Italien und den USA prüfen zur Zeit, ob sie mit den Firmen zusammengearbeitet haben.

Der Zusammenbruch des Hauses sei der jüngste in einer Serie von Unfällen in Bangladeschs Textilfabriken, sagt Brad Adams von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch: "Die Regierung, Fabrikbesitzer und die internationale Bekleidungsindustrie zahlen Arbeitern in Bangladesch Löhne, die zu den niedrigsten der Welt gehören, haben aber nicht den Anstand, sichere Arbeitsbedingungen zu schaffen für diejenigen, die die Kleidung für Menschen aus aller Welt nähen." Schätzungen zufolge sind bei Fabrikunfällen in der Bekleidungsindustrie Bangladeschs in den vergangenen drei Jahren mehr als 500 Arbeiter gestorben.

Eine verletzte Frau wird aus den Trümmern getragen (Foto: Reuters)

Mehr als 2.000 Menschen konnten bis Freitag (26.04.2013) aus den Trümmern gerettet werden

Der Unfall in Savar zeigt, dass viele dieser Unfälle sich vermeiden lassen. Bereits zwei Tage vor dem Unglück hatte ein Beamter der Stadtverwaltung festgestellt, dass es Risse in sechs tragenden Stützsäulen des Gebäudes gab. Darauf hin forderte die Stadtverwaltung die Mieter auf, das Haus zu räumen. Der Hausbesitzer Sohel Rana intervenierte und versicherte, das Gebäude sei in bester Ordnung. Er soll die Näherinnen persönlich aufgefordert haben, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, so ein Korrespondent der Deutschen Welle. Kurz darauf brach das Hochhaus in sich zusammen.

Suche nach Opfern

Bis Montag (29.04.2013) konnten etwa 2.400 Verletzte aus den Trümmern gerettet werden. Über 380 Todesopfer wurden bis dahin gezählt, rund 600 Personen werden noch vermisst. Wieviele Menschen sich in dem Gebäude aufgehalten haben, ist unklar. Oft beschäftigen die Textilfirmen viel mehr Näherinnen, als sie offiziell angeben.

Der Vorsitzende der städtischen Planungsbehörde, Mohammad Nurul Huda, erklärte gegenüber der Deutschen Welle, Bauherren müssten eine Erlaubnis seiner Behörde einholen, wenn sie ein mehrstöckiges Haus bauen wollten. Anscheinend habe man Sohel Rana die Erlaubnis für den Bau eines Gebäudes erteilt. Er habe aber dann ohne Genehmigung vier weitere Stockwerke darauf gesetzt, so die Behörde. Außerdem wurde das Haus illegal auf einem Grundstück gebaut, das früher ein Teich war. Der weiche Boden komme als Ursache für die Katastrophe in Frage, sagen Experten. Weitere Faktoren seien die Verwendung von minderwertigem Baumaterial und möglicherweise auch das hohe Gewicht der Nähmaschinen in den oberen Etagen.

Illegale Praktiken

Trümmer des eingestürzten Hauses in Sarvar (Foto: picture-alliance/dpa)

Ein Fünftel der mehrstöckigen Häuser im Großraum Dhaka gilt als einsturzgefährdet

Dass solche illegale Praktiken am Bau in Bangladesch zum Alltag gehören, ist seit Jahren bekannt. Oft werden Bau- und Feuerschutzvorschriften ignoriert. Elektroleitungen liegen frei herum oder hängen von Decken und Wänden. Um Geld zu sparen, werden Fundamente nicht tief genug gebaut. Häufig werden Gebäude zweckfremd genutzt. Falls der Pfusch bei der Gebäudeabnahme auffällt, wird der zuständige Beamte der Bauaufsichtsbehörde eingeschüchtert oder einfach bestochen. Die Folge: Mit erschreckender Regelmäßigkeit brechen Gebäude zusammen oder brennen ab.

"Etwa jedes fünfte von Dhakas 360.000 mehrstöckigen Haus gilt als hochgradig risikoreich und kann jederzeit zusammenbrechen", erklärt Professor ASM Maksud Kamal, Experte für Katastrophenmanagement in Dhaka gegenüber der Deutschen Welle. Hinzu kommen weitere 135.000 Gebäude, die als teilweise gefährdet bis gefährlich eingestuft werden. "Die Häuser wurden nicht nach den geltenden Regeln gebaut."

Offene Fragen

Die Behörden müssen nun viele wichtige Fragen beantworten. Wie war es zum Beispiel möglich, dass der Hausbesitzer die Näherinnen auffordern konnte, trotz der festgestellten Risse das Haus wieder zu betreten? Warum war das Wort eines Politikers wichtiger als die Warnung der Stadtverwaltung? Warum hat die Regierung geltende Bauvorschriften nicht durchgesetzt? Warum schritten die Behörden nicht gegen das illegale Bauwerk ein? Bislang blieben die Antworten aus.

Der Hausbesitzer Sohel Rana wurde am Sonntag (28.04.2013) verhaftet. Der Vorwurf: Er habe beim Bau des 2006 fertiggestellten Hauses Baumaterialen von schlechter Qualität benutzt. Unter anderem wurden auch vier Fabrikbesitzer verhaftet, die ihre Arbeiter trotz der Warnungen vor Bauschäden zur Arbeit gezwungen hätten.

Ministerpräsidentin Sheikh Hasina Wased stattete den Verletzten einen Besuch ab und versprach für mindestens 1.000 von ihnen neue Arbeitsplätze und medizinische Versorgung. Die Regierung kündigte an, einen Ausschuss einzusetzen, der die Sicherheit und das Arbeitsumfeld in den über 4.000 Textilfabriken Bangladeschs zu untersuchen soll.

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