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Deutschland

Pflegen statt spielen

Wenn Menschen in Deutschland chronisch erkranken und täglich Hilfe brauchen, kommt nicht immer ein Pflegedienst ins Haus. Oft werden diese Kranken von ihren minderjährigen Kindern versorgt.

Die 44-jährige Astrid ist gelernte Arzthelferin und Mutter von zwei Töchtern. Eigentlich könnte sie glücklich sein, doch Astrid leidet an Multipler Sklerose. Als der Arzt ihr die Diagnose mitteilte und wie sich die Krankheit entwickeln wird, da "hatte ich das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen weg bricht", berichtet sie. "Am schlimmsten fand ich, auf Hilfe angewiesen zu sein, nicht mehr selbst die Familie versorgen zu können." Sie weiß, dass sie ohne die Hilfe ihrer älteren Tochter nicht mehr zurechtkommen wird. Nicht mehr gemeinsam mit den Töchtern in ihrer Wohnung leben zu können, das ist für sie die größte Sorge.

Übersehenes Problem

Krankenwagen-Holzspielzeug. (Foto: Fotolia)

Pflegen statt spielen: Für manche Kinder ist das Alltag

Bislang wusste man über die Gruppe pflegender Kinder in Deutschland so gut wie nichts, denn sie existierte im öffentlichen Bewusstsein praktisch nicht. Mitarbeiter des Instituts für Pflegewissenschaften an der Universität Witten/Herdecke haben in einer bundesweiten Studie diesem Phänomen nachgespürt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass in der Bundesrepublik mehr als 200.000 Minderjährige die Pflege ihrer chronisch kranken Eltern übernehmen. Diese Kinder, stellt Sabine Metzing-Blau von der Uni Witten/Herdecke fest, "machen alles, was erwachsene pflegende Angehörige auch tun." Sie helfen ihren kranken Eltern unter anderem dabei, sich zu waschen und fortzubewegen. Sie kümmern sich darum, dass ihre Eltern die Medikamente einnehmen, und versorgen deren Wunden.

Nicht selten führen sie zudem den Haushalt allein, kümmern sich um jüngere Geschwister und übernehmen dabei sehr viel Verantwortung. "Und selbst wenn noch ein gesundes Elternteil da ist, kümmern sie sich auch noch an dieser Stelle und versuchen, Trost zu spenden", sagt Metzing-Blau.

Familien schotten sich ab

Wenn Eltern an Multipler Sklerose, rheumatischen Erkrankungen oder Krebs leiden, können die Minderjährigen das, was man als kindgerechtes Leben bezeichnet, kaum noch führen. Aber auch psychische Erkrankungen wie manische Depressionen machen aus Eltern Pflegefälle.

Der Tag von Julia, der 15-jährigen Tochter von Astrid, ist ausgefüllt: "Ich stehe als Erste zu Hause auf und mache mich fertig. Dann helfe ich meiner Mutter aus dem Bett, unterstütze sie im Bad und ziehe sie an, kämme ihr die Haare und mache das Frühstück, auch für meine Schwester“, berichtet sie, "und dann gehe ich selbst zur Schule." Nachmittags räumt sie die Wohnung auf, geht einkaufen, holt Medikamente aus der Apotheke und passt auf, dass die jüngere Schwester Hausaufgaben macht. "Und wenn schönes Wetter ist, fahre ich meine Mutter im Rollstuhl spazieren." Zeit für Freunde bleibt da kaum.

Kranke Eltern, hat Metzing-Blau festgestellt, haben große Angst davor, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen: Sie befürchten, dass ihnen andernfalls ihre Kinder weggenommen werden. "Was häufig dazu führt, dass sie sich abschotten", erläutert die Wissenschaftlerin.

Eine Hand mit Bleistift deutet auf ein Röntgenbild. (Foto: dpa)

Die Diagnose Krebs kann Eltern zu Pflegefällen machen.

Manche Ärzte schauen weg

Selbst Ärzte, die zu Hausbesuchen kommen, schauen nach Einschätzung von Metzing-Blau lieber weg. "Es gibt Hausärzte, die sogar wissen, dass diese Kinder zu Hause pflegen und die ihnen noch auf die Schulter klopfen: 'Das machst Du prima!'", kritisiert sie. "Andererseits gibt es sicherlich auch sehr engagierte Mediziner, die versuchen, etwas über Pflegedienste zu erreichen." Oft fehle den Familien die Offenheit, sich zur Dramatik ihrer Lage zu bekennen, so Metzing-Blau: "Dann sieht der Hausarzt nur eine gut versorgte Wunde und einen schön geführten Haushalt, aber wer dafür verantwortlich ist, wird nicht hinterfragt."

Darum hat das Pflegeinstitut der Uni Witten/Herdecke ein Internet-Forum geschaffen, das betroffenen Kindern, aber auch den Eltern, die Möglichkeit zum Austausch ermöglichen soll. "Weil wir aus unseren Studienergebnissen ableiten können, dass es ein zentrales Bedürfnis aller Betroffenen ist, jemand zum Reden zu haben", sagt Metzing-Blau.

Darüber hinaus gibt das Internet-Angebot Auskunft über Anlaufstationen für Hilfsprojekte im gesamten Bundesgebiet. "Dort kann man sein Bundesland anklicken, seine Stadt einfügen, um in Erfahrung zu bringen, ob es eine Einrichtung in der Nähe gibt", erklärt Metzing-Blau. "Was muss ich tun, wie kann ich dahin kommen, muss ich dafür etwas bezahlen - diese Fragen beantworten wir."

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